Grenzen überschreiben

Mit der mehrsprachigen Anthologie «Grenzschreiben» tritt der Driesch Verlag zum ersten Mal und gleich mit einem ebenso grenzüberschreitenden wie völkerverbindenden Projekt an die Öffentlichkeit. Das Buch vereint Prosa- und Lyriktexte je zweier Autoren aus Österreich, der Slowakei und Tschechien. Während die Texte der slawischen Nachbarn ins Deutsche übersetzt wurden, enthält der Band zu den deutschen Texten der österreichischen Autoren eine tschechische Übertragung.


Die aus Wiener Neustadt stammende Katharina Tiwald eröffnet den Reigen mit einer Erzählung rund um Joseph Haydn und seinen Aufenthalt in England. Verwoben in die Geschichte des österreichischen Komponisten finden sich Begegnungen mit Mozart, Szenen der Verbindung von Admiral Nelson und Lady Hamilton sowie Anklänge an die Zeit der napoleonischen Kriege und starker Gefühle, von deren Ausschlachtung sich so mancher Schauspieler noch heute nährt. Aus wenig bekannten historischen Belegen und erzählerischem Feingefühl spannt die Autorin einen Bogen zwischen dem monarchischen Österreich und den britischen Inseln.

Jozef Špaček aus der Westslowakei schreibt Kurzgeschichten, die aus Alltagssituationen heraus entstehen und in witzigen Pointen enden. In «Zlodej čaju/Der Teedieb» beschreibt er die Geschichte eines Literaturrezensenten vor den Hintergründen der kommunistischen Zensur und der politischen Wende, die lediglich eine neue Generation von Abhängigkeiten und Machtverteilungen hervorbrachte. Der Rezensent steht dabei im Mittelpunkt der Erzählung, und so tritt der sehr ernste Rahmen äußerst behutsam ins Bewusstsein des Lesers.

Die mährische Autorin Věra Fojtová ist mit Ausschnitten aus ihrem Roman «Odpusť nám jejich veny/Verzeih uns ihre Schuld» vertreten. Sie thematisiert darin die Situation im südmährischen Grenzgebiet kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, die Aussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung und die Schicksale von Ansiedlern aus der Walachei.

Der Slowake Milan Richter legt eine Reihe von Kurzprosatexten und Gedichten vor. Während die Kurzprosa auch lyrische Anklänge aufweist, zeichnet sie sich insbesondere durch einen oft hintergründigen Humor aus. In «Omyly Stevena Hawkinga/Die Irrtümer des Stephen Hawking» heißt es: «Das All dehnt sich aus von einem Punkt, und alles fließt, seit Anbeginn bis hin zu seinem Untergang. Die Schale fällt auf den Küchenboden und dehnt sich in tausend Scherben aus, die niemand mehr zu einer Schale kitten kann.» Die freirhythmischen Gedichte, teils vom Autor selbst, teils von Reiner Kunze ins Deutsche übertragen, erzählen ebenfalls kurze Geschichten und erinnern in gewisser Weise an die klassischen Balladen. Doch Witz und Skurrilitäten nehmen in dieser Anthologie, so hat man als Leser den Eindruck, immer breiteren Raum ein, je weiter man in der Lektüre fortschreitet.

Schließlich geleitet der in Prag lebende Pavel Řezníček mit Ausschnitten aus seinem Buch «Hvězdy kvelbu/Sterne des Gewölbes» endgültig in eine narrative Geisteswelt, die, nach Kafka und Hašek, Meyrink und Jesenský wohl als eine mitteleuropäische gilt, kleinbürgerliche Szenerien beschreibt und mit skurrilen Elementen arbeitet. Die «Stars der Poesie», die im «schmuddeligen Zwirngeschäft» der Hauptperson auftauchen, lassen jedenfalls sofort an das Ambiente tschechoslowakischer Kinderfilme denken, die wir in guter Erinnerung behielten. Řezníček schreibt aus einer starken Erzählerposition, die ihm erlaubt, weit auszuholen, vom einen zum anderen zu gelangen, das, was er erzählen möchte, x-mal zu unterbrechen, um in überbordender Unterhaltsamkeit über Beiläufigkeiten und Randthemen zu schwadronieren. Viel des Witzes zieht er aus dieser gut gewählten Erzählhaltung. Und zu den haarsträubenden kleinen Ereignisse im Leben der Protagonisten fällt mir das Etikett «kafkaesk» ein – trefflich in mehrerlei Hinsicht.

Den Abschluss des Reigens bilden Kurzgeschichten des Herausgebers Haimo L. Handl. Auf den ersten Blick unzusammenhängende Kurz- und Kürzestprosa, erweist sich bald, dass ein guter Teil dieser Texte einen erzählerischen Bogen spannt. So werden vor allem Figuren wiederholt verwendet; die Rede ist von den Großeltern, und es entsteht der Eindruck, hier spielten auch persönliche Erinnerungen des Autors eine gewisse Rolle. Vieles wurde von den Großeltern berichtet, und das Staunen des Erzählers über Episoden aus einer Zeit, in der Oma Anna-Maria und Opa Jiři jung waren, gibt den Geschichten einen Anstrich des Mythischen. In einem der kürzesten Texte heißt es: «Die Welt sei eine Scheibe. Nein, eine Kugel. Ein Oval. Ovalationen. Ostentatives Wegschauen. Nichts dergleichen. Öffne die Tür der Nachbarin, ich habe Hunger.»

Als ich das Buch zu lesen anfing, glaubte ich, gleich am Beginn auf eine literarische Perle gestoßen zu sein. Beim zweiten Autor dann aber wieder: eine Perle! Allmählich wurde klar, dass diese Anthologie keineswegs nur einer Auster gleicht, in der sich – zufällig – eine einzelne Perle findet, sondern eher einer ganz bewusst geknüpften Perlenkette. «Grenzschreiben» bietet Hochliterarisches aus Teilen Europas, die eine Menge Geschichte gemein haben und wo vermutlich gerade deshalb die Mentalitäten unterschiedlicher Völker einander ähneln. Die Übersetzungen wurden von Pavlína Amon, Milena Gartler und Gerlinde Tesche angefertigt. Dem Driesch Verlag ist jedenfalls zu wünschen, dass er noch mehr solche Projekte ins Leben ruft. Klaus Ebner

Haimo L. Handl (Hrsg.):
Grenzschreiben/Psaní na hranici/Hraničné písanie

Prosa und Lyrik, 217
Seiten
Driesch Verlag, Drösing 2008, ISBN 978-3950264708

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