Kunst und die Suche nach den Ursprüngen

02.05.2009

05.02.2009 bis 03.05.2009  Schirn Kunsthalle

Anlässlich des 200. Geburtstags von Charles Darwin im Jahr 2009 und des 150. Jahrestags der Veröffentlichung seines Schlüsselwerks «On the Origin of Species» (Über die Entstehung der Arten) zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt die Ausstellung «Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen». Darwins epochales Buch und die folgenden hitzigen Debatten über Ursprungsvorstellungen sprengten nicht nur die Grenzen der biologischen Wissenschaften, sondern drangen auch ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit.


Die Ausstellung stellt nun erstmals die Auswirkungen des Darwinismus auf die bildende Kunst in den Mittelpunkt. Allen in der Ausstellung präsentierten Künstlern war ein mehr oder weniger starkes Interesse an den Naturwissenschaften gemeinsam; sie lasen Darwins eigene Schriften oder Texte, die sich mit seinen Theorien beschäftigten. Anhand von rund 150 Gemälden, Zeichnungen und Lithographien sowie seltenem Dokumentationsmaterial zeigt die Schirn Künstler wie Frederic Church, Martin Johnson Heade, František Kupka, Odilon Redon, George Frederic Watts, Arnold Böcklin, Gabriel von Max, Alfred Kubin oder Max Ernst und spannt einen zeitlichen Bogen von 1859 bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Darwins frühes Interesse an der Naturgeschichte wurde von Alexander von Humboldts Bericht über dessen Reise nach Südamerika (1799–1804) angeregt. Dieses Werk war so wichtig für Darwin, dass es ihn auf seiner fünfjährigen Weltreise auf dem Forschungsschiff «Beagle» (1831–1836) begleitete. Als er Brasilien erreichte, schrieb er in sein Tagebuch: «Humboldts Beschreibungen sind unvergleichlich und werden es immer sein.» Als er dann Jahre später «On the Origin of Species» (1859; dt.: Über die Entstehung der Arten, 1860) veröffentlichte, stellten die zentralen Begriffe seiner Theorie der natürlichen Selektion oder «Zuchtwahl» – Konkurrenz, Kampf und Fortpflanzungserfolg – einen radikalen Gegenentwurf zu Humboldts Konzeption dar, der zufolge die Natur eine harmonische Einheit bildete. Für Darwin ist die Natur ein Schlachtfeld ohne ein höheres Ordnungsprinzip oder eine innere Wirkkraft.

«On the Origin of Species» wurde schon bald in zahlreiche Sprachen übersetzt und war nicht nur in der Welt der Wissenschaft ein großer Erfolg. Die darin formulierten Ideen setzten eine heiß geführte Diskussion über Ursprungsvorstellungen in Gang, die über die illustrierte Presse breite Bevölkerungsschichten erreichte. Die Fortschritte, die in dieser Zeit in der Druck- und Lithographietechnik gemacht wurden, kamen dieser Entwicklung zugute. Illustrierte Wochenzeitschriften konnten jetzt preisgünstig produziert werden. Auch populärwissenschaftliche Bücher und Science-Fiction-Romane wurden eifrig gelesen. Neue Veröffentlichungen Darwins heizten die Evolutionstheoriedebatten weiter an. In Deutschland trug Alfred Brehms «Illustrirtes Thierleben» (Erstausgabe 1864–1869) ebenfalls entscheidend zur Verbreitung vieler Ideen Darwins unter Erwachsenen wie Kindern bei. Gegen Ende des Jahrhunderts war dieses Werk mit etwa 1.500 Illustrationen ausgestattet, die dem Betrachter suggerierten, dass bei aller Blutrünstigkeit auch «wilde» Tiere Gefühle haben konnten.

Auch Jules Verne half mit seinen weitverbreiteten Science-Fiction-Romanen «Voyage au centre de la terre» (Reise zum Mittelpunkt der Erde, 1864) und «Vingt mille lieues sous les mers» (20.000 Meilen unter dem Meer, 1869), Darwins Ideen einem breiten Publikum nahezubringen. Schon bald wurden nicht nur unter Naturwissenschaftlern Ursprungs-, Überlebens- und Entwicklungstheorien aller Art heftig diskutiert. Auch Kultur- und Kunsthistoriker meldeten sich mit Beiträgen zu Wort. Vor allem Edward Tylor, Aby Warburg und Julius Meier-Graefe sind in diesem Zusammenhang zu nennen.

Einer der bekanntesten und vielleicht frühesten Angriffe auf Darwins Theorien war «The Reign of Law» (Die Herrschaft des Gesetzes) das George Campbell, Duke of Argyll, 1867 veröffentlichte. Zwar erschien es nicht in deutscher Sprache, doch die von Alfred Russel Wallace, der unabhängig von Darwin seine eigene Evolutionstheorie entwickelt hatte, verfasste ausführliche Kritik dieses Buchs wurde 1870 ins Deutsche übersetzt. Im Jahr darauf vertrat Darwin in «The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex» (Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, 1871) die These von der Verwandtschaft des Menschen mit den Tieren, wobei er den Tieren sogar ein «ästhetisches Vermögen» zuerkannte. Das Buch wurde bald ins Deutsche übersetzt und heizte nicht nur die Debatten über die Evolutionstheorie weiter an, sondern führte zur Entstehung großer antidarwinistischer Fronten, denen wiederum mit einer Flut von Vorträgen, Artikeln und Büchern zur Verteidigung der Theorien Darwins begegnet wurde. In Deutschland stand Ernst Haeckel an der Spitze seiner Befürworter, in England vor allem Thomas Henry Huxley, in den Vereinigten Staaten Asa Gray.

Nicht nur die Vorstellungen Darwins, sondern auch die seiner vielen Fürsprecher und Widersacher gerieten schon bald ins Blickfeld der bildenden Künstler. In Deutschland kam Arnold Böcklin spätestens 1872 mit den Theorien Darwins, Brehms und Haeckels in Kontakt und verlieh in seinen Bildern der These Ausdruck, dass alles Leben ursprünglich dem Meer entstamme. Vielfach stellen die betreffenden Gemälde hybride Wesen dar, die an das «fehlende Bindeglied» einer Evolutionskette erinnern. Auf paradoxe und nahezu komische Weise verschmolzen in diesen Werken traditionelle mythologische und christliche Motive mit den radikalen Evolutionsideen, die von der zeitgenössischen Naturwissenschaft aufgestellt wurden. Böcklins Interesse an den Debatten zur Evolutionstheorie wuchs im Laufe der 1870er-Jahre und vertiefte sich noch durch seinen Kontakt zu dem Haeckel-Schüler und Zoologen Anton Dohrn, der seine Aufgabe darin sah, Darwins Theorien durch empirische Befunde zu bestätigen. So schuf Böcklin nach einem Besuch bei Dohrn 1880 mehrere Meeresszenen, in denen Seejungfrauen und andere Meeresgeschöpfe mit menschlichen Zügen und Merkmalen ausgestattet sind.

Zwanzig Jahre später begann Gustav Klimt mit dekorativen zellenartigen Membranen bedeckte mutierte Meeresgeschöpfe zu malen, in denen sich sein Interesse an der monistischen Philosophie Ernst Haeckels manifestierte. Kurz nachdem Haeckels Die Welträtsel in der Wiener Presse rezensiert worden war, stellte Klimt in der 7. Ausstellung der Secession sein Wandbild «Philosophie» (1899–1907) aus. Damit rückte der Darwinismus ins Zentrum einer künstlerischen Kontroverse. Die Beschreibung im Katalog lässt am darwinistischen Programm des Bildes keinen Zweifel: «Linke Figurengruppe: Das Entstehen, das fruchtbare Sein, das Vergehen. Rechts: Die Weltkugel, das Welträtsel. Unten auftauchend eine erleuchtete Gestalt: Das Wissen.»

Überzeugt davon, dass alles Leben einst hermaphroditisch gewesen und aus den Tiefen des Ozeans geboren worden sei, offenbart Alfred Kubin in seinen skurril-unheimlichen Mischwesen eine bedrohlichere Sicht der Evolution. Kubins frühe Zeichnungen zeigen einen Künstler, der vom Darwinismus besessen war, der jedoch gleichzeitig den progressiven Optimismus und Rationalismus der Wissenschaftler verspottete. Er betonte die unerbittlichen Schlussfolgerungen der Evolutionstheorie und die barbarischen Wirklichkeiten von Sexualität und Zeugung.

Aus Werken von in Frankreich tätigen Künstlern wie František Kupka und Odilon Redon geht hervor, dass zwischen 1880 und 1905 die Verbreitung des Darwinismus dort nicht nur mit einem wachsenden Interesse am «L’homme primitif» einherging. Auch die Vorstellung, der Ursprung des Lebens sei in Sümpfen und Meeren zu suchen, fand ihren deutlichen Niederschlag in diesen Werken. In den USA waren die Reaktionen auf Darwins Lehren etwas zurückhaltender. Einige Maler blieben trotz ihres Wissens um Darwins Theorie überzeugte Kreationisten – hier ist vor allem Frederic Church zu nennen. Martin Johnson Heade hingegen suchte Darwins Visionen auf subtile Weise in Bilder zu fassen und zeigte die Natur als «dichtbewachsene Uferstrecke», unter deren äußerer Schönheit der Kampf um das Dasein tobt. Auch in England wurden Darwins Theorien zwar heiß diskutiert, doch die meisten Künstler hielten sich aus diesen Auseinandersetzungen heraus. Eine bemerkenswerte Ausnahme war George Frederic Watts, der in seinen Gemälden evolutionäre Prozesse als Vergeistigung der Materie sah.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurden evolutionäre Vorstellungen in zunehmendem Maß von Anthropologen und Psychologen wie James Frazer, Sigmund Freud und C. G. Jung aufgenommen. Ihre Interpretationen stießen auch bei Max Ernst auf nachhaltiges Interesse. Viele seiner Gemälde und Collagen, die auch von populärwissenschaftlichen Büchern des 19. Jahrhunderts und seinem Interesse für Paläontologie inspiriert waren, können als seine Version einer versteinerten «tiefen Zeit» bezeichnet werden, in denen nicht nur die Ursprünge, sondern auch die Zukunft des Lebens auf der Erde hinterfragt werden. Zwischen 1920 und 1933 brachte Ernst in seiner Kunst eine positive Sicht auf den Evolutionismus zum Ausdruck. Danach scheinen seine Gemälde immer deutlicher die Möglichkeit des drohenden Untergangs der Menschheit auszusprechen. Letztlich stellt diese Ausstellung Fragen zur Diskussion, auf die Darwin die Antwort schuldig geblieben ist: Ist Evolution gleichbedeutend mit Fortschritt? Kann die Menschheit überleben? Diese Fragen sind möglicherweise die dringlichsten, mit denen die Menschheit des 21. Jahrhunderts konfrontiert ist.

Einen Raum zur Einführung in Leben und Werk von Charles Darwin zeigt die Schirn in Kooperation mit dem Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg. Ein Raum, der Teile der wissenschaftlichen Sammlung des Künstlers Gabriel von Max rekonstruiert, entsteht in Zusammenarbeit mit den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim.


Katalog: «Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen» (engl. Ausgabe: «Darwin. Art and the Search for Origins»). Herausgegeben von Pamela Kort und Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein und Texten u. a. von Jane Goodall, Pamela Kort, Marsha Morton, Robert Richards und Julia Voss. Deutsche und englische Ausgabe, je ca. 352 Seiten, ca. 300 Abbildungen, Wienand Verlag, Köln 2009, ISBN 978-3-87909-972-6 (deutsch), ISBN 978-3-87909-973-3 (englisch), je ca. 30 EUR (Schirn), ca. 40 EUR (Buchhandel).

Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen
5. Februar bis 3. Mai 2009

Schirn Kunsthalle
Römerberg
D-60311 Frankfurt
T: 0049 (0)69 299882-0
F: 0049 (0)69 299882-240
E: welcome@schirn.de
W: http://www.schirn.de


Öffnungszeiten

Di/Fr bis So 10 – 19 Uhr
Mi und Do 10 – 22 Uhr

 


  • Ernst Haeckel, Porpema Siphonophorea / Staatsquallen, 17. Tafel aus: Kunstformen der Natur, 1899-1904. 100 Farblithografien, 36,3 x 27,4 cm. Ernst-Haeckel-Archiv, Friedrich-Schiller-Universität Jena; © Ernst-Haeckel-Haus, Jena
  • Max Ernst, La Bicyclette Graminée garnie de Grelots les Grisons grivelés et les Échinodermes Courbands Échine pour queter des Caresses, 1921. Gouache, Tusche und Bleistift auf gedrucktem Papier auf Pappe, 74,3 x 99,7 cm. The Museum of Modern Art, New York
  • Gabriel von Max, Kunstrichter, o. J. Öl auf Leinwand, 85 x 106 cm (105 x 126 cm), aus Privatbesitz. © Foto: Martin Hahn Fotodesign 2008
  • Olof Winkler nach Gustav Mützel, Chamäleon. 1 von 16 Tafeln für den 7. Band 'Kriechthiere' von Brehms Thierleben (Leipzig: 1884) 23,5 x 32 cm. Brehm-Gedenkstätte, Renthendorf/Thüringen; © Brehm-Gedenkststätte, D-Renthendorf/Thüringen
  • Frantisek Kupka, Antropoides, 1902. Gouache auf Karton, 59,5 x 62 cm Courtesy Jiøí Svestka Gallery, Prague. © VG Bild-Kunst, Bonn 2008; © Foto: Martin Polak
  • Alfred Kubin, Wissenschaft, ca. 1901/02. Tuschfeder, laviert, gespritzt, Einfassungslinie auf Katasterpapier, 29,4 x 25,6 cm. Leopold Museum, Wien; © VG Bild-Kunst, Bonn 2008
  • Arnold Böcklin, Meeresidylle, 1887. Öl auf Holz, 168 x 225 cm. Belvedere, Wien; © Belvedere, Wien
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