Look Both Ways

13.03.2007 Walter Gasperi

Keine große Exposition, kein echtes Ende. – Wunderbar offen und unprätentiös erzählt die Australierin Sarah Watt in ihrem Spielfilmdebüt anhand von mehreren Menschen, deren Wege sich bei einem Zugunglück kreuzen, vom Leben angesichts der Allgegenwart des Todes.


Animationsfilme hat Sarah Watt bisher gedreht. Diese Wurzeln fließen auch in ihren ersten Spielfilm ein, denn während sie die Gedanken, Erinnerungen und Visionen des Fotoreporters Nick mit rasanten Fotomontagen und knappen Rückblenden visualisiert, werden für die Angstfantasien der jungen Illustratorin Meryl kurze handgezeichnete Animationsfilme verwendet. Verspielt und leicht wird «Look Both Ways» dadurch, auch wenn das Thema ernst ist.

Denn allgegenwärtig ist der Tod nicht nur in den Gedanken Meryls, die vom Begräbnis ihres Vaters zurückkehrt, sondern auch in den Medien, die von Katastrophen berichten. Mit dem Tod ist auch Nick konfrontiert, dessen Vater vor einem Jahr gestorben ist und der nun erfährt, dass er Krebs hat. Der Film aber, dessen zeitlicher Handlungsraum auf ein Wochenende beschränkt ist, wird enden, ehe der Reporter den definitiven Befund über die Therapiemöglichkeiten und -chancen erhält. Angespannt ist auch Nicks geschiedener Kollege, der erfährt, dass seine Freundin schwanger ist sowie eine Frau, deren Mann bei einem Zugsunglück stirbt und der Lokführer, der den Unglückszug lenkte.

Ganz beiläufig verknüpft Watt die Schicksale dieser Menschen durch dieses Unglück, erzählt unaufgeregt und mit offenen Enden. Gefangen sind diese alltäglichen Figuren in ihren Ängsten, in ihrer Verzweiflung, in ihren Sorgen und ihrer Verunsicherung und selbst in einer Liebesszene steigen in Nicks und Meryls Köpfen düstere Krankheits- und Todesfantasien auf. Aber entsprechend der Aufforderung des Titels, der dem Hinweisschild am Bahnübergang entnommen ist, blickt Watt in beide Richtungen, und appelliert auch an den Zuschauer dies zu tun: Alter und Tod stellt sie ohne je dick aufzutragen unauffällig immer wieder Geburt und Kinder gegenüber.

Die Frage nach Schicksal oder Zufall, die indirekt mehrfach angesprochen wird, erweist sich dabei mit Fortdauer als nebensächlich und in den Mittelpunkt tritt der Appell an den Genuss des Augenblicks. An Tod, Verlusterfahrungen und Trennungen kommt keiner vorbei, doch daneben gibt es im Leben immer auch das Positive. Optimismus verbreitet so «Look Both Ways» nicht nur in den fünf wortlosen, mit starken Songs unterlegten Zusammenschauen der verschiedenen Lebenssituationen, sondern auch durch den durchgängigen leichtfüßigen Wechsel zwischen den Figuren und das natürliche Spiel der unverbrauchten Darsteller.

Statt ein enges Drehbuchkonzept mit einer stringenten Geschichte durchzupeitschen setzt Watt auf die feinfühlige und von sanftem Humor durchzogene Beobachtung von Situationen und lässt sich auch Zeit für leitmotivisch wiederkehrende Bilder von Bahngleisen oder auffliegenden Vögeln. – Bewusst nur Schnipsel vom Leben bietet dieser berührende Episodenfilm so, bleibt aber gerade durch die Lakonie und die Offenheit ungleich näher am echten Leben als durchkonstruierte Retortenprodukte.

Und wie in Paul Thomas Andersons «Magnolia» entlädt sich auch hier die Hitze des Wochenendes, die mit der Anspannung der Figuren korrespondiert, in einem erlösenden und reinigenden Wolkenbruch.

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