Verschränkung von Raum und Zeit

06.09.2007

07.07.2007 bis 09.09.2007  

David Lamelas gilt als einer der Pioniere der Konzeptkunst. In den 1960er und 70er Jahren bekannt geworden, produzierte er in den letzten 30 Jahren eine bestechende Werkgruppe von Filmen und Videos. Darin forderte er durchwegs unser konventionelles Verständnis, wie filmische Bedeutung produziert und Informationen übermittelt werden, heraus.


In seinen ersten Filmen beispielsweise, experimentierte Lamelas mit der Konstruktionsweise der Narration. Ihn interessierte dabei insbesondere, wie Sinn gestiftet und kontrolliert wird. Er lehnte sich in seinen Fragestellungen an das Cinema Verité an, indem er die fortdauernde Dokumentation, die ohne Schnitte und Montage operiert, zum Anlass nahm, um eine unmittelbare Zeugenschaft der Kamera zu erzeugen.

Lamelas wurde 1946 in Argentinien geboren und absolvierte eine Ausbildung als Bildhauer. Erstmals erreichte er 1968 internationale Bekanntheit, als er sein Land an der Biennale in Venedig mit dem Werk «Office of Information about the Vietnam War on Three Levels: The Visual Image, Text and Audio» vertrat. Hier machte er Bekanntschaft mit dem Galeristen von «Wide White Space» in Antwerpen sowie mit Marcel Broodthaers.

Aufgrund dieser Freundschaften zog er nach London um, wo er dank eines Skulptur-Stipendiums an der St. Martins School of Art studieren konnte. Dort erweiterte er den Skulpturenbegriff, indem er sich mit Fotografien und Textmaterial auseinandersetzte. Gleichzeitig begann er mit Film zu arbeiten. Aufgrund seines Wunschs, «skulpturale Formen ohne jegliches physisches Volumen zu schaffen», kristallisierte sich einer der Kernpunkte seines künstlerischen Interesses heraus: Die formale Beschäftigung mit Zeit, Raum und Sprache.

Während der folgenden Jahre lebte und arbeitete Lamelas abwechselnd in Europa und Amerika. Aus diesen Wohnortwechseln erwuchs ein stetes Bestreben, unbekannte Kulturräume verstehen zu wollen und diese in Filme zu überführen. Dieses Streben nach lokaler Identität, das durch die persönliche Erfahrung der unterschiedlichen Wohnorte motiviert wurde, verleiht der konzeptuellen Strenge seiner Arbeiten eine gewisse Wärme und einen wohlmeinenden Humor. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aufenthaltsorten führte aber auch zur grundsätzlichen Beschäftigung mit der Raum/Zeit-Verschränkung. «Raum ist Realität; er existiert», stellte er fest, bemerkte aber auch, dass «Zeit nicht existiert; unser Bewusstsein konstruiert sie. Zeit ist eine Fiktion».

1969 begann David Lamelas in Düsseldorf eine experimentelle Filmreihe mit dem Titel «Time as Acitivity». An drei verschiedenen Orten in der Stadt filmte er mit einer fixierten Kamera das Geschehen. Dabei folgte die Kamera keinem einzelnen Ereignis, versuchte nicht eine bestimmte Handlung einzufangen, sondern konzentrierte sich darauf, den Fluss der Stadt aufzunehmen. Das Publikum sieht sich in dieser Arbeit mit einer filmischen Situation konfrontiert, in der es keiner klassischen Narration folgen muss oder kann, sondern dazu aufgefordert ist, eine eigene Konstruktion der Erzählung zu erschaffen. Diese Offenheit des Werks sieht keine eindeutige Aussage vor, sondern deckt vielmehr indirekt die Bedingungen der Bedeutungsproduktion auf und lässt dem Betrachter Raum für seine eigenen Assoziationen und Überlegungen.

David Lamelas arbeitet nunmehr seit beinahe 40 Jahren an diesem Projekt, das er neben Düsseldorf in Berlin, Los Angeles, Warschau und dieses Jahr in New York wiederholte. Die in 16mm produzierten Filme vermitteln aufgrund ihrer beinahe wissenschaftlichen Anordnung Stadtansichten, die zu Beobachtungen auf unterschiedlichen Ebenen führen. Neben der Architektur und dem Leben auf den Strassen, wird eben auch deutlich, wie die Zeit in den verschiedenen Städten verstreicht, die von den Bewohnern gelebt und wahrgenommen wird. Für eine Ausstellung in St.Gallen wird David Lamelas eine «Time As Activity» vor Ort realisieren. In der Ausstellung wird diese Arbeit gleichzeitig mit anderen Stadtansichten zu sehen sein.

«Time As Activity» erlaubt es nun, einerseits die Kontinuität einer Werkreihe zu verdeutlichen, anderseits anschaulich einen Bezug zu St.Gallen zu schaffen. Durch das Ausstellungskonzept wird das offene Werk von Lamelas nochmals hervorgehoben und der lokale Kontext in eine grössere Einheit eingebunden.


David Lamelas: Time As Activity
7. Juli bis 9. September 2007
Eröffnung: Fr 6. Juli 07 18.30 Uhr

  • David Lamelas: Tempus agere est ­ St. Gallen, 2007; 16mm Film, 13 min. Courtesy: Jan Mot Gallery, Bruxelles, Gallery Maccarone, New York, Sprüth Magers Gallery. Photography: Simon Jaquemet
  • David Lamelas: Tempus agere est ­ St. Gallen, 2007; 16mm Film, 13 min. Courtesy: Jan Mot Gallery, Bruxelles, Gallery Maccarone, New York, Sprüth Magers Gallery. Photography: Simon Jaquemet
  • David Lamelas: Tempus agere est ­ St. Gallen, 2007; 16mm Film, 13 min. Courtesy: Jan Mot Gallery, Bruxelles, Gallery Maccarone, New York, Sprüth Magers Gallery. Photography: Simon Jaquemet
  • David Lamelas: Tempus agere est ­ St. Gallen, 2007; 16mm Film, 13 min. Courtesy: Jan Mot Gallery, Bruxelles, Gallery Maccarone, New York, Sprüth Magers Gallery. Photography: Simon Jaquemet
  • David Lamelas: Tempus agere est ­ St. Gallen, 2007; 16mm Film, 13 min. Courtesy: Jan Mot Gallery, Bruxelles, Gallery Maccarone, New York, Sprüth Magers Gallery. Photography: Simon Jaquemet
  • David Lamelas: Tempus agere est ­ St. Gallen, 2007; 16mm Film, 13 min. Courtesy: Jan Mot Gallery, Bruxelles, Gallery Maccarone, New York, Sprüth Magers Gallery. Photography: Simon Jaquemet
  • David Lamelas: Tempus agere est ­ St. Gallen, 2007; 16mm Film, 13 min. Courtesy: Jan Mot Gallery, Bruxelles, Gallery Maccarone, New York, Sprüth Magers Gallery. Photography: Simon Jaquemet

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