Die fortschreitende Selbstbefreiung der "Mona Liza"

24.03.2008 Karlheinz Pichler

Mit «Mona Liza» hat die 1959 in Hartberg (Steiermark) geborene und heute in Feldkirch lebende Autorin und Künstlerin Erika Kronabitter nach mehreren Lyrikbänden und kürzeren Prosaarbeiten ihren ersten Roman vorgelegt. Mit einem sprachlichen Formalismus, der von einem extremen Minimalismus und einem durchgängig komponierten melodiösen Rhythmus geprägt ist, beschreibt sie darin die Auflehnung und sukzessive Selbstbefreiung aus häuslicher Gewalt und beklemmendem Alltag. Karlheinz Pichler führte mit der Autorin ein Gespräch über die formalen und inhaltlichen Strategien, die diesem Werk zugrunde liegen.


Kultur-Online (KO): Sie beschreiben in Ihrem Roman «Mona Liza» eine Art Menschwerdung. Die Befreiung einer Frau aus der häuslichen Gewalt und aus der zermürbenden Gefangenheit der Monotonie des Alltags. Was steht für Sie bei diesem Werk im Vordergrund: Die Schilderung der zwischenmenschlichen Verhältnisse einer Einzelperson oder die Analyse eines gesellschaftlichen Zustandes?

Erika Kronabitter (EK): «Mona Liza» ist vielschichtig strukturiert. Es ist möglich, nur die zwischenmenschlichen Beziehungen und Verhältnisse einer Einzelperson herauszulesen, der Protagonistin Mona und Liza als deren alter ego. Wichtig ist mir jedoch, das zu lesen, den Text so zu lesen, wie er ist: Nicht was fehlt ist wichtig, sondern was ist. Der Text ist sozusagen die Figur, verkörpert die Person der Mona. Eine Widerspruchsfigur. So werden mittels der Mona-Figur die gegenwärtigen Tendenzen in Beziehungssystemen dargestellt: Einerseits spricht die aufgeklärte Gegenwart vom ständig Variablen, von jederzeitiger Veränderbarkeit der Situationen, vom anything goes und «nix is fix», andererseits gibt es das Individuum, das, um Kant zu antworten, aus dem eigenen Unvermögen eben nicht so ohne weiteres herauszutreten vermag. Das die Ekelhaftigkeiten des Lebens nicht so ohne weiteres abzuschütteln vermag. Trotz intellektueller Differenzierung und intellektuellen «know hows». Mittels der Mona-Protagonistin soll der/die LeserIn das mühselige Prozedere eines Entwicklungsschrittes miterleben. Mit all seinen Tiefen.

KO: Die Krassheit der Situation, in der sich die Protagonistin Mona befindet, ist für jemand, der in der Grossstadt lebt, heute nur schwer nachvollziehbar. Aber Sie als Autorin wohnen ja in einer Kleinstadt mit einem sehr konservativen Umfeld. Sind dort solche «Alltagsmodelle» von «zwischenmenschlicher Beziehung» heute noch häufig anzutreffen? Trägt dieser Roman in gewissem Sinne auch autobiografische Züge?

EK: Ein Lebensmodell wie jenes in «Mona Liza» treffen Sie in der Großstadt ebenso wie in der Kleinstadt. Es muss immer das Umfeld mit betrachtet werden, die Kreise, in welchen man/frau sich bewegt: Ein hochdotierter Politiker ist innerlich so weit von der Notstandshilfe/Harz 4 entfernt, dass für ihn der Überlebenskampf einer/eines Alleinerziehenden nicht nachvollziehbar, ein Leben in diesen Verhältnissen unvorstellbar ist. Die anderen, unangenehmen Leben werden schnell und gerne ausgeblendet, ich nenne es «die Realität auf Distanz halten». Oder: Nur, weil jemand sein Kind liebevoll erzieht, heisst es noch lange nicht, dass nicht täglich tausende Kinder von ihren Vätern und auch Müttern geschlagen und misshandelt werden.

Das Problem ist das Klassendenken: Viele Menschen leben dermaßen abgehoben, dass sie allen Ernstes glauben, gewisse Probleme gäbe es nicht mehr. Weil in ihren Kreisen dieses Problem nicht auftritt, weil sie selbst dieses Seelenleidland nicht kennen, ist es angeblich überwunden. Ein bequemer oder überheblicher Selbstbetrug, der dazu führt, dass sie das Unglück in den Gesichtern der anderen gar nicht mehr bemerken. Wahrscheinlich noch nie bemerkt haben.

Der Frage nach autobiografischen Zügen müsste eine Definition, was bereits als autobiografisch gezählt wird, vorausgehen. Autobiografisch im allgemein verwendeten Sinne ist der Roman nicht. Autobiografisch ist „Mona Liza“ insofern, als ich als Autorin Themen aufgreife, Themen nachspüre, die eben dieses Seelenleidland beschreiben, also Themen, die nicht unbedingt im mainstream liegen. Auch die sprachliche Verarbeitung liegt nicht mainstream, sondern bedient sich einer eher experimentelleren Herangehensweise. Einem Gedankenspringen, das nicht unbedingt dem beliebten Geschichtenhören gleichkommt. Ich weigere mich, mit fertigen Geschichten eine Beruhigung für den Leser zu erzeugen. Eine Beruhigung führt lediglich zu selbstzufriedenem Klopfen auf die eigene Schulter mit der selbstverliebten Versicherung, es wäre alles in Ordnung. Nichts ist in Ordnung.

KO: Die Befindlichkeiten der Icherzählerin Mona werden eigentlich durch Brechungen an der Aussenwelt manifestiert. Durch Anstossungen zu den Nachbarn, zu den anderen Familienmitgliedern, durch die Anweisungen von Liza. Die Figur «Liza» wirkt im übrigen wie ein anderes Ich von Mona. Sie erinnert an Bachmanns «Malina». Könnte Liza nicht auch ein zweites Ich von Mona sein? Schon durch die Namensgebung sind sie aneinander gefesselt. Welche Funktion kommt Liza aus diesem Blickwinkel genau zu?

EK: Wenn auch angelegt als zwei Personen, Mona und Liza, kann Liza sehr wohl als alter ego Monas gelesen werden. Vielleicht wie jede enge oder engste Freundin einer Frau in gewisser Weise ihr zweites Ich ist. Die intensiven Gespräche unter Freundinnen hallen im täglichen Leben nach, es finden quasi Textverwebungen statt. Bei Männern mag dies anders sein. Damit werde ich mich im nächsten Buch befassen. Bezugnehmend auf Wolfgang Isers Rezeptionsästhetik verweise ich auf «soviele Leser - soviele Texte». Die Frage der Rezeption, des Verstehens wird - ebenfalls eine der verschiedenen Schichten - am Beginn des Buches angesprochen, wenn darüber philosophiert wird, «wie wir uns verstehen» bzw. der Wunsch artikuliert wird, «einmal in das Gehirn des anderen» sehen zu wollen.... Die Frage des Wieverstandenwerdens ist eine Dauerfrage in Beziehungen.

KO: Der Titel des Romans legt logischerweise Assoziationen zum berühmten Bild von Leonardo da Vinici frei. Welche Rolle spielen die Namensgebungen, in Ihrem Roman? Immerhin evozieren sie teils stringente Gegensätzlichkeiten. Soll mit «Mona Liza» etwa angedeutet werden, dass das Innere der Protagonistin letztlich verschlüsselt bleibt? Mona ist im Italienischen die Abkürzung für Madonna. Mona wandelt sich jedoch von «angepassten» Mutter zu einer Person mit einer Art freier, feministischer Struktur. Viktor wiederum heisst im übertragenen Sinne «Sieger». Er wird aber letztlich zum Verlierer.

EK:
Leonardo da Vincis Bildnis der Mona Lisa ist bzw. war rätselhaft, einerseits (bis vor kurzem), was die abgebildete Person, andererseits was den Gesichtsausdruck betrifft. Tatsächlich bezieht sich der Titel meines Buches auf Leonardo da Vincis «Mona Lisa»-Bildnis in der Weise, als für die Außenstehenden die Handlungsweise der literarisch porträtierten Person in «Mona Liza» ebenso unverständlich erscheint wie Mona Lisas Blick und Lächeln für den Betrachter unergründlich sind. Das Innerste bleibt unergründlich,
regt zur Diskussion an.

Die Veränderung des «s» zum «z» signalisiert allerdings einen kleinen unmerklichen Bruch insofern, dass es von mir als Autorin intendiert war, nicht nur eine «Mona Lisa», sondern zwei Frauengestalten, «Mona» und «Liza» zu schaffen. Wie aber bereits angedeutet, findet eine gewisse Gedankenverschmelzung statt. Gegen die Lesart, dass es sich bei Mona und Liza um ein- und dieselbe Person handeln könne, habe ich jedoch nichts einzuwenden, im Gegenteil, finde diesen Ansatz interessant und legitim.

Besonders spannend erscheint mir Ihre Beobachtung, wonach sich Mona aus der angepassten Mutterfigur zu einer Person mit feministisch-freien Denkstrukturen wandelt. Auch dies könnte mit dem Bruch vom «s» zum «z» begründet werden. Ein weiterer Bezug zu Leonardos «Mona Lisa» ist die Technik: Gelungen ist Leonardo der meisterlich mysteriöse Blick durch das von ihm perfektionierte «Sfumato», indem er eine Lasur aus vielen dünnen Schichten von Farbe übereinander arbeitete. In meinem Roman arbeite ich ebenfalls mit verschiedenen Erzähl-, Betrachtungs- und Beschreibungsschichten.

Viktor ist nur scheinbarer Sieger. Seine Siege sind so verlustreich, dass er langfristig kein Sieger mehr ist. Es sind Pyrrhussiege, die er während der Zeit mit Mona immer wieder erringt. Macht und Überlegenheit, die die ganze Familie und schlussendlich er selbst zu bezahlen haben. Ein zu teuer erkaufter Erfolg.

KO: Ein gestalterisches Kennzeichen dieses Romans ist das radikale Durchhalten eines sprachlichen Konzeptes. Kurze Sätze, eine stakkato-artige Satzrhythmik und Satzmelodie, konjunktivische Direktiven mit nachfolgenden Behauptungen, Wiederholungen und Substantivierungen tragen dazu bei, dass das Buch penetrant eindringliche Wirkungen
erzielt. Ein Sprachbeispiel: «Sie können die Augen verschliessen. Sie verschliessen die Augen.... Sie können sich abwenden. Sie wenden sich ab.»

Dem Leser stellen sich aufgrund des sich sprachlich radikal stets Wiederholenden Prekären quasi die Haare zu Berge. Inwieweit sind diese Gefühlsprovokationen kalkuliert? Liegt es in Ihrer Intention, dass Ihr Roman nicht nur vom Intellekt her erfasst wird, sondern am Körper quasi gespürt wird – wie etwas die Schallwellen eines Musikstückes? Wollen Sie die Leserschaft in die Beklemmung zwingen?

EK: Auch wenn es tendenziell gegen den Verkauf des Buches geht: Es ist mir ein grosses Anliegen, genau diese Beklemmung, dieses Nichtentweichenkönnen aus einer ekelhaften Situation zu erzeugen. Es gibt genügend Bücher mit Streicheleinheiten, die dem Leser oberflächliche Unterhaltung bieten. Ich halte nichts von Ablenkung, sondern bin an der Arbeit an einem Thema interessiert und daran, die Thematik mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln nahe zu bringen.

KO: Sie haben ja auch einige Affinitäten zu Friederike Mayröcker und damit auch zu Ernst Jandl. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich behaupte, dass mich die in ihrer stringenten Konsequenz durchgezogene Beschreibung des Zustands von Mona in Ihrem «Mona Liza» an Jandls «das röcheln der mona lisa» gemahnt?

EK: Gegen diesen Vergleich habe ich absolut nichts einzuwenden. Jandl führt mit seinen Gedichten quasi auch das Röcheln eines abgestandenen Schönheitsbegriffes vor, der im Mona-Lisa-Bildnis ikonisiert wurde. «Mona Liza» polemisiert, wenn man so will, gegen die gängige Macher- und Funktionsgesellschaft: Täglich neue Anläufe stehen im Konflikt mit dem «Dieweltgehörtdirprinzip».

KO: Ihr Roman ist in 77 Kapiteln gegliedert – eine symbolträchtige Zahl. Jedem Kapitel sind Zitate, Hinweisungen, Ausrufungen vorangestellt. Welche Bedeutung haben Symbolik und Ordnung in Ihrem Schaffen?

EK: Symbolik ist in meinen Texten so gut wie nicht vorhanden. Mein Interesse gilt der Arbeit an der Sprache selbst, der Sprach-/Wortverwendung, der Sprechhaltung. Einzig der Faszination an der Zahl 7, ihren verschiedenen Bedeutungen, vor allem der Vollendung und Erneuerung nach jeweils 7 Jahren, gewähre ich in gewisser Weise Aufnahme in die Texte, dh. Kapitel. Die Einteilung des Romans in Kapitel hat nicht so sehr mit meinem Ordnungssinn zu tun (obwohl ich sehr ordentlich sein kann), sondern ist ein Zugeständnis an die LeserInnen, ebenso die Großschreibung, zu der ich mich durchringen musste. Verlagsseitig wurde mit der Lesbarkeit argumentiert, daher die Großschreibung. Die Einteilung des Textes in Kapitel hat den Vorteil, dass die LeserInnen dem Text manchmal entkommen können, wenn ein Kapitel zu Ende ist. Eine kleine Verschnaufpause, bevor es wieder weitergeht.

KO: Auch wenn Sie als Lyrikerin bekannt geworden sind, haben Sie schon einige kürzere Prosa-Arbeiten vorgelegt. «Mona Liza» ist aber Ihr erstes grosses Prosawerk. Welcher literarischen Gattung werden Sie sich in naher Zukunft zuwenden? An welchen neuen Projekte arbeiten sie gerade jetzt?

EK: Zu meinem eigenen Leidwesen arbeite ich immer an mehreren Projekten gleichzeitig. Eine unangenehme Form des «Multi-Tasking».... «Mona Liza» ist Teil 1 eines dreiteiliges Projektes. Das Folgebuch zur Frau, wie könnte es anders sein, soll ein Buch über Viktor werden. Danach sozusagen als Ergebnis dieses Paares die Stimme des herangewachsenen Kindes: X oder Nora - eines von beiden soll im dritten Buch seinen Platz finden. Mit all den Facetten an vergebenen oder neuen Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn mich keine Auszeit bzw. kein grösseres Stipendium überrascht, wird es aber bis dahin wohl noch ein wenig dauern.
Karlheinz Pichler

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