Bücher des Jahres 2018

31.12.2018 Kurt Bracharz

Ja, nur «Bücher». Nicht «Die Bücher» (wie in vielen Zeitschriften), denn die Auswahl ist nicht nur dadurch eingeschränkt, dass niemand das Angebot überblicken kann, sondern mehr noch von subjektiven Kriterien. Hier werden also nur fünf 2018 erschienene deutschsprachige Titel erwähnt, die mir interessanter erscheinen als andere Publikationen zu denselben Themen, und natürlich kann man anderes viel wichtiger finden.


Zur aktuellen politischen Lage war wohl Bob Woodwards Buch «Furcht. Trump im Weißen Haus» (Rowohlt) jenes Porträt des POTUS, dessen Lektüre einem im kommenden Jahr Irritation und Verwunderung ersparen wird. Nach dem Abgang von Verteidigungsminister James Mattis ist Trump nur noch von politischen Laiendarstellern umgeben und kann ungebremst tun, was ihm gerade durch den Kopf geistert. Woodwards Porträt von Trump ist stilistisch beste amerikanische Reportage: Der Autor erzählt schnörkellos ohne Theoretisieren oder Kategorisieren und gibt stets seine Quellen an. Man muss also zum Beispiel nirgends lesen, was für ein psychologischer oder psychiatrischer Fall Trump sei, man kann seine eigenen Schlüsse aus der Beschreibung seines in der deutschsprachigen Presse höflichkeitshalber meist «erratisch» genannten Verhaltens ziehen. Die Privatperson Trump spielt in dem Buch außer in Hinblick auf ihren Nepotismus keine Rolle. Den syrischen Kurden kann ja auch egal sein, was für ein Handicap der Golfer Trump hat.

Als Wissenschaftsbuch des Jahres kommen so viele in Frage, wie es Einzelwissenschaften gibt, aber Sabine Hossenfelders «Das hässliche Universum» (S. Fischer) setzt grundsätzlich an, indem es in der Argumentation der Autorin nicht nur um die zeitgenössische Grundlagenphysik, sondern auch um das Thema der Wissenschaftlichkeit an sich geht. Von der Teilchenphysik bis zur Suche nach der Weltformel ist seit Jahren mehr kühne Spekulation als harte Wissenschaft im finanziell höchst aufwendigen Spiel (die Japaner blasen gerade den Bau des International Linear Colliders in der nordjapanischen Präfektur Iwate ab, weil die zu erwartenden Erkenntnisse in keinem Verhältnis zum Aufwand von 32 Milliarden Euro stehen). Hossenfelder schreibt über Multiversen und Wurmlöcher: «Diese Thesen sind zwar höchst umstritten, aber äußerst beliebt; sie sind spekulativ, aber faszinierend; schön, aber nutzlos. Die meisten Thesen lassen sich so schwer überprüfen, dass sie praktisch unüberprüfbar sind. Andere sind sogar theoretisch unüberprüfbar. Und alle werden von Theoretikern vertreten, die davon überzeugt sind, dass ihre mathematischen Formeln einen Kern der Wahrheit über die Natur enthalten. Ihre Theorien sind, so glauben sie, zu gut, um falsch zu sein.» Der Untertitel der deutschen Ausgabe lautet «Warum unsere Suche nach Schönheit die Physik in die Sackgasse führt». Der englische Originaltitel war lakonisch: «Lost in Math. How Beauty Leads Physics Astray».

Hossenfelders Buch war nicht das deutsche «Sachbuch des Jahres 2018», diesen Titel heimste der Bestseller von Bas Kast, «Der Ernährungskompass» (C. Bertelsmann) ein. Ich habe dieses Buch schon anderswo als lesbar und informativ besprochen, aber darauf hingewiesen, dass es für jemanden, der sich für das Thema interessiert, nicht Neues bietet. Es fasst alle aktuellen Ernährungsratschläge als Folge von Meta-Studien zusammen und stellt sie recht vorurteilslos – in diesem Genre keine Selbstverständlichkeit – vor. Das ist in Ordnung, aber eigentlich kein ausreichender Grund dafür, dass DER SPIEGEL 1/29.12.2018 zu delirieren beginnt: «Bas Kast hat mit ,Der Ernährungskompass’ das wichtigste Sachbuch des Jahres geschrieben. Nun arbeitet er an einem Kochbuch. Besuch bei dem Mann, der das Essen der Deutschen verändert.» Schön wär’s, wird jeder sagen, der einmal in einem deutschen Landgasthaus essen musste.

Thomas Bauers Buch «Warum es kein islamisches Mittelalter gab. Das Erbe der Antike und der Orient» (C. H. Beck) gibt schon im Titel präzise an, worum es geht, abgesehen davon, dass die Formulierung «islamisches Mittelalter» eigentlich in Anführungszeichen gesetzt werden müsste, weil der Autor begründet, dass es sich nur um ein im modernen Westen gern verwendetes Klischee handelt, das keiner Realität entspricht. Wie andere jüngere Historiker betrachtet Bauer die Geschichte Europas als in einen größeren geografischen Zusammenhang eingebettet, nämlich als Raum der romano-graeco-iranischen Antike vom westlichen Mittelmeer bis zum Hindukusch. «Die Frage lautet nun: Wie lässt sich die Geschichte dieser Großregion sinnvoll in Perioden einteilen, die für das gesamte Gebiet Geltung haben? Hier zeigt sich, dass der Begriff ,Mittelalter’ nicht nur nicht weiterhilft, sondern es geradezu verbietet, die Region in der Zeit zwischen dem Ende des Weströmischen Reiches 476 und dem Ersten Kreuzzug 1096 noch als Ganzes in den Blick zu nehmen. (...) In fast jeder Hinsicht ähnelt die Welt des frühen Islams bis ins elfte Jahrhundert weit stärker derjenigen des tangzeitlichen China als der des ,frühmittelalterlichen’ Europa.» Wer das für Wortklauberei hält, unterschätzt die intellektuelle Wirkmächtigkeit eingefahrener Sichtweisen und falscher Kategorisierungen. Zur Diskussion der Immigrationsfrage bringt das Buch wenig, aber das eurozentrische Denken stellt es nachhaltig in Frage.

Wer sich für deutschsprachige Belletristik interessiert, sollte «Dunkle Zahlen» von Matthias Senkel (Matthes & Seitz Berlin) lesen. Das Buch war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, hat es aber nie ins Licht auch nur der interessierten Öffentlichkeit geschafft. Dabei ist es weitaus origineller als die zwanzig Titel der üblichen Bestsellerlisten.


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