Sagen, wie es ist

24.12.2018 Kurt Bracharz

Im Winter 1964 wurde mein spätpubertärer Glaube an das deutsche Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL nachhaltig erschüttert. Bis dahin hatte ich jeden Montag das Heft mit dem rotumrandeten schwarzweißen Titelblatt gekauft, das damals das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin war, es gab sonst nur Illustrierte. Selbst dem amerikanischen «Time Magazine» nachgemacht, wurde es später zum Vorbild für «Profil» und andere österreichische, deutsche und Schweizer Magazine.


DER SPIEGEL wurde als das angesehen, was man heute «seriös» nennt, wenn von Presse die Rede ist. Besonders genützt hatte ihm dabei die 1964 zwei Jahre zurückliegende SPIEGEL-Affäre, in der sich das Blatt gegenüber korrupten Politikern wie dem aus Bayern stammenden Verteidigungsminister Franz Josef Strauß profiliert hatte. DER SPIEGEL hatte auf Grund der Ergebnisse eines NATO-Manövers die Bundeswehr für nur «bedingt abwehrbereit» erklärt, worauf der Zeitschrift Landesverrat vorgeworfen, die Redaktion durchsucht und mehrere Redakteure sowie der Herausgeber und Chefredakteur Rudolf Augstein verhaftet wurden. Der Kanzler Adenauer sprach im Parlament von einem «Abgrund an Landesverrat», aber die gesamte Presse und große Teile der Öffentlichkeit standen auf der Seite der unzweifelhaft verletzten Pressefreiheit und als fünf FDP-Minister zurücktraten, musste schließlich Strauß, der als Anstifter und Organisator des Skandals gegolten hatte, gehen.

Deshalb glaubte ich bis Dezember 1964 wie viele andere etwas zu sehr an den SPIEGEL. Im November 1964 ereignete sich die für Vorarlberg historische Fußach-Affäre (gegen Wiener Widerstand wurde ein Bodenseeschiff «Vorarlberg» statt «Karl Renner» getauft), und im Dezember berichtete DER SPIEGEL darüber. Bei einem Vorfall in geografisch nächster Nähe zeigte sich, was man bei den Geschichten aus aller Welt, aber speziell aus der deutschen Politik, nicht vermutet hatte, nämlich, dass das Geschehen, das man nun selbst aus den regionalen Medien bis ins Detail kannte, vom SPIEGEL nicht besonders gut recherchiert worden war. So war das also mit dem Super-Nachrichtenmagazin, als das DER SPIEGEL damals galt!

Bei der neuen SPIEGEL-«Affäre», die ich doch lieber in Anführungszeichen setze, wirkt immer noch das Ansehen nach, das DER SPIEGEL vor Jahrzehnten genoss, für das es aber schon lange keinen Grund mehr gibt, falls es überhaupt jemals einen gegeben hat. Der heutige SPIEGEL ist ein Nachrichtenmagazin wie viele andere (nur dicker als die meisten) und es fällt einem seit Jahrzehnten kein Argument ein, weshalb man seine Lektüre jemandem unbedingt aufdringen müsste.

Deshalb ist der aktuelle Fall Claas Relotius – ein Journalist, dessen Reportagen zum Teil frei erfunden waren – nicht ganz so sensationell, wie jetzt allgemein getan wird. DER SPIEGEL gehört nicht zu den heiligen Schriften der Menschheit, nicht einmal zu jenen des deutschen Journalismus. Und die Aufarbeitung des «Falles Relotius», die man in der jüngsten Ausgabe seitenlang lesen kann, ist eher peinlich als sonst was: So genau will und muss niemand außer den unmittelbar Betroffenen wissen, was bei diesem Blatt in Redaktion und Dokumentation im Argen liegt.

Der allgemeine Tenor in den Kommentaren der Journalisten aller – gebrauchen wir das Wort ruhig einmal – «Qualitätsmedien» ist der, dass die Fälscher-Affäre ein gefundenes Fressen für alle, die an die «Lügenpresse» glauben, sei. Das ist sicher richtig, aber irrelevant: diese Gläubigen sind durch Rationalität nicht von etwas anderem als ihren Vorurteilen zu überzeugen, die meisten sind gar nicht in der Lage, den wüstesten Boulevard-Müll von einer richtigen Zeitung zu unterscheiden, was auch damit zusammenhängt, dass sie nicht sinnerfassend lesen können. Was soll ihnen also letztlich die echte Glaubwürdigkeitslücke des SPIEGEL bedeuten, haben sie doch schon immer gewusst, dass in den «Systemzeitungen» nur Lügen drinstehen. Für jene Österreicher, die «Die Presse» und den «Standard» und den «Falter» und «Die Furche» von der Kronenzeitung und von «Österreich» unterscheiden können, stürzt jetzt kein Kartenhaus zusammen, weil sich ein SPIEGEL-Reporter als Hersteller von Fiktion statt Fakt erwiesen hat, auch wenn er in anderen «Qualitätsmedien» publiziert und reihenweise Journalistenpreise abgeräumt hat. Vielleicht sattelt er jetzt auf Romane um und wird Bestsellerautor?


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