Die Würze der Kürze

23.12.2018 Haimo L. Handl
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Wäre Adolf Hitler nicht nach Hitler benannt, sondern nach Schicklgruber, wäre vielleicht vieles anders gekommen. Man stelle sich vor: Grölende Massen, ausgestreckte, erhobene Arme, «Heil Schicklgruber!». Hätte die Wirkung verfehlt. Merkel klingt tauglich, kurz und bündig, wie Putin oder Trump. Beim Russen denkt man vielleicht an Hure (putain), bei Trump an Furz, aber die Namen sind klar und deutlich, einprägsam. Bei Annegret Kramp-Karrenbauer empfinden die meisten Aussprechprobleme und taufen sie einfach um in AKK. Wenn sogar ihre Landsleute nicht mehr die Energie aufbringen, ihren Namen korrekt auszusprechen, verspricht das nichts Gutes für die Zukunft. Es muss also kurz sein und prägend. Damit die einfachen Leute, die Massengefolgschaft, ohne viel Aufwand, «ohne Umständ», folgen kann.


Das Sprachvermögen der Sprachgemeinschaftsmitglieder hat sich nach Jahren der Verbildung bzw. Unbildungspflege extrem reduziert. Das Einfachdeutsch, die ökonomische Kurzsprache lässt sich leichter über elektronische Medien, fast automatisiert, vermitteln. Anspruchsvolle Literatur wird in Kurzfassungen mit Deutungen als Instrument der Digest-Culture «mundgerecht» (sprech- und sprachgerecht simplifiziert) verabreicht und «genossen». Alles darüber Hinausgehende bleibt wenigen Experten vorbehalten. Was gesagt werden kann, wird einfach gesagt, die Rede ist, aller Übung nach, «ja oder nein». Keine Differenzierungen, keine Nuancierungen, kein Wenn und Aber. Die Welt ist böse oder gut. Das steht zwar im Widerspruch zu den transsexuellen Geschlechtern und ihren Nöten, eigene Toiletten vorzufinden. Nichts scheint wie früher: es gibt nicht mehr männlich oder weiblich, die Konstruktionen vermehren sich und alle wollen ihre Minderheitenrechte. Da wird der Wunsch nach Eindeutigkeit und Kürze verständlich. Den kann man am billigsten im Bildungs- und Kulturbereich wünschen und erhalten. Ich muss mich korrigieren: auch in der Politik triumphiert die Simplizität. Wir und die Anderen. Ich und Du. Ich gut, Du böse. Die Andern sind meist eine Pest, eine Gefahr. Jedenfalls eine Zumutung und Störung. Außer als Konsumenten und Touristen, die abhauen, wenn sie ihr Geld hiergelassen haben.

Die Geschichte des einfachen Redens ist alt und lange. Denn früher, vor allem während der Aufklärung, vermochten nur wenige sich zu bilden. Bildung war einer Elite vorbehalten. Es ist gut und begrüßenswert, dass sich das geändert hat. Die Vereinfachungen für das einfache Volk, die Knechte und Mägde, die Bauernschaft, die Fabrikarbeiter, waren nötig und prägten das simplifizierte Bild. Davon profitierten auch die Kirchen, die katholische wie die reformierte protestantische. Es kam ihrem Bedürfnis der Führung und Leitung entgegen. Die Elementar- oder Volksschulen waren Trainingsstätten fürs Einfache, Simple.

Das zeigt sich vor allem auch in den Märchen, denen es vor allem daran lag, in moralischen Geschichten bestimmte Vorgaben zu transportieren, zu warnen, oder auch den Wünschen nach wunderbaren Ereignissen, sozusagen Wunschlösungen höherer Ordnung, Nahrung zu geben und zu helfen, den immensen Realitätsdruck durch Wunschvorstellungen und Träume abzureagieren. Solange die Massen durch Aberglauben, Religion, Märchen abzuspeisen waren, konnte die alte Ordnung der Ausbeutung «billiger» aufrecht erhalten werden. Der Volksmund war nie beredt. Kurz und bündig. Direkt. Es ging um die Sache. Und die Märchen bedienten in aller Kürze und erfüllten die Aufgabe: Das Wünschen half. Wenn man nachliest, was z.B. die Brüder Grimm mit ihren KHM, Kinder- und Hausmärchen (ab 1812 erschienen) leisteten, «Als das Wünschen noch geholfen hat», staunt einerseits über die lapidare Kürze, andererseits den Fantasiereichtum. Einerseits wurde erfolgreich verdrängt, andererseits wurden Energien in Wunschbilder kanalisiert, die den realen Vollzug, den Widerstand oder Aufstand, die Revolte zum Beispiel, verhinderten. Und so ganz nebenbei wurden die Mythen verfestigt und die guten Sitten und die einfache Sprache.

Wer wollte oder sollte sich mit Goethes «Wilhelm Meister» herumschlagen oder Kleists «Penthesilea» oder dem «Anton Reiser» von Karl Philipp Moritz? Und all die andern wortmächtigen Seitenfüller? Nix da. Es geht kürzer und einfacher.

Dieser Hang zum Einfachen und seinen Funktionen scheinen wir nicht nur trotz, sondern wegen unserer leistungsfähigen Kommunikationsmittel wiedergefunden zu haben. Massen von Massenmenschen bedienen sich der Kurzformen für ihre kurzen, stereotypen Gedanken und Nachreden. In Blogs und anderen Textprodukten regiert die simple, einfache Form. Die meisten fühlen sich wohl in ihrem Neudeutsch oder Basisdeutsch. «Wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus».

In einem Gespräch mit einem Bibliothekar, das ich letzthin führte, staunte ich über dessen Ansichten zur Sprache. Er meinte, es bedürfe keiner gehobenen Form von Sprache, das sei eine künstliche Barriere. Es reiche ein Umgangs- oder Einfachdeutsch. Solange man den anderen erreiche, sei der Sinn von Literatur oder Massenkommunikation erfüllt. Weshalb ich den Gebrauch elaborierter Sprachkodes empfehle? Das sei von gestern. Sprache verändere sich. Man müsse lernen und wissen, wann der Rekurs auf korrekte Genetivformen obsolet sei, wann es schnöselig werde Plusquamperfekt einzufordern oder unterschiedliche Konjunktivformen. Das sei überholtes Bildungsbürgertum. Man komme ohne diese Differenzierungen aus. Und das «alte Zeug» lese eh niemand mehr außer ein paar Experten...

Es ist wie mit dem Essen. Wer will nach einem vollen Arbeitstag noch Zeit zum Kochen aufbringen? Der Markt liefert alles für die schnelle Küche und das schnelle Essen. Man wird gekonnt abgespeist. Auch die Erotik und der Sex haben sich beschleunigt und verkürzt. Anblick, manchmal Vorberührung, Rein-Raus, Orgasmus, fertig. Weshalb langatmig auskosten wollen? Weshalb eine Geschichte daraus machen? Die modernen erotischen Romane oder Geschichten sind kurz und bündig, direkt. Die anderen finden keine Leserinnen und Leser.

Auch das Meditieren hat sich vereinfacht und verkürzt. Geschulte Coaches führen eine oder einen meisterlich in Kürzestzeit zum Ziel. Es ist fast wie beim Sport. Immer vorne dran bleiben!

Eigenartigerweise sind viele Kriegs- und Vernichtungszüge nicht so kurz, wie die Kriegstreiber und Kriegsherren versprechen. Da scheint nichts einfach, simpel und kurz zu sein. In der Regel zumindest nicht. Warum greift das nicht aufs Denken zurück? Weil im simplen, vereinfachten Kurzdenken dafür kein Platz ist. Alles jenseits des engen Zauns, der sogenannten Echokammer, wird nicht oder nur verschwommen wahrgenommen und hingenommen. In aller Kürze und Würze.

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