Die Sündenböcke

09.12.2018 Haimo L. Handl
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Sogar während der Hochzeit der Aufklärung war das Sündenbockdenken nicht eliminiert worden. Es überdauerte, passte sich an und feiert, gestärkt, fröhliche Urständ in unseren Gesellschaften, ganz gleich, ob moderner Westen oder mittelalterliche moslemische Gemeinschaften oder das offiziell atheistische China. Sündenböcke werden gebraucht und geschlachtet. Hier gibt’s keine Veganer, hier lecken alle Blut und viele, viele baden darin.


Theorien als auch Glaubenssysteme haben ihre Zeiten. Der Kurs schwankt manchmal, aber, ähnlich dem Sündenbockdenken, es gibt nie eine glaubenslose oder theorielose Zeit und Gesellschaft. Gegenwärtig erfahren wir, korrespondierend zur realen Klimakatastrophe eine der Ideen- und Geisteswelt, eine der Theorien und Religionen. Die Temperaturen steigen, erhitzen die Köpfe, bringen das Blut vieler zum Wallen, engen den Blick ein, schaffen Atemnot, so dass die Keuchenden, die Leidenden die Sündenböcke wieder fokussierter suchen und finden, um sich an ihnen abzureagieren oder sich in der Entledigung, einer Art Entsorgung, «gütlich» zu tun, den immensen Druck zu mindern, den sie innerlich spüren, der ihnen ihr gequältes Leben noch mehr vergällt. Erst wenn der Bock getötet ist, nehmen die Spannungen ab, beruhigt sich der Gehetzte, Verfolgte, Leidende. Er muss den Spieß umdrehen, muss selbst Verfolger, Jäger werden, Töter, nur dann kann er sich Genugtuung verschaffen und kurzzeitige Atempause, bis der ewige Kampf wieder aufgenommen und weitergeführt wird. So war es in der Geschichte, so ist es heute, so wird es morgen sein.

Kulturkritik gibt es in zwei diametralen Bereichen: hier die emanzipatorisch orientierte, positiv denkende, die trotz ihrer Kritik nicht im Negativen versinkt (Freud, Adorno oder auch Sennett), dort die negative, die den Untergang programmiert sieht bzw. die Unmöglichkeit (positiv) human intervenieren zu können (Joseph de Maistre, Oswald Spengler, Carl Schmitt oder René Girard). Gegenwärtig sind die Religionen und extremen Negativtheorien in Hochkonjunktur und mit ihnen der Beifallskommentar der Rechten, der Gläubigen, der Verfolger, Hetzer und Jäger, der Strafenden aller Richtungen. Man könnte, wollte man ein allegorisches Bild fabrizieren, links die Kulturlandschaft zeigen und rechts die Wildnis, die rohe Natur: in der Kultur die Versuche zur Humanität, in der rohen Natur das Regime der Hölle, der Strafe.

Dass in unserer Kultur Strafphantasten wie Dante als hochwertigste Künstler gepriesen werden, zeigt nur eine Verwirrung und Verkommnis: nie kann ein künstlerisches Vermögen die Inhumanität eines Strafen Wollenden, eines Rächers, aufwiegen. Er zeugt vom niederen Stand des Untiers, das er noch ist, auch wenn er es camouflagiert. Auch Religionen tarnen ihr böses Denken, ihr tiefes, unabdingbares Strafbedürfnis, manchmal mit einem Programm der Liebe, einer allerdings, die ins Gegenteil umschlägt, wenn sie nicht nach den Bedürfnissen ihres Gottes, in dessen Namen die Stellvertreter und Propheten walten, geartet ist. Der «liebe Gott» ist der unerbittliche böse Strafende, der die ewige Verdammnis, etwas, das kein irdischer Scherge und Folterer zu verabreichen vermag, ausspricht. Gott ist wahrlich die Kehrseite des Teufels, beide das Konstrukt Geängstiger, selbst böse werdende oder gewordene Täter.

Als ich vor Jahren von René Girard sein Buch «Das Heilige und die Gewalt» las (zuerst in der amerikanischen Übersetzung aus dem Jahre 1977, weil die deutsche erst viel später auf den Markt kam und ich das Original, das 1972 erschienen war, nicht lesen konnte), vermochte ich seiner Mimetischen Theorie bzw. seiner Sündenbocktheorie nicht viel abzugewinnen. Er schien mir eine religiöse Außenseiterstimme, ein Franzose, der wie viele andere in den USA seinen Arbeitsplatz und sein Publikum gefunden hat und den katholischen Geist stärkte. Der Kontrast zur positiven Kulturkritik war zu grell, als dass ich Girards Ausführungen hätte näher folgen wollen. Später verstärkte sich meine Abneigung. Ich sah ihn als religiösen Apologeten, als einen, der den Rechten oder faschistoiden Kräften seine Stimme gab oder borgte.

Kürzlich erschien eine Biografie über ihn von Cynthia L. Haven, die von Robert Pogue Harrison in der New York Review of Books besprochen wurde. Ich kenne die Autorin nicht und nicht ihre Biografie. Aber ich kenne Harrison durch etliche Bücher von ihm und las deshalb aufmerksam seine Rezension, die sich auch auf andere Werke von Girard stützt. So zitiert Harrison einige Sätze von Girard aus Les origines de la culture (2004), die er als besonders aktuell für heute empfindet:

«In the affluent West, we live in a world where there is less and less need therefore and more and more desire... One has today real possibilities of true autonomy, of individual judgments. However, those possibilities are more commonly sold down the river in favour of false individuality, of negative mimesis... The only way modernity can be defined is the universalization of internal mediation, for one doesn’t have areas of life that would keep people apart from each other, and that would mean that the construction of our beliefs and identity cannot but have strong mimetic components.»

Harrison schreibt dazu:

Since then social media has brought «the universalization of internal mediation» to a new level, while at the same time dramatically narrowing the «areas of life that would keep people apart from each other.»
Social media is the miasma of mimetic desire. If you post pictures of your summer vacation in Greece, you can expect your «friends» to post pictures from some other desirable destination. The photos of your dinner party will be matched or outmatched by theirs. If you assure me through social media that you love your life, I will find a way to profess how much I love mine. When I post my pleasures, activities, and family news on a Facebook page, I am seeking to arouse my mediators' desires. In that sense social media provides a hyperbolic platform for the promiscuous circulation of mediator-oriented desire. As it burrows into every aspect of everyday life, Facebook insinuates itself precisely into those areas of life that would keep people apart.

Er umreißt damit einige wichtige Aspekte. Distanz ist eine Grundvoraussetzung von Würde. Wer die Distanz zum Anderen aufhebt, kommt ihm zu nahe, beraubt ihn seines direktesten Freiraums, rückt ihm auf die Pelle. Jene, die die Distanz verringern, die Folterer, pellen dann das Opfer, sie nehmen ihm die Haut ab, schälen es, wie man eine Kartoffel pellt.

Die Überlegung von Girard hinsichtlich der falschen Individualität, der negativen Mimetik, illustriert die Lage des Mitläufers, des Anpasslers und Opportunisten, der bei allem mittut, sei es im Höhnen und Kommandieren von straßenwaschenden Juden, sei es im lauten Mob, der gejagte Opfer zu Tode prügelt oder in simplen Alltagshandlungen, die für sich gesehen nicht weiter auffallen, im Verbund mit den anderen Mitläufern jedoch zur Elendstat werden (Hilfe unterlassen oder behindern, geistig an der Hetze mitmachen, heute über die social media ganz einfach aber effektiv möglich). Der Satz von Harrison, «Social media is the miasma of mimetic desire.» ist herauszustreichen. Hier wird der Neid als Urtriebskraft angesprochen.

Habe ich zu unrecht Girard für mich abgeurteilt, ins Eck gestellt? Nein, denn er stellt das Sündenbockverhalten als Gesundheitsmaßnahme heraus, er holt aus der Geschichte das, was er vordergründig dafür als billigen, griffigen Beleg braucht, er stellt nicht kritisch in Frage, er bejaht in falscher Weise. Was in den Siebzigerjahren vielleicht eine Außenseiterstimme war, geriert sich heute zum Credo von Unverbesserlichen, von Faschisten und anderen engstirnigen Gläubigen. Dazu Harrison:

Girard interpreted archaic rituals, sacrifices, and myth as the symbolic traces or aftermath of prehistoric traumas brought on by mimetic crises. Those societies that saved themselves from self-immolation did so through what he called the scapegoat mechanism. Scapegoating begins with accusation and ends in collective murder. Singling out a random individual or subgroup of individuals as being responsible for the crisis, the community turns against the «guilty» victim (guilty in the eyes of the persecutors, that is, since according to Girard the victim is in fact innocent and chosen quite at random, although is frequently slightly different or distinct in some regard). A unanimous act of violence against the scapegoat miraculously restores peace and social cohesion (unum pro multis, «one for the sake of many,» as the Roman saying puts it).

Der Rekurs auf alte Religionen ist genauso fragwürdig wie der auf vorsintflutliche Sichten und Rituale. Sie stellen nie eine Rechtfertigung dar, höchstens eine Erklärung, die aber gewertet werden müsste. Die Wertung ist akademisch und sozial erfolgt. Girard wurde mit vielen Ehrendoktoraten gepriesen, erhielt den Ordre des Arts et des Lettres. Er ist der Paradekatholik. Er ist jener, der das Sündenbockverhalten «akademisiert» und abhakbar macht. Er ist ein Wolf im Schafspelz. Die neuen Rechten, die Neofaschisten, kommen ganz ohne diese Academia aus, bleiben aber im Geiste der Sündenbockkultur: sie hetzen, jagen, verfolgen, töten.

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