Widows - Tödliche Witwen

11.12.2018 Walter Gasperi

Nach dem Oscar für «12 Years a Slave» legt Steve McQueen ein klassisches Heist-Movie vor, reflektiert darin aber auch über das Verhältnis von Politik und Verbrechen, die Macht- und Geldgier der Männer und die Stärke der Frauen. – Perfekt gemachtes modernes Genre-Kino mit gesellschaftskritischem Background.


Fulminant ist der Auftakt, bei dem Steve McQueen einen Überfall, der mächtig schief geht, mit Blitzlichtern aus vier Paarbeziehungen unterschneidet. Am Ende der Szene werden die Männer in einem Flammeninferno umkommen, zurückbleiben werden vier trauernde Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und unterschiedlicher Ethnien.

Die stärkste und zentrale Figur des Films ist die scheinbar wohlhabende Afroamerikanerin Veronica (Viola Davis), die Witwe des Anführers der Gangster (Liam Neeson), doch bald stellt sich bei ihr ein afroamerikanischer Gangster oder Ex-Gangster ein, der für den Stadtrat kandidiert. Er fordert von ihr die zwei Millionen Dollar zurück, die beim missglückten Raub ihres Mannes verbrannt sein sollen. Beschafft sie das Geld nicht innerhalb eines Monats, werde er ihr Vermöge, darunter ihr luxuriöses Penthouse liquidieren.

Als Veronica aber ein Notizbuch ihres verstorbenen Mannes findet, indem vergangene Überfälle ebenso wie der geplante nächste genau aufgezeichnet sind, kontaktiert sie die Witwen der drei anderen getöteten Verbrecher und stellt sie vor die Alternative: Entweder machen sie bei dem im Notizbuch beschriebenen nächsten Coup mit oder sie leitet ihre Namen an den Gangster weiter, der bislang nur hinter ihr her ist.

Drei machen mit, für eine muss ein Ersatz gesucht werden. Dieses starke Frauenquartett ist das Herzstück von «Widows». Dynamisch und perfekt getimt treibt McQueen die Handlung, unterstützt von der treibenden Musik Hans Zimmers, zwar voran, verzichtet aber nicht auf eine differenzierte Charakterisierung der vier höchst unterschiedlichen Frauen.

Gemeinsam ist ihnen nur, dass sie bislang vom Geld der Männer lebten, jetzt aber selbst für sich sorgen müssen. So erzählt McQueen auch von einer Befreiung aus der finanziellen Abhängigkeit, die sie akzeptierten, da ihnen materiell nichts fehlte, und einer Selbstermächtigung.

Der als knallharte Geschäftsfrau, die nie lacht, angelegten Veronica steht dabei die mexikanisch stämmige Linda (Michelle Rodriguez) gegenüber, deren Bekleidungsgeschäft sogleich geplündert wird, da ihr Mann es längst beim Spielen verloren hat. Dazu muss sie sich noch um ihre zwei Kinder kümmern, während die Osteuropäerin Alice (Elizabeth Debicki) von ihrer Mutter aufgefordert wird, doch für einen Escort-Service zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Als vierte kommt schließlich noch die Friseurin Belle (Cynthia Erivo) dazu, die sich mit ihrem Lohn kaum über Wasser halten kann und nebenbei bei Linda als Babysitterin arbeitet.

Die in solchen Gangsterfilmen meist ausführlich beschriebenen Vorbereitungen des Überfalls verkürzt McQueen auf das notwendigste. Viel Zeit lässt er sich dafür für die Schilderung des Lebens dieser Frauen und verknüpft diese mit dem Wahlkampf zwischen dem aufstrebenden Afroamerikaner und dem alteingesessenen irisch stämmigen Jack Mulligan (Colin Farrell) um den Posten des Stadtrats im 18. Bezirk. Nüchtern deckt McQueen auf, wie beide gleich viel Dreck am Stecken haben, der eine ein Krimineller, der andere korrupt ist, sich als Mann des Volkes gibt, aber im Gegensatz zur Masse in einer luxuriösen Villa wohnt.

Markant macht dieses soziale Gefälle eine ebenso einfache wie geniale Einstellung sichtbar, in der eine Autofahrt im Armenviertel beginnt und am Ende der Fahrt und des Blicks auf die Windschutzscheibe ein Schwenk auf die Villa des Politikers steht.

Bissig zeigt McQueen nicht nur, wie beide Kandidaten um die Stimme eines Pastors buhlen, der seine zahlreichen Gläubigen bei der Wahl beeinflussen soll, sondern auch, wie diese Politiker die Kontrolle über das Wirtschaftsleben ausüben und der Friseurladen von Belles Chefin letztlich von diesen Mächtigen kontrolliert wird.

Souverän verpackt McQueen in die Handlung aber auch ein Familiendrama, bei dem in einer Rückblende drastisch und plastisch das brutale und rassistische Agieren der Polizei sichtbar wird und erzählt auf der Grundlage dieses traumatischen Ereignisses im Kern auch von einem Ehedrama.

In seiner schnörkellosen und kompakten Inszenierung, aber auch in der Verknüpfung mehrerer Ebenen und im realistischen Erzählton erinnert «Widows», für den McQueen zusammen mit der «Gone Girl»-Autorin Gillian Flynn eine gleichnamige britische TV-Miniserie der 1980er Jahre von London ins Chicago von heute verlegte, aber auch an die Polizeifilme von Sidney Lumet.

Perfekt ist der Film in seinem geographischen und sozialen Umfeld verankert. Detailreich, aber beiläufig vermisst die Kamera von Sean Bobbit dieses Viertel von Chicago und entwickelt auch aus den Gegensätzen von verfallenden Wohngegend und modernen Hochhausbauten, exklusivem Penthouse und bescheidener kleiner Wohnung Spannung.

Dazu kommen aber auch überraschende Wendungen und die nicht nur in den Haupt-, sondern auch in den Nebenrollen perfekte Besetzung. Auf den Leib geschrieben ist Liam Neeson die kleine Rolle von Veronicas Ehemann ebenso wie Robert Duvall die des rassistischen Politiker-Urgesteins, in dessen Schuhe sein von Colin Farrell gespielter aalglatter Sohn treten soll.

Diesen von Macht- und Geldgier getriebenen gewalttätigen Männern stellt McQueen seine zunächst hilflos wirkenden Frauen gegenüber, die nicht nur durch ihre Zusammenarbeit das scheinbar Unmögliche schaffen, sondern im Gegensatz zu den egoistischen Männer letztlich auch soziales Engagement zeigen. Während die Männer sich zerfleischen, sorgt die Solidarität der Frauen dafür, dass am Ende dieses großartigen Genrefilms doch noch ein Lächeln stehen kann, das in seiner Kürze so prägnant ist, dass es haften bleibt.

Läuft derzeit im Cineplexx Lauterach und im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Widows - Tödliche Witwen»

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