Husch-pfusch mit Lulu und Nana

03.12.2018 Kurt Bracharz

Als 2012 die «Gen-Schere» CRISPR/Cas9 als ebenso einfaches wie effektives Werkzeug zur Manipulation von Genen entdeckt und popularisiert wurde, stiegen nicht nur Moraltheologen die Grausbirnen auf, was für Gottlosigkeiten nun Bio-Hacker in ihren Garagen und Schuppen treiben würden. Dazu ist es bisher nicht gekommen, aber der chinesische Arzt He Jiankui von der Southern University of Science and Technology in Shenzhen hat eine rote Linie überschritten, als er jetzt mittels der Gen-Schere das Erbgut von zwei durch künstliche Befruchtung gezeugten Zwillingsmädchen im Embryonalstadium dahingehend verändert hat, dass sie gegen HIV-Infektion geschützt sein sollen.


Der Baby-Crisperer (wie ihn «The Economist» nennt) hatte in den befruchteten Eizellen das Zelloberflächen-Protein CCR5 entfernt, durch welche die HI-Viren in die Zellen eindringen. Das scheint zunächst prinzipiell gelungen zu sein, die Kinder Lulu und Nana kamen im Oktober «normal» auf die Welt (Je Jiankui berichtete auf einem Youtube-Video stolz, sie hätten geweint wie alle Kinder), und zumindest eines der beiden Mädchen ist nun tatsächlich gegen eine HIV-Infektion gefeit.

He Jiankui veröffentlichte sein Experiment buchstäblich am Vorabend des «Second International Summit on Humane Genom Editing» in Hongkong. Das war zwar sachlich der richtige Ort, erregte aber schon durch den Zeitpunkt Befremden. Abgesehen davon, dass man naturgemäß noch nicht sagen kann, ob der Versuch gelungen ist – unerwartete Konsequenzen könnten sich ja erst nach Jahren oder in der nächsten Generation zeigen – gibt es noch andere Vorwürfe gegen He Jiankui:

Es gibt Gründe zur Annahme, dass die Ausschaltung von CCR5 zur erhöhten Anfälligkeit gegen andere Viren führt, so dass zum Beispiel eine Grippe letale Folgen haben könnte.
Es ist nicht klar, ob die Eltern über die Geschehnisse voll informiert waren, verstanden hatten, was die Konsequenzen sein könnten, und ihre Zustimmung gegeben haben. Die künstliche Befruchtung fand im Shenzhen Women and Children’s Hospital statt; weder das Spital noch die Universität waren von Doktor He über seine Absichten informiert worden.

Das gegen HIV immune Kind kommt vielleicht nie mit dem Virus in Kontakt, und wenn, hätte man es heute schon gut behandeln können. HIV erfordert derzeit lebenslange Behandlung, ist aber keine tödliche Krankheit mehr.

Die Chinesische Wissenschaftsakademie, die Nationale Gesundheitskommission und die Chinesische Gesellschaft für Genetik sind sich einig, dass der Baby-Crisperer gegen gültiges chinesisches Gesetz verstoßen hat.

Einer der Mitbegründer der CRISPR/Cas9-Methode, Doktor Feng Zhang am Broad Institute in Cambridge, Mass., sagt, nichts, was He Jiankui gemacht habe, sei eine Innovation. «Die angewandte Methode gibt es seit einigen Jahren und die wissenschaftliche Gemeinschaft hat entschieden, sie sei noch nicht genügend ausgereift, dass man sie am Menschen anwenden könne. Aber Dr. He preschte auf eine vollkommen unnötige Art vor. Es ist einfach unglaublich.»

Obwohl immer noch die Möglichkeit besteht, dass es sich um einen wissenschaftlichen Schwindel handelt, haben die chinesischen Behörden Dr. He jede weitere einschlägige Tätigkeit verboten.
Diese Story ging in den letzten Tagen durch alle Medien, aber es gab noch mehr zu berichten aus der chinesischen Medizin: In der «New York Times» erzählte Herr Zhang Zhejun aus Jinzhou, wie er mittels im Internet gekaufter, billiger Drogen aus Indien eine Krebsmedizin für seine Mutter, eine frühere Grundschullehrerin mit Minimalpension, bastelte (das Wort trifft es genau, der Mann hatte keine medizinische Praxis und konnte nicht überprüfen, ob die illegalen Medikamente aus dem Internet das waren, was vorgegeben wurde), weil sie sich «richtige» Krebsmedikamente nicht leisten konnte. Der Arzt hätte ihr Iressa von AstraZenica verschrieben, das in China unter 1000 Dollar pro Monat kostet, aber ihre Pension betrug umgerechnet 460 Dollar und ihre Versicherung zahlte nicht für importierte Drogen. Zhang hatte zuerst Iressa nachgebaut, dann WZ4002, ein in China nicht zugelassenes US-Medikament, und als seine Mutter im Oktober 2017 starb, konnte niemand sagen, ob am Krebs oder an den Nebenwirkungen der selbst hergestellten Medikamente.

An TCM, die Traditionelle Chinesische Medizin, glauben heute weniger Chinesen als Westler, und am 24. November konnte man im «Standard» auf einer ganzen Seite lesen, dass die chinesische Osterluzei (Aristolochia fangchi) DNA-Schäden, Nierenschäden und Urothelkarzinome im oberen Harntrakt aulöst. Im «Leitfaden Chinesische Phytotherapie» von C.-H. Hempen und T. Fischer, München 2001, stand noch zu den Früchten der Osterluzei: «Nach neuerer Forschung wirksam bei Tumoren der Mamma und des Gastro-Intestinaltraktes und bei Miktionsstörungen». Da gibt es also mittlerweile neuere Forschungsergebnisse.


-

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.