Heaven´s Gate

10.01.2019 Walter Gasperi

1980 hagelte es Verrisse und im Kino entwickelte sich Michael Ciminos epischer Western zum Megaflop. Längst wurde aber dieses Bild revidiert und die grandiose Abrechnung mit dem Krieg der reichen Viehzüchter gegen arme – vorwiegend osteuropäische – Immigranten zählt heute zu den großen Klassikern der Filmgeschichte. Bei Capelight Pictures ist dieses Meisterwerk in einem edlen Mediabook auf DVD und Blu-ray erschienen.


Nur «Thunderbolt and Lightfoot – Die Letzten beißen die Hunde» (1973) und «The Deer Hunter» (1978) hatte Michael Cimino zuvor gedreht, doch nach den Oscars für sein Vietnam-Drama stand er auf dem Höhepunkt seiner Karriere und United Artists ließ ihm weitgehend freie Hand bei seinem Projekt über den Johnson County War.

In drei Kapitel gliedert Cimino sein 217-minütiges Epos, lässt auf einen 1870 an der Harvard University spielenden Prolog, die 20 Jahre später in Wyoming spielende Haupthandlung folgen, um nochmals 13 Jahre später auf einer Yacht vor Rhode Island ein Bild des gebrochenen Protagonisten zu vermitteln.

Die ganze Brillanz von Ciminos Inszenierungskunst zeigt sich schon in der unvergesslichen Eröffnung, in der an der Harvard University der 1870er Jahrgang seinen Abschluss feiert. Vom Zug der Absolventen zu «When the Saints Go Marching in“ durch die Straßen, wechselt der Film zur Ansprache des Rektors, der die Absolventen auffordert ihren Einfluss, den sie aufgrund ihrer Bildung haben, geltend zu machen, um in einem großen Fest auf dem Campus zu enden.

Schon hier erweckt Cimino mit perfekter Ausstattung diese Zeit zum Leben und Vilmos Zsigmond lässt den Zuschauer mit seiner dynamischen Kamera zusammen mit den vier Cuttern Lisa Fruchtman, Gerald B. Greenberg, William H. Reynolds und Tom Rolf, die immer wieder zwischen Totalen und Individuen wechseln, in diese Welt eintauchen. Meisterhaft steigert aber auch die Musik von David Mansfield die Emotionalität der Szene.

Die Kreisbewegungen der überwältigenden Walzerszene, die unübersehbar an Viscontis »Il gattopardo« anknüpft und ihr kaum nachsteht, werden dabei später wieder aufgenommen mit einer nicht weniger grandiosen Rollschuhtanzszene in der noch im Bau befindlichen Versammlungshalle der armen Immigranten in Wyoming, aber auch in der blutigen finalen Schlacht.

Mit einem Schnitt überspringt Cimino 20 Jahre. Der eben noch jugendliche Averill (Kris Kristofferson) wirkt jetzt müde, erschöpft und vom Leben gezeichnet. Als Sheriff ist er für den Johnson County in Wyoming zuständig. Er gehört zur Oberschicht, dennoch wird er sich für die armen – vorwiegend osteuropäischen – Immigranten einsetzen, denen der Verband der Viehzüchter mit Genehmigung von Gouverneur und Präsident den Krieg erklärt, da sie hin und wieder in ihrer Not Rinder stehlen.

Als Diebe und Anarchisten werden sie beschimpft und 125 von ihnen auf eine Todesliste gesetzt, die von bezahlten Killern getötet werden sollen. So offen hier Cimino von einem Klassenkampf spricht, so aktuell wirkt der Film angesichts des heutigen Flüchtlingselends in der Schilderung der Situation dieser Immigranten.

Wie schon in »The Deer Hunter« lässt sich Cimino viel Zeit für die Schilderung dieser Community, vermittelt einen Eindruck von ihrem harten Leben, wenn statt Ochsen Frauen einen Pflug ziehen, beschwört aber in einer Festszene auch ihre Lebensfreude.

Atmosphärische Dichte und Kraft entwickelt diese Schilderung durch Ciminos Lust an stupendem Detailreichtum, der freilich auch dazu führte, dass das Budget von geplanten acht Millionen Dollar auf rund 40 Millionen anstieg und die Drehzeit maßlos überzogen wurde.

Aber was wäre dieser Film, wenn nicht so plastisch der Bürgerstadt Casper das im Aufbau befindliche Sweetwater mit seinen schlammigen Straßen, der Holzkirche am See und der noch im Rohbau und ohne Dach dastehenden Versammlungs- und Tanzhalle gegenübergestellt würde.

Die gesellschaftliche Schilderung verknüpft Cimino mit einer Dreicksgeschichte um Averill, den Killer Nat Champion (Christopher Walken) und die Bordell-Chefin Ella Watson (Isabelle Huppert). Beide Männer lieben diese Frau und sie liebt beide Männer, doch einerseits steht auch sie auf der Todesliste, andererseits arbeitet Nat für die Viehzüchter als Scharfschütze.

Nicht weniger opulent und schwelgerisch als den gesellschaftlichen Hintergrund erzählt Cimino diese Liebesgeschichte, wenn er beispielsweise Averill mit Ella in der neuen Kutsche an einen Fluss fahren lässt.

Jede der in blasse Farben getauchten und an Gemälde erinnernden Einstellungen von Vilmos Zsigmond atmet hier Leben, will gesehen oder vielmehr eingesogen werden. Wie hier das Licht in die Räume flutet, wie Innenszenen mit grandiosen Totalen der prächtigen Landschaft mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund wechseln, ist ein einziger Sehgenuss.

Klar und unerbittlich bezieht Cimino dabei Position in diesem schmutzigen Krieg. Nicht verwundern kann es folglich auch, dass dieser Film in den USA abgelehnt wurde, erzählt er doch von Klassenkampf und einem Rassismus, der sich für einmal nicht gegen die Ureinwohner oder Afroamerikaner, sondern gegen europäische Immigranten richtet. Drastisch zeigt er die Rücksichtslosigkeit und Brutalität der Viehzüchter und ihrer Helfershelfer.

Chancenlos sind die Immigranten im Grunde gegen die Viehzüchter, doch als sie sich zusammenschließen und selbst zum Angriff übergehen, können sie der vollständigen Vernichtung entgehen, auch wenn die Verluste enorm sind.

Wie ein Gegenstück zu »Gone With the Wind« wirkt dieser große Spätwestern, denn er singt kein Loblied auf Amerika, erzählt nicht vom »Land of the Free«, sondern vom »Land of the Rich«, in dem für die Armen und Neuankömmlinge kein Platz ist. Gleichzeitig ist »Heaven`s Gate«, dessen Titel sich auf den Namen der Versammlungshalle bezieht, ein Film aus einer anderen Zeit, wie er im digitalen Zeitalter nicht mehr entstehen kann.

So maßlos Cimino in seinem Perfektionismus gewesen sein mag, so großartig ist das Ergebnis. Unmöglich kann man am Rechner so intensiv und echt eine Welt und Zeit zum Leben erwecken, wie dies dem 2016 verstorbene Amerikaner, der sich von diesem Flop nie mehr erholte, mit seinem Bemühen um historische Exaktheit beim Bau der Kulissen und dank der aufwändigen Recherche nach möglichst originalen Requisiten gelang.

An Sprachversionen bieten die bei Capelight Pictures in einem Mediabook erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche und englische Untertitel und deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Die auf einer weiteren DVD gebotenen Extras umfassen deutsch untertitelte Interviews mit Michael Cimino, Kris Kristofferson, Vilmos Zsygmond, David Mansfield, Michael Stevenson und Jeff Bridges sowie die 149-minütige amerikanische Schnittfassung in deutsch untertitelter Fassung. Dazu kommt noch ein informatives 24-seitiges Booklet von Stefan Jung, das die Entstehung und die Erzählstruktur von »Heaven´s Gate« ebenso beleuchtet, wie die Rolle der Teamwork bei diesem Film sowie die verschiedenen Schnittfassungen des nach dem Flop bei Publikum und Kritik drastisch gekürzten Meisterwerks.

Trailer zu »Heaven´Gate"

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