The House that Jack Built

04.12.2018 Walter Gasperi

Nach einer sexsüchtigen Frau in «Nymphomaniac» steht ein Serienkiller im Zentrum von Lars von Triers neuem Film. Drastische Gewalt fehlt dabei so wenig wie kulturphilosophische Überlegungen. - Ein - wie vom Dänen nicht anders gewohnt - provozierender und in seiner Kälte auch schwer zu ertragender, in seiner Radikalität und seinen vielfältigen Vergleichen aber auch aufregender Film.


Die Leinwand ist schwarz, nur das Tropfen von Wasser hört man, ehe ein Gespräch zwischen zwei Männern einsetzt, bei dem der eine (Matt Dillon) den anderen, der Verge (Bruno Ganz) genannt wird, bittet ihm aus seinem Leben erzählen zu dürfen. Erst gegen Ende, nach über zwei Stunden, wird man Verge zu Gesicht bekommen, wird ihre Wanderung durch die Unterwelt visualisiert werden. Eine Kreisstruktur wird sich ergeben, wenn sich nun Sätze von früher teilweise wiederholen werden.

Doch schon zuvor wird klar, wenn Verge erklärt, dass seine «Aeneis» durch die Feier des Herrschers zu Propaganda statt zu Kunst wurde, hinter ihm der römische Dichter Vergil steckt, und dass sich die Wanderung an der Reise Dantes durch die Unterwelt in «Die göttliche Komödie» orientiert.

Gleichzeitig wiederholt Lars von Trier mit dieser Erzählform auch das Muster von «Nymphomaniac», in dem die geschundene Joe (Charlotte Gainsbourgh) einem Mann, der sie aufnahm (Stellan Skarsgard) aus ihrem von Sex bestimmten Leben erzählt. Von diesem Film übernimmt «The House That Jack Built», dessen Titel eine Anspielung auf das gleichnamige englische Kinderlied ist, auch die Gliederung in Kapitel und die Arbeit mit vielfältiger Found Footage, mit der die Analogien, die verbal hergestellt werden, auf Bildebene bekräftigt werden.

Von fünf «Ereignissen» erzählt der hochbegabte Jack, der eigentlich Architekt werden wollte, aber als Ingenieur arbeitet, Verge. Durch einen Hinweis auf den Ausbruch des Vulkans Mt. St. Helens lässt sich die Handlung, die sich über 12 Jahre erstreckt, dabei auf die 1970er und frühen 1980er Jahre datieren. Der Schauplatz scheint der US-Bundesstaat Washington zu sein, gedreht wurde freilich aufgrund der Flugangst des Regisseurs im heimatlichen Dänemark.

Jack, den die Medien «Mr. Sophistication», also «Herr Raffinesse» oder «Herr Kultiviertheit» nennen, betont, dass diese fünf «Vorfälle», in denen es immer und ausschließlich um Morde geht, nur eine Auswahl ist und er auch von anderen erzählen könnte.

Meisterhaft steigert von Trier die Spannung, wenn Jack im ersten Kapitel mehr gezwungen als gerne eine Frau (Uma Thurman) nach einer Reifenpanne mit ihrem defekten Wagenheber zu einem Schmied mitnimmt und sie auf ihr Drängen dann auch wieder zu ihrem defekten Wagen zurückfährt.

Ironischer Kommentar zur Filmhandlung ist es, dass die Frau ausgiebig offen von der Möglichkeit spricht, dass er ein Serienmörder sein könnte, bis sie Jack freilich mit der genau umgekehrten Feststellung so provoziert, dass er zum Wagenheber greift. Durchzogen ist diese Szene freilich auch schon von Misogynie, denn ausgesprochen unsympathisch zeichnet von Trier diese Frau.

Erzählungen über die Morde an einer verwitweten Hausfrau, an einer Mutter und ihren zwei Kindern, einer Freundin Jacks und dem Versuch mit einem einzigen Vollmantelgeschoss, um Munition zu sparen, mehrere Männer zu erschießen folgen.

Auf dieser Ebene bleibt «The House That Jack Built» aber nicht stecken, sondern Jack versucht gegenüber Verge seine Taten eben immer wieder zu rechtfertigen, indem er mit Bezugnahme auf Geschichte und Kunst beweisen will, dass seine Morde als Kunst zu verstehen sind.

Seinen Taten stellt er mittels schwarzweißem Archivmaterial Footage Glenn Goulds Klavierspiel gegenüber, auch aus seinen eigenen Filmen wie «Dogville», «Melancholia» und «Antichrist» zitiert er, führt als Vorbild für den Versuch mit dem Vollmantelgeschoss das Vorgehen der Nazis bei Exekutionen in Osteuropa an.

Wenn von Trier immer wieder auf die brutalen Diktatoren des 20. Jahrhunderts von Hitler über Stalin bis Mussolini Bezug nimmt, scheint das auch ein Reflex auf seinen Hitler-Sager in Cannes 2011 zu sein. Nur bitterste Ironie ist es freilich, wenn er seinen Protagonisten deren Massenmorden als Kunstwerk darstellen lässt.

Ausführlich werden die Taten auch mit der Herstellung von Dessertwein verglichen, bei der der richtige Umgang mit Verwesung als Kunst dargestellt wird, aber auch mit der NS-Architektur eines Albert Speer, der von der Kunst der Ruinen sprach.

Während Jack mit dem Bau eines malerisch am See gelegenen Hauses aber schon bei der Wahl des richtigen Baustoffs scheitert, scheint er diesen Plan schließlich mit seinen Opfern verwirklichen zu können. Durch dieses Haus der gefrorenen Leichen wird er in die Unterwelt eintreten, die der Däne in plastischen Bildern, bei denen er wiederum auf die Kunstgeschichte Bezug nimmt, beschwört.

In der tiefsten Hölle war Matt und mit ihm wohl auch von Trier und seiner Meinung nach wohl auch die Menschheit insgesamt aber schon zuvor auf Erden. So drastisch der dänische Provokateur teils die Morde schildert, wenn Jack beispielsweise einem seiner Opfer die Brüste abschneidet und aus einer eine Geldtasche fabriziert, so ist das erschreckendste Bild doch wohl ein anderes.

Niemand reagiert nämlich als sein nächstes Opfer vor ihm warnt und Schutz beim Polizisten sucht, auch sein eigenes Bekenntnis über 60 Menschen ermordet zu haben, nimmt man nicht ernst. Absolute Einsamkeit und Verlorenheit des Individuums wird spürbar, wenn die Kamera vom Wohnungsfenster zurückfährt und den Raum öffnet, die Isolation und das Aufsichgestelltsein inmitten einer großen Wohnsiedlung erfahrbar macht.

«The House That Jack Built» ist aber eben nicht der Blick eines Außenstehenden, sondern sichtlich arbeitet hier von Trier seine eigene Situation auf. Der hochneurotische Jack ist unübersehbar sein Alter ego, auch er ist getrieben von inneren Dämonen, von Zwangsverhalten und Ängsten – und wohl auch der Sehnsucht das perfekte Kunstwerk zu schaffen. Das ist ihm mit diesem Serienkillerfilm wohl nicht gelungen, aber ein höchst interessanter und vielschichtiger, wenn auch kalter, zutiefst pessimistischer und in seinem Menschenhass schwer zu ertragender Film ist dies allemal.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn

Trailer zu «The House that Jack Built»

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