Die Mutter Beimer aller Serien

19.11.2018 Kurt Bracharz

Der 1941 in Augsburg geborene Filmemacher Hans Wilhelm Geißendörfer hatte schon für seine ersten Filme Auszeichnungen erhalten: Filmband in Silber 1970 für «Jonathan» und 1976 für «Der Sternsteinhof», Filmband in Gold 1978 für «Die gläserne Zelle» (auch für den Oscar nominiert). 1971 gründete er zusammen mit Thomas Schamoni, Hark Bohm, Peter Lilienthal, Volker Vogeler, Wim Wenders und anderen den «Filmverlag der Autoren», 1982 seine eigene Produktionsgesellschaft Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion GmbH. Sie produzierte zusammen mit dem WDR ab 1985 die Dauerserie «Lindenstraße», wobei Geißendörfer gelegentlich auch Regie führte. Die Serie läuft jeden Sonntag, seit die erste Folge am 8. Dezember 1985 ausgestrahlt wurde. Die 1000. Folge wurde am 30. Januar 2005 gezeigt, nun geht es langsam dem Ende zu, im März 2020 soll endgültig Schluss sein.


Der Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens, Volker Herres, begründete das so: «Das Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solche hochwertige Serie.» Das Wort «hochwertig» ist in diesem Zusammenhang verwunderlich, denn die «Lindenstraße» schaut ausgesprochen billig gemacht aus. Die Honorare für Hunderte Schauspieler und Zehntausende Komparsen dürften im Laufe der Jahre der Hauptposten im Ausgabenbuch gewesen sein, die Erhaltung der 150 Meter lange Außenkulisse auf dem WDR-Gelände in Köln-Bocklemünd kann nicht extrem teuer sind, und die Drehbücher dürften auch nicht die höchstbezahlten der Seriengeschichte gehört haben.
Der Drehbuchschreiber Michael Meisheit deutete in einem Interview mit dem Berliner «Tagesspiegel» an, dass «Lindenstraße» die Mutter von «Breaking Bad» oder «Game of Thrones» sei: «Früher habe ich nur Filme geguckt. Eine Freundin hat mich in den 1990ern zum Mitschauen der 'Lindenstraße' gezwungen. Als Hans W. Geißendörfer uns an der Filmhochschule eine Folge gezeigt hat, haben einige die Nase gerümpft: Was soll denn das? Wir wollen Filme sehen! Ich habe die Serie als Einziger verteidigt, bin da gerne mit 24 Jahren in die Produktion eingestiegen. Tatsächlich wurde diese Arbeit später von Kollegen nicht belächelt. Okay, wenn ich gesagt habe, ich schreibe die 'Lindenstraße', kam natürlich immer auch mal der Satz: ,Ach ja, meine Mutter guckt das.’ Ich habe nie etwas vermisst im 'Lindenstraße'-Kosmos. Eine ironische Distanz hat da nicht geschadet. Und in gewisser Weise ist die 'Lindenstraße' ja ein Vorreiter der horizontal erzählten Serien, die Figuren und ihre Geschichten werden über längere Zeiträume weitererzählt.»

Stars und Produzent wehren sich natürlich gegen die Einstellung der Serie. Die Darstellerin der Zentralfigur Helga Beimer, Marie-Luise Marjan, sagte in «Bild am Sonntag», die Serie habe einen «gesellschaftspolitischen Anspruch». «Nun einfach zu sagen, 'Wir wollen das nicht mehr', sagt eigentlich alles über die ARD aus.» Geißendörfer formulierte unmissverständlich: «Lindenstraße steht für politisches und soziales Engagement, für Meinungsfreiheit, Demokratie, gleiche Rechte für alle und Integration, was in Zeiten von Rechtsruck und Ausländerfeindlichkeit wichtiger ist denn je.»

Der WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn sieht es anders: «So sehr der Abschied auch schmerzt, können doch alle Beteiligten sehr stolz sein, denn sie haben mit der 'Lindenstraße' über Generationen hinweg aus dem Alltag der Menschen heraus große gesellschaftliche und politische Themen abgebildet.» Das hat die Serie auf ihre Weise zweifellos getan. Ich weiß nicht, ob Geißendörfer es ablehnen würde, als alter 68er bezeichnet zu werden. Aber hinter der «Lindenstraße»-Serie stand ein sozialdemokratisches Konzept. Es ist kein Zufall, dass ihre Einstellung zu einer Zeit angekündigt wird, in der die SPD auf 13 Prozent gefallen und die AfD in alle Länderparlamente eingezogen ist.


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