Alter, bist du pervers!

12.11.2018 Kurt Bracharz

Dass in Wien ein Mann zu einem anderen «Oida!» sagt, ist seit Jahrzehnten nichts Besonderes. Neuerdings soll «Oida!» aber Jugendsprache sein, eine Behauptung, der ich nicht wirklich zustimmen kann. In Wien nicht aus dem angegebenen Grund, und in Vorarlberg nicht, weil hier niemand Wiener Dialekt spricht. Aber die hochdeutsche Entsprechung «Alter!» habe ich hier sehr wohl gehört und tatsächlich als Jugendsprache.


Während in den Regionalzügen nicht nur in den (nicht vorhandenen) Ruheabteilen Ruhe herrscht, weil alle auf ihre Mobiltelefone starren, wird es in den Bussen durchaus laut und ich habe mit eigenen Ohren Zehnjährige einander als «Alter!» titulieren gehört. Ich traute allerdings meinen Ohren nicht, als ich zum ersten Mal ein Mädchen ein anderes mit «Alter!» ansprechen hörte. Aber einmal gab es keinen Zweifel: In einem Bus in Feldkirch saß ich direkt hinter zwei etwa vierzehnjährigen Mädchen, die sich angeregt und ungeniert laut über den Freund der einen unterhielten. Als sie sich zum Aussteigen bereit machten, schloss die eine das Gespräch mit den bewundernden Worten: «Alter, bist du pea-veeeas!» Da war mir klar, dass die Anrede «Alter» tatsächlich geschlechtsneutral eingesetzt wird und nichts mehr bedeutet, auch wenn sie wohl von «Oida» und dessen ursprünglicher Form «Alter Freund» (oder «Alter Schwede» etc.) abgeleitet ist. Schließlich meinte das Mädel nicht mich, auch wenn’s dann vielleicht besser gepasst hätte; ich hatte allerdings ihr Gespräch aus reinen Lautstärke-Gründen mithören müssen, man kann bekanntlich die Ohren nicht verschließen.

Der «Standard» hatte seinem Artikel über Jugendsprache eine Sprechblase mit Emojis und folgendem Text beigefügt: «Oida Lisa! Hast du die nice Bellgadse gesehen? Und sonst alles gucci bei dir bisch?» «Alles gucci» ist leicht verständlich und einigermaßen lustig, aber soll man annehmen, dass irgend jemand tatsächlich mehr als ein Mal einen Hund eine «Bellkatze» nennt? Das ist schwer vorstellbar, bitch! Das Jugendwort des Jahres 2017 «Hallo, i bims!» habe ich in keinem Bus gehört, und es kommt mir ungefähr so vor wie das Wortspiel von Über-60-Jährigen, «zum Bleistift» statt «zum Beispiel» zu sagen. Der «Standard» bringt noch ein paar beim ersten Hören amüsante Beispiele, die sich aber auch sehr schnell abnützen werden: «Selfmord» für Jene, die beim Selfie unabsichtlich von der Klippe stürzen oder sonstwie zu Tode kommen, oder «zuckerbergen» für «jemanden stalken».

In Österreich scheint eine Gesellschaft für österreichisches Deutsch für die Wahl des Jugendwortes des Jahres zuständig zu sein, in Deutschland hat Langenscheidt zumindest früher jährlich ein Jugendsprachebüchlein herausgebracht. Philologisch ist das alles genau so entbehrlich wie das Unwort des Jahres. Scheiß drauf, Oida!


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