Bohemian Rhapsody

06.11.2018 Walter Gasperi

Vom Underdog zum Weltstar. – Bryan Singers Biopic über «Queen»-Leadsänger Freddie Mercury konzentriert sich ganz auf die Zeit der Karriere und Krisen der Band. Formelhaft in der Handlung, begeistert der Film durch die zahlreichen Hits sowie einen großartigen Rami Malek als Freddie Mercury.


Schon 2010 war ein Biopic über den 1992 an Aids verstorbenen Freddie Mercury angekündigt worden. Schwierig gestaltete sich zunächst die Suche nach einem Hauptdarsteller. Zuerst war «Borat» Sacha Baron Cohen vorgesehen, doch dieser zog sich aufgrund künstlerischer Differenzen vom Projekt zurück. Schließlich bekam Rami Malek, der bisher vor allem durch die Hauptrolle in der Serie «Mr. Robot» bekannt war, die Rolle.

Im Nachhinein erweist sich die Wahl als Glücksgriff, denn Malek verwandelt sich nicht nur äußerlich durch Zahnprothese, schwarzen Schnauz und Mercurys legendäre Outfits in den Leadsänger von «Queen», sondern trifft auch genau dessen Gestik und Mimik, vermittelt dessen Unsicherheit im privaten Raum ebenso wie dessen Energie bei den Bühnenauftritten.

Während somit ein idealer Hauptdarsteller gefunden wurde, kam «Bohemian Rhapsody» während der Dreharbeiten Regisseur Bryan Singer abhanden. Zunächst verzögerte sich die Fortsetzung des Drehs, weil Singer öfters wegen einer schweren Erkrankung der Mutter und eigener gesundheitlicher Probleme nicht zu den Dreharbeiten kam, dann feuerte ihn 20th Century Fox.

Noch prekärer wurde die Lage für Singer, als Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs eines 17-Jährigen aufkamen. Das Studio engagierte daraufhin Dexter Fletcher, doch in den Credits wird nun doch nur Singer als Regisseur geführt.

Angesichts dieser Probleme ist «Bohemian Rhapsody» überraschend gut gelungen. Verzichtbar ist der kurze Einstieg mit dem Erwachen Mercurys am Tag des Live Aid-Konzerts 1985, denn Nicht-Eingeweihte werden mit dieser Szene nichts anfangen können und auch dramaturgisch bringt sie nichts.

Geradlinig erzählt Singer danach, 1970 beginnend, vom Weg des Sohns von Migranten aus Sansibar vom Gepäckarbeiter am Flughafen über die Aufnahme in die Band «Smile» und deren Umbenennung in «Queen» mit rasch folgenden Welthits und großen Tourneen bis zur versuchten Solokarriere Mercurys und seiner reuigen Rückkehr zu seinen früheren Bandmitgliedern.

Damit verknüpft wird die Geschichte von Mercurys großer Liebe zu der Verkäuferin Mary (Lucy Boynton), die freilich an der Homosexualität, derer sich der leidenschaftliche Performer erst langsam bewusst wird, zerbrechen muss, aber auch von der Lösung von seinem traditionelle Werte predigenden Vater.

Sehr formelhaft und oberflächlich ist «Bohemian Rhapsody» in diesen Motiven, da sie in der anekdotischen Erzählweise nicht weiter ausgearbeitet werden. Wenig spürt man von den Brüchen, zu der die komplette Abgrenzung von der Familie geführt haben muss, Mary wird als stets liebende Frau gezeichnet, die immer hinter Freddie steht, während Kontrapunkt zu ihr ein heuchlerischer Lakai ist, der den Star ausnützt, den Bruch in der Band herbeiführt und Parties organisiert, die zu Mercurys Absturz führen.

Doch mehr behauptet als sichtbar und spürbar wird die Wildheit dieses Lebens. Kaum mehr als ein bisschen Kokain auf einem Tisch kündet hier von schwerer Drogensucht und dass Mercury zeitweise jede Nacht seine Sexpartner wechselte, wird nur einmal erwähnt, während sich auf der Bildebene seine homosexuelle Neigung auf lüsterne Blicke auf Männer beschränkt.

Ungemein züchtig ist «Bohemian Rhapsody» in der Schilderung dieses in Wahrheit sehr exzessiven Lebens, als reaktionär muss man schon den Blick auf Homosexualität und Mercurys Beziehung zu seiner Mary bezeichnen. Dass nämlich ein glückliches homosexuelles Leben möglich ist, scheint nur in den Nachspanninserts auf, die an die mehrjährige liebevolle Beziehung des Popstars zu Jim Hutton erinnern. Davor wird aber seine sexuelle Orientierung als schwere Bürde geschildert, die das große Liebesglück, das in der Argumentation des Films ihm und Mary sonst sicher wäre, verhindert.

Sehr formelhaft ist auch der dramaturgische Aufbau mit Aufstieg, Krise und Happy-End mit Live Aid-Konzert, das auch eine Aussöhnung mit seinen Eltern bringt. Gekonnt, aber auch eiskalt berechnend wird da auf die Tränendrüsen gedrückt.

Überzeugender ist die Schilderung der Gemeinschaft und der Auseinandersetzungen innerhalb der Band, die Beschwörung der Freundschaft und der Erkenntnis, dass sie nur zusammen Erfolg haben können, aber Herzstück des Films sind natürlich die Songs.

Von der vom Gitarristen Alan May und dem Komponisten Roger Taylor im Stil von «Queen» modifizierten 20th Century Fox-Fanfare über «Killer Queen», die Titel gebende sechs minütige «Bohemian Rhapsody», «Love of my Life» (Mercurys Liebeserklärung an Mary), «We Will Rock You» und «Another One Bites the Dust» bis zum spektakulären Finale, für das der gesamte 21-minütigen Auftritt beim Live Aid-Benefizkonzert für Afrika am 13. Juli 1985 im Wembley Stadion nachinszeniert wurde, spannt sich der Bogen.

Nicht nur musikalisch reißen diese Szenen mit, sondern auch durch die filmisch dynamische Gestaltung. Mit schnellem Schnitt werden Konzerttourneen zusammengefasst, prägnante Szenen bieten Einblick in die Arbeitsweise der Band und ihr Vermögen das Publikum in ihre Auftritte einzubeziehen. Geschickt werden dabei auch bald Songs ausgespielt, bald nur kurz angerissen. – Es sind diese zahlreichen Momente, die «Bohemian Rhapsody» trotz seiner allzu braven Dramaturgie zu einem sehens- und natürlich vor allem hörenswerten Musikfilm machen.

Läuft derzeit in den Kinos

Trailer zu «Bohemian Rhapsody»

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Bohemian Rhapsody © 2018 Twentieth Century Fox

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