Lektüreempfehlung an einem kalten Herbstabend

29.10.2018 Kurt Bracharz

Ende Oktober, Dreckswetter, Sonntagabend, vor der Glotze.
Vorarlberg, Meldung 1: Gut integrierter pakistanischer Lehrling, 26, nach Pakistan abgeschoben. Vorarlberger ÖGB-Chef glaubt an einen «Befehl von oben» zu einer forcierten und wegen der Unmöglichkeit, die Rechtsmittel auszuschöpfen, rechtswidrigen Abschiebung. Vorarlberg, Meldung 2: Bei der Abschiebung einer armenisch-iranischen Familie aus dem Bregenzerwald trennte die Behörde einen Dreijährigen von seiner schwangeren Mutter. Die Familie wurde am Sonntagmorgen um fünf Uhr aus ihrer Wohnung in Sulzberg abgeholt. Ihr Rechtsanwalt spricht von einem «barbarischen Akt».


Deutsch-österreichische Grenze: Aus Bayern kommend, sollen demnächst «Vikings Security»-Gruppen in Wien, Linz, Graz und Salzburg etabliert werden. Es handelt sich um rechtsradikale Bürgerwehren in Identitären-Manier.

Hessen: Die AfD zieht in den Landtag ein. Wenn die Veränderungen bald zu Merkels Rücktritt führen, werden CDU/CSU mit der AfD koalieren, gleichgültig, was sie jetzt behaupten.

Italien: Die Wirtschafts-«Politik» der Koalition von Faschisten und Verantwortungslosen gefährdet das Bestehen der EU.

Pittsburgh: Ein Nazi erschießt in einer Synagoge elf Menschen, auf mehreren Sendern wird formuliert, es solle sich beim Täter um einen Antisemiten handeln. (Eine Zeitung zitierte schon vorher den alten schwarzen Rassisten Louis Farrakhan, er sei nicht gegen Semiten, sondern gegen Termiten.) Trump muss mehr liefern als seine üblichen Platitüden, sonst kriegt er es mit einem seiner wichtigsten Unterstützer, dem Casino-Milliardär Sheldon Gary Adelson zu tun.

Brasilien: weit weg, aber der Wahlsieg eines erklärten Faschisten gibt doch zu denken.

Immerhin sind China und Russland einigermaßen stabile Diktaturen, das ist angesichts der Vermehrung von failed states schon etwas, wenn auch nichts Gutes.

Was tun? Ich empfehle zur persönlichen Orientierung in den nächsten Jahren die Lektüre von Hannah Arendts Vortrag «Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur?» von 1964/65. Er ist gerade übersetzt und mit einem Nachwort versehen bei Piper neu aufgelegt worden. Kleine Leseprobe, zugegebenermaßen ohne Copyright: «Aus zahlreichen Gründen berührt die Debatte darüber, ob es überhaupt möglich und rechtlich zulässig ist zu urteilen, die wichtigste moralische Frage. Es geht hierbei um zwei Dinge: Erstens, wie kann ich Recht von Unrecht unterscheiden, wenn die Mehrheit oder meine gesamte Umgebung die Frage schon vorentschieden hat? Wer bin ich, dass ich richte? Und zweitens, in welchem Umfang, wenn überhaupt, können wir vergangene Ereignisse und Vorfälle beurteilen, bei denen wir nicht zugegen waren? Was das Letztere betrifft, so liegt auf der Hand, dass weder Geschichtsschreibung noch Gerichtsverfahren überhaupt möglich wären, wenn wir uns diese Fähigkeit überhaupt absprechen.»

Lesen Sie bitte selbst weiter.


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