Die Gezeichneten

06.12.2018 Walter Gasperi

Lange galt Carl Theodor Dreyers 1922 entstandener Stummfilm über Antisemitismus im vorrevolutionären Russland als verschollen. Bei absolut Medien ist das Frühwerk in restaurierter Fassung auf DVD erschienen.


Nach ersten Filmen in Schweden und seiner dänischen Heimat ging Carl Theodor Dreyer 1920 nach Berlin. Als sein erster Film entstand dort die Adaption von Aage Madelungs 1912 erschienenem Roman «Elsker hevandre», der im Russland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts spielt.

Im Zentrum stehen die Jüdin Hanne-Liebe und der Russe Sascha. Als Nachbarn wachsen sie in einem Dorf am Dnjepr auf und verlieben sich. Als über ihre Beziehung getratscht wird, verlässt Sascha die Heimat Richtung St. Petersburg, während Hanne-Liebe verheiratet werden soll. Weil ihr aber keiner der präsentierten Partner zusagt, flieht auch sie nach St. Petersburg. Dort lebt ihr älterer Bruder, der vom Vater verflucht wurde, weil er zum Christentum konvertierte, um einen Job als Anwalt zu bekommen.

Sascha ist bei der Armee, aber begeisterter Anhänger des Sozialismus, doch die Treffen der Revolutionäre werden von Spitzeln ausspioniert, sodass er schließlich verhaftet und Hanne-Liebe, die er in der Metropole wieder getroffen hat, in ihr Heimatdorf zurückgeschickt wird. Dort schürt ein als Mönch getarnter Spitzel aber inzwischen den Hass der Russen auf die Juden, bis dieser in ein Pogrom mündet.

Wie in Dreyers berühmten späteren Filmen wie «Die Passion der Jeanne d´Arc» oder «Ordet – Das Wort» ist die Inszenierung bewusst karg. Die Kamera wird kaum bewegt, der Fokus liegt oft ganz auf dem menschlichen Gesicht, das in den Großaufnahmen durch Kreisblenden noch hervorgehoben wird. Inszenatorische Spielereien inszenieren Dreyer nicht, nichts soll den Blick auf Handlung und Figuren stören.

Ähnlich wie E. A. Dupont in «Das alte Gesetz» stellt er nicht nur einfache jüdische Landbevölkerung einem aufgeklärten christlichen Bürgertum gegenüber, sondern auch archaisches Dorfleben und Großstadt. Dazu kommt das Spannungsfeld von wachsendem Antisemitismus einerseits und gärender revolutionärer Stimmung, die in die Revolution von 1905 mündet andererseits.

Die Sympathie Dreyers gehört ganz den jungen Protagonisten Hanne-Liebe und Sascha, vernichtend ist sein Blick auf das Getratsche im Dorf ebenso wie auf die Spitzel der Ochrana, die mit hinterhältigen Tricks den Hass schüren. Prägnant zeigt er auch, dass Hanne-Liebes Bruder in der Stadt zwar beruflichen Erfolg, aber kein privates Glück gefunden hat, denn in jeder Szene spürt man, das seine Ehe längst erkaltet ist. Nicht spurlos blieb offensichtlich seine Lösung vom Judentum, sondern hat zu einer schweren Identitätskrise geführt.

Facettenreich und nüchtern deckt Dreyer so in der Gegenüberstellung der verschiedenen Lebenswelten, die Spannungen und Konflikte auf, die der Einbruch der Moderne und neuer Ideen in eine traditionelle Welt auslösen. Vor allem inhaltlich ist damit dieses Frühwerk Dreyers, dessen deutsche Originalfassung als verloren gilt, somit interessant.

Lange galt der Film überhaupt als verschollen, erst 1960 wurde in der Sowjetunion eine russische Fassung mit dem Titel «Pogrom» entdeckt. Einerseits handelte es sich dabei aber um eine gekürzte Version, andererseits war die Bildqualität ungenügend. 2006 konnte das dänische Filminstitut aber schließlich aus einer sowjetischen Exportversion, von der eine Nitro-Kopie der ersten Generation in der Cinémathèque de Toulouse gefunden wurde, eine neue 2K-Restaurierung erstellen.

Trotz des Alters des Films überzeugt die Bildqualität der bei absolut Medien erschienenen DVD, perfekt unterstützt wird die Handlung auch von der neuen Filmmusik von Bernd Thewes. Neben den deutschen Zwischentiteln, die grundlegend überarbeitet und auf Basis der schwedischen Zensurliste und dem Drehbuch Dreyers erstellt wurden, werden auch englische Untertitel angeboten. Extras fehlen zwar, ausführliche Informationen zum Film werden von absolut medien aber online angeboten.

Trailer zu «Die Gezeichneten»

  • (c) absolut Medien GmbH
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