Modernes Lesen

28.10.2018 Haimo L. Handl
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Die Manöver der Bildungsreformer in unserem Land sind hausbacken, altmodisch, weil sie zu simpel auf Technologie setzen, kurzsichtig und sogar bildungsfeindlich. Zwar kann oder könnte eine gewisse funktionale Alfabetisierung, unterstützt von Tabletts und Smart Phones, erreicht werden, jedoch nicht eine Lesekompetenz, die den Anforderungen einer gebildeten Person entsprechen.


Das Drama liegt in dem Umstand, dass eine Persönlichkeitsbildung, die von vielen als altes, obsoletes Modell verhassten Bildungsbürgertums gilt, gar nicht angestrebt wird. Die Wirtschaft, Hauptmotor der neuen Un- oder Verbildung, will funktionierende Aufgabenlöser, willige, ordentliche Arbeitskräfte, die in ihrem Bereich durchaus spezialisiert sein dürfen oder sollen, sie will aber nicht den Luxus von höherer Bildung. Das Nutzendenken wird von den meisten Eltern, insbesondere den bildungsfernen, um von den bildungsfeindlichen Schichten gar nicht zu reden, bemüht, um etwaige mögliche Bildungsgehalte, die nicht sofort direkt einen Nutzen versprechen oder gar garantieren, zurückzuweisen und zu verweigern. Dass musische Fächer so schwach vertreten sind an unseren Schulen ist nicht nur Resultat eines mageren Lehrplans, sondern auch Reaktion auf die Abweisungen von Eltern, die ihren Kindern nichts zumuten wollen, was im Leben nicht direkt zum Erfolg führt, das heißt, sich bezahlt macht.

Aus den Neurowissenschaften wissen wir, dass Lesen vom Monitor oder Smart Phone heute weder die Augen schädigt, noch sonstwie das Lesen beeinträchtigt. Man kann auch über den Monitor lesen. Kultürlich. Das Problem liegt nicht in der technischen Versorgung, den Geräten, sondern in der Sozialisation, im ungelernten oder gelernten Umgang mit den neuen technischen Mitteln bzw. der erweiterten Kultursozialisation. Auf die beiden wichtigsten Aspekte, die sich negativ auswirken, komme ich gleich.

Der Lesevorgang ist ein komplexer Prozess. Heute lässt er sich durch besondere bildgebende Verfahren und dank Hochleistungscomputern abbilden. Was früher vermutet wurde, wird heute ersichtlich. Erst werden visuelle Symbole erfasst. Werden diese als Sprachzeichen erkannt, gelangen sie in die sprachverarbeitenden Systeme unseres Gehirns. Interessanterweise ist dieses System im akustischen Bereich verankert. Bevor wir sehen, hören wir. Das Sprachnetzwerk ist auch nicht nur auf eine Hirnhälfte beschränkt, wie man früher zu wissen meinte, sondern komplex verteilt in beiden Hirnhälften; die «Sprachproduktion» aktiviert Strukturen und Zellen in beiden Hirnhemisphären. Wird eine Wortform erkennend gelesen und verarbeitet, folgt das Verstehen ihrer Bedeutung, des semantischen Gehalts. Diese Zeichen- oder Wortbedeutung wird noch gewichtet oder verändert durch die Stellung in der Reihe, also durch den Satz bzw. das Regelwerk, die Syntax, die den (korrekten) Satz bedingt. Einzelne Wörter als Zeichen haben einen Bedeutungskern, der aber nicht fixiert ist, sondern durch die Grammatik näher bestimmt wird. Je höher das Wissen um die Regeln, die Möglichkeiten einerseits, der vielen Bedeutungsgehalte und –felder andererseits, desto komplexer die Deutung, die Interpretation des Wahrgenommenen. Der einfache Satz «Hund beißt Mann.» scheint klar und eindeutig. Die Veränderung der Wortstellung stellte den Sinn auf den Kopf: «Mann beißt Hund.» Auch die Vollständigkeit eines Satzes wird entscheidend: «Ich komme.» Oder: «Ich komme nicht.»

Wenn wir jetzt noch im Auge behalten, dass zur eigentlichen Bedeutung des Zeichens (Wort, Begriff), der Denotation, die Nebenbedeutung, das Bedeutungsumfeld, die Konnotation, sich hinzugesellt, wird die Komplexität gesteigert. Wir verarbeiten keine pure Information und nie nur Denotationen. Immer schwingt die Konnotation mit, immer haben wir mehr oder weniger Redundanzen, sozusagen Füllzeichen, die den Austausch der Zeicheneinheiten erleichtern.

Die Farbe Rot hat, um ein einfaches Beispiel zu nennen, mehrere mögliche Bedeutungen: «Stop» als Ampellicht im Verkehr, entsprechend der Straßenverkehrsordnung. Als Himmelsfärbung mit jeweils etwas anderer Bedeutung einmal im «Morgenrot» oder «Morgenröte» bzw. als «Abendrot». Das Rot einer Blutorange mag ähnlich klingen wie das Rot des Blutes, aber das Bedeutungsumfeld, die Konnotation wird von einem zum andern stark abweichen. «Lieber rot als tot.» sagt viel über Geschichte und Politik, über die Wertung aus: eigentlich will ich nicht rot sein, wenn ich aber wählen müsste, zöge ich es doch dem Tod vor, also: lieber rot, als tot. Die Abwertung ist ausgedrückt allein durch die Wendung «lieber, als».

Frühere oder ganz früh wurde viel langsamer gelesen, weil meist laut. Lesen Lernende murmeln manchmal noch, wie sie auch mit dem Finger in den Zeilen den Buchstaben folgen, weil sie noch ungeübt sind im Erfassen der Schriftbilder. Wir haben gelernt, rasch, stumm lesend, die Zeichen entweder innerlich hörbar zu machen bzw. sie zu «übersetzen». Geht es nicht nur um Informationsverarbeitung, sondern um Ästhetik der Sprache, verliert man allerdings eine Dimension, wenn man es beim stummen Lesen belässt. Gedichte erschließen sich fast immer übers Gehör, erst recht, wenn sie in einer anderen Sprache als der eigenen geschrieben sind.

Worauf es beim Lesen ankommt, ist also, soviel ist deutlich geworden, nicht nur die Fähigkeit der Zeichenerkennung, sondern die rasche adäquate Verarbeitung. Und die hängt mit dem Wissen zusammen. Jemand, der zwar lesen kann, aber ungebildet kein Wissen hat, wird sich ziemlich bald schwer tun, weil ihm der Sinn der Bedeutungen, den die Zeichen vermitteln, verschlossen bleibt. Da helfen dann auch keine technischen Geräte. Im Gegenteil.

Wenn ich spreche, bin ich aktiv. Ein Gespräch ist ein Austausch: ich rede, ich höre zu, ich antworte, ich erwidere, ich höre wieder usw. Es ist ein Prozess, der in einer bestimmten Geschwindigkeit abrollt und von mir mitbestimmt wird. Bei gewissen Abhängigkeiten gelten strenge Regeln: im Verhör darf oder muss ich nach Fragen antworten, ich werde gemaßregelt, wenn ich nicht folge oder abschweife, wenn ich verzögere usw. Ein Vortrag verlangt eine gewisse Redeweise. Vermag ich die nicht zu liefern, verliere ich die Aufmerksamkeit der Hörer, erlebe einen Misserfolg usw. Ein Verkaufsgespräch verläuft anders als ein Tratsch. Ähnlich lese ich verschiedene Texte spezifisch: ein Memo, eine Notiz, eine Verlautbarung, einen fachkundigen Artikel, ein Buch, und da wiederum unterschiedlich eine leichte Unterhaltungserzählung, einen anspruchsvollen Roman oder ein Sachbuch.

Ob ich nun am Smart Phone lese, vom Monitor oder aus einem Buch ist hinsichtlich des Leseprozesses einerlei. Oder doch nicht? Was den Lesevorgang betrifft, gibt es keine wesentlichen Unterschiede. Aber was die Lesesozialisation betrifft, sehr wohl. Diese Unterschiede sind nicht nur technischer Art, wohl aber durch die Technik begünstigt. Sie hängt auch mit der Betreuerhaltung von vielen kurzdenken, kurzsichtigen Pädagogen zusammen, die meinen, jede Anforderung von den Lernenden, die fast als Opfer angesehen werden, denen man zuviel zumutet, fernzuhalten. In der Sucht der Vereinfachung bzw. der «Hilfe», ufert man aber aus und lenkt ab, nimmt zuviel ab, trägt zur Verkümmerung bei.

Ich bin kein Anhänger der Theorie der Reizüberflutung. Das ist ein ideologisch bedingtes Konstrukt jener, die einseitig gewisse Anforderungen ablehnen bzw. in Verruf bringen, eine Art Generalentschuldigung. Immer war die Welt, die Umwelt in der jemand lebt und sich bewegt, als aktive Umwelt eine Fülle von Reizen, die der Lebende als Agierender, als Aktiver eben, erwiderte. Alles, was zuviel ist, kommt gar nicht heran, prallt ab, perlt ab, gelangt nicht ins Sehfeld, wird nicht aktiv gehört, weil ich nicht zuhöre, wird zum Geräusch, zum Hintergrund. Nie bin ich in einer leeren, hintergrundlosen, stillen Welt. Immer ist mehr Licht, wenn die Sonne scheint, als ich verarbeiten kann, immer selektiere ich in der Wahrnehmung, weil ich nie ALLES wahrnehmen kann und auch nicht soll. Information ist Auswahl.

Wie wollte ich auch das Zuviel messen? Man stelle sich ein Gefäß vor. Es kann nur voll werden, nie übervoll. Denn alles, was das Fassungsvermögen übersteigt, fließt über. Das Gefäss kann nur bis zum Fassungsvermögen gefüllt werden. Die sozialen Opfer der beanspruchenden Industriegesellschaft sind dankbar, wenn Coaches und andere Helfer ihnen versichern, dass sie einer «Flut» ausgesetzt seien, dass sie an einer Reizüberflutung litten usw. Das ist Humbug und reines ideologisches Geschwätz. Vielleicht soll es helfen, die Leseverweigerung dieser armen Opfer zu legitimieren: als ob ein Buch mit 1000 Seiten eher eine Reizüberflutung darstellte als eines mit 100 Seiten. Das wäre so dumm, wie eine lange Reise, die auch mit ersten Bewegungen beginnt, wie alles, als überfordernd oder überflutend zu sehen, und den Kurzgang zum Schrebergartenzaun schon als Maximum zu sehen, hinter den man nicht gelangen soll, um sich nicht zu überfordern, denn die weite Welt holt man sich ja heim im Nahsehen (wird irrtümlicherweise als fernsehen hingestellt) bzw. aufs Smart Phone, das einem alles hereinbringt und die Welt ortlos, grenzenlos macht, als ob alles sich im Vorgarten oder auf dem Vorplatz ereigne.

Tatsächlich führt aber die Aufbereitung über die neuen Medien, die erfolgt, um die Kids oder Kunden abzuholen, wo sie sind, dazu, die Reizintensivierung zu steigern, womit allerdings die eh schon strapazierte Aufmerksamkeitsspanne weiter reduziert wird. Beim Lesen konventioneller Bücher bestimmt der Leser das Tempo bzw. die Dichte der Sprachverarbeitung. Was als Hilfe über die neuen Medien gedacht war, wird nun zur Ablenkung und Wegführung anstatt zur Hinführung. Die Netzkommunikation bzw. das Lesen am Smart Phone oder Tablett ist ja nicht nur ein «gewöhnliches» Lesen, sondern ein dichtes Angebot von Reizen wie Hören, rhythmisierte Geräusche, Kommentare oder illustrierende Fotos und Videos. Was beim regulären Lesen der Leser durch seine Fantasie schafft, indem er sein Vorstellungsvermögen aktiviert und verfeinert, muss im modernen, neuen Lesen nicht mehr geleistet werden: der Apparat übernimmt sozusagen die Aufgabe der Vorstellung. Bald wird er auch das Denken übernehmen und die Neuleser müssen nur noch «folgen». Weil die Reize nicht immerfort oder unendlich erhöht oder verstärkt werden können, ergeben sich viel rascher Ermüdungen. Die zeigen sich dann in der Abnahme der Aufmerksamkeit. Die Kinder und Jugendlichen haben nicht gelernt, selbständig auch Pausen zu ertragen bzw. Strecken ohne gesteigerte Handlungsabläufe. Immer muss «action» sein, muss was los sein. Es ist wie mit den fatalen UNIVERSUM-Filmen, die die Natur auf- und eingerichtet für ein sensationsgeiles Publikum darstellen, wo, wie im Zeitraffer, dauernd etwas dramatisch geschieht, wie es sich in der Natur, in der Realität nie und nimmer vollzieht. Man kann sagen, die oft preisgekrönten Dokumentation verfälschen das Naturbild, unterstützen Fehlsichten der Realität, helfen also zur Realitätsverkennung. Sie sind KEIN Beitrag zur Bildung, sondern unterhaltsame Verbildung. Auch viele Dokumentation der HISTORY-Reihen entsprechen diesen schlimmen Zurichtungen und Simplifikationen. Unternehmen derart trainierte Schülerinnen und Schüler mal einen Ausflug in die wirkliche Natur, sind sie enttäuscht und vielleicht erstaunt, dass sie nichts sehen und finden, was ihnen die actionreichen Filme gezeigt haben. Sie haben nämlich nie gelernt, was Anschaulichkeit bedeutet, Kontemplation. Das könnte nämlich zu leicht mit Müßiggang verwechselt werden, wäre zu nahe am unnützen Luxus, der nichts bringt, der sich nicht lohnt. Es zählen «action» und das handlungsstarke «Event».

Gewisse Wirkungen ergeben sich nur über Dauer und Konzentration. Das Programm ist aber ausgerichtet auf starke Reize, Kürze und Wechsel. Entschleunigungen werden nur toleriert oder sogar gesucht als geplante Kuren im verordneten Wellnessprogramm. Das Regelprogramm ist hohes Tempo, Hektik, Spannung. Entspannung nur unter kontrollierten Bedingungen. Das äußert sich in der gleichförmigen Literatur, die nach einem einheitlichen Strickmuster einer nervösen Gesellschaft abgefasst erscheint, das klingt noch drastischer in der immergleichen Musik, die lokale oder regionale Eigenheiten nur in ganz begrenzten Bereichen, dem Tourismuskonzept folgenden Merkmalen, zeigen. So, wie in der Wirtschaft die heimischen Standorte der globalisierten Ausbeutung sich anpassen müssen, so soll der Rest an Kultur, ob in Musik oder Literatur, wie der Sport, sich der Globalisierung anpassen. Die neuen Medien bilden die Instrumente dafür.

Das verringerte und dadurch verkümmerte Vorstellungsvermögen muss daher verstärkt und vermehrt auf die Medienangebote der angereicherten Massenkommunikation, des betreuten, geleiteten Lesens zurückgreifen, so, wie man für einfachste Additionen das Smart Phone als Rechner benutzt, weil man 2 und 2 nicht mehr zusammenzählen kann.

Damit wird auch das allgemeine Denkvermögen geschwächt. Da die kognitiven Fakultäten vernachlässigt werden, drückt die neue instrumentalisierte Selbstzufriedenheit eine fatale Infantilisierung aus: die neuen Bürger werden immer mehr bedürftig ihrer Coaches und Psychologen, um einfachste Aufgaben im Alltag erfüllen zu können. Das von unseren Experten im Bildungsbereich besorgte Programm ist ein aktiver Beitrag zur Entmündigung und zur Herrichtung von Funktionaltypen, wie ihn die Unternehmer heute in ihrer Kurzsichtigkeit als Human Capital ihrer geschätzten Art, als Menschenmaterial wünschen. Mit dem Nichtlesenkönnen fängt es an, geht weiter über die Vernachlässigung des Musischen und wird enden in einer neuen Barbarei.

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