Viennale 2018: Highlight-Hopping

02.11.2018 Walter Gasperi

25.10.2018 bis 08.11.2018  Viennale - Internationales Filmfestival Wien

An den Rändern kann man bei der Viennale (25.10. – 8.11. 2018) Entdeckungen machen, die Auswahl der besten Filme der heurigen Festivalsaison bietet sich dagegen für ein echtes Highlight-Hopping an. Beinahe täglich boten so die neuen Filme von Regisseuren wie Alfonso Cuarón, Lee Chang-dong oder Nuri Bilge Ceylan Filmerlebnisse erster Güte.


Während man auf anderen Festivals gespannt wartet, was einem die Weltpremiere eines Films bieten wird, kommen die Filme nach Wien vielfach schon mit besten Referenzen. Überraschungen bleiben so meist aus, man weiß, was man erwarten kann und darf.

Nur so ist es auch zu erklären, dass sich bei einem 148-minütigen Film aus Südkorea wie Lee Chang-dongs «Burning» das 736 BesucherInnen fassende Gartenbaukino an einem normalen Wochentag um die Mittagszeit beinahe bis auf den letzten Platz füllt. – Und das obwohl bei der Viennale selbst Filme aus weniger bekannten Sprachregionen jeweils nur mit ihren nationalen Titeln und nicht den internationalen angekündigt werden. Da muss man dann schon wissen, dass sich hinter Pawel Pawlikowski «Zimna Wojna» «Cold War» versteckt, hinter Nuri Bilge Ceylans «Ahlat Agaci» «The Wild Pear Tree» und hinter Lee Chang-dongs «Beo-ning» «Burning».

In Cannes wurde diese Verfilmung von Haruki Murakamis Kurzgeschichte «Scheunenabbrennen» von den Kritikern hymnisch gefeiert, aber von der offiziellen Jury bei der Preisverleihung übergangen und erhielt «nur» den FIPRESCI-Preis, die Auszeichnung der Jury der Filmkritiker.

Im Grunde erzählt Lee Chang-dong eine simple Dreiecksgeschichte und kommt weitgehend auch mit drei Schauspielern aus, doch wie der Südkoreaner vom ersten Moment an Spannung aufbaut, diese sukzessive steigert und über die doch beträchtliche Spielzeit von knapp zweieinhalb Stunden aufrecht hält, ist zweifellos meisterhaft.

Sofort ist man mitten in diesem leisen Thriller drin, wenn der junge arbeitslose Jong-su, der gerne Schriftsteller wäre, von einer jungen Frau angesprochen wird, die ihn aus der Kindheit kennt. Sie bittet ihn während ihrer Afrikareise auf ihre Katze aufzupassen, doch nie wird der Mann die Katze zu Gesicht bekommen, während ein Katzenklo doch auf deren Existenz verweist.

Als der Mann die Frau bei ihrer Rückkehr von ihrer Reise am Flughafen abholt, wird sie vom jungen Ben begleitet, der einen Porsche fährt und in einer eleganten Wohnung lebt. Mit Argwohn sieht Jong-su, wie sich die Frau zunehmend Ben zuwendet und glaubt bald Indizien zu entdecken, die in ihm den Verdacht wecken, dass es sich bei Ben um einen Frauenmörder handelt.

Meisterhaft kontrolliert, langsam und leise, aber ungemein konsequent und präzise entwickelt Chang-dong in perfekt kadrierten Bildern die Handlung, setzt immer wieder Akzente der Irritation, die die Frage nach Realität und Imagination aufwerfen, zeichnet aber gleichzeitig über die beiden Protagonisten das Bild eines gesellschaftlich gespaltenen Landes ebenso wie der Entfremdung und fehlender persönlicher Beziehungen bei gleichzeitiger tiefer Sehnsucht nach Lebenssinn.

Wie in Antonionis «Blow Up» bleiben die Rätsel bei diesem an Hitchcock erinnernden Thriller dabei über das Filmende hinaus bestehen und laden zu wiederholtem Sehen ein. So raffiniert wie «Burning» gemacht ist, ist freilich anzunehmen, dass sich die Schleier auch bei einer zweiten Sichtung nicht lichten werden, sondern sich vielmehr die Geheimnisse dieses doch so glasklar erzählten Films noch vermehren.

Mit der Empfehlung des Goldenen Löwen von Venedig kam dagegen Alfonso Cuaróns «Roma» nach Wien. Für den Streaming-Anbieter Netflix drehte der Mexikaner das von autobiographischen Erfahrungen inspirierte Gesellschaftsbild, das im Mexico City der frühen 1970er Jahre spielt.

Nicht nur durch den Dreh auf 65mm braucht dieser Schwarzweißfilm im Grunde aber die große Leinwand, sondern auch durch die Art, wie Cuarón den Raum nutzt. Virtuos arbeitet er nämlich mit Vordergrund und Hintergrund, stellt mehrfach damit in einer Einstellung gleichzeitig glückliche und unglückliche Ereignisse einander gegenüber, und erweckt in mit stupendem Detailreichtum ausgestatteten fulminanten Plansequenzen, in denen die von Cuarón selbst und Galo Olivares geführte Kamera durch die Räume des großen Hauses und die Straßen der Stadt gleitet, die Vergangenheit zum Leben.

Im neunjährigen Sohn Paco kann man das Alter Ego des Regisseurs erkennen, doch im Zentrum steht das Hausmädchen Cleo, dem Cuarón unter dem realen Namen Libo auch den Film gewidmet hat.

Spielerisch leicht fließen hier das Private und das Gesellschaftliche zusammen, wenn einerseits von der Trennung der Eltern, andererseits vom sozialen Gefälle zwischen der Familie und der indigenen Hausangestellten erzählt wird, wenn persönliche Kinoerinnerungen ebenso einfließen wie das Massaker am Fronleichnamstag 1971, bei dem dutzende Menschen von einer paramilitärischen Gruppe getötet wurden.

So weit sich Cuarón mit diesem Film von seinem Science-Fiction-Meisterwerk «Gravity» entfernt hat, so nah bleibt Nuri Bilge Ceylan mit «Ahlat Agaci – The Wild Pear Tree» bei seinem letzten Film «Winter Sleep». Hier wie dort stehen lange Gespräche im Zentrum, die in die Landschaft der ländlichen Türkei eingebettet sind, hier wie dort lässt sich Ceylan über drei Stunden Zeit.

Im Mittelpunkt steht ein angehender Lehrer, der in seine Heimatstadt zurückkehrt, sich mit seinem Vater und seiner Mutter auseinandersetzen muss, aber bei seinen Spaziergängen durch die Stadt und die Gegend auch einer Jugendliebe und zwei jungen Imamen begegnet. Er telefoniert mit einem Freund, der inzwischen Polizist ist, unterhält sich mit einem renommierten Schriftsteller über Literatur und sucht den Bürgermeister und einen Unternehmer auf, um eine Unterstützung für die Publikation seines Gedichtbands zu erhalten, der dem Film auch den Titel «The Wild Pear Tree» gegeben hat.

Einlassen muss man sich auf diesen Film mit seinem langsamen Erzählrhythmus, damit einem die langen Gespräche nicht zu lang werden. Aber in der Beherrschung des Tempos, im Wechsel zwischen grandiosen ruhigen Plansequenzen und dynamischeren Kamerabewegungen, in der Arbeit mit Licht, Farbe und dem Wechsel von Naturgeräuschen und Musik erweist sich Ceylan ein weiteres Mal als Meister seines Faches, der in den Gesprächen, den Zuschauer auch tief in den Zustand der heutigen Türkei blicken lässt.

Wie «The Wild Pear Tree» ein unverkennbarer Ceylan-Film ist, so ist «Se rokh – Drei Gesichter» unübersehbar ein Film von Jafar Panahi. Ausgehend von einem vielleicht gefälschten Selfie-Video vom Selbstmord einer jungen Frau macht sich der Regisseur selbst in seinem Wagen zusammen mit einer Schauspielerin, die auch sich selbst spielt, auf die Suche nach dieser Frau, die das Selbstmordvideo verschickte.

Bot Panahi in seinem letzten Film «Taxi Teheran» durch Gespräche bei Taxifahrten durch Teheran Einblick in die Verhältnisse im Iran, führt nun die Fahrt aufs Land hinaus. Wieder vermischt sich der dokumentarische Blick aufs Bergland und seine staubig-braunen Straßen, in dem man auch eine Reverenz an die Filme seines 2016 verstorbenen Kollegen und Landsmanns Abbas Kiarostami sehen kann, mit kleinen Begegnungen.

Nach ernstem Beginn schlägt Panahi dabei zunehmend leichtere Töne an, bietet aber gleichzeitig Einblick in die Rückständigkeit der Dörfer und strenge patriarchale Struktur. Darüber hinaus ist das mit der Schauspielerin, die ihn begleitet, der jungen Frau, die scheinbar Selbstmord beging, weil die Familie ihr ein Schauspielstudium verbot, und einer praktisch unsichtbar bleibenden berühmten Schauspielerin aus der Zeit vor der Revolution aber auch eine Hommage an drei Generationen von Schauspielerinnen, die im Iran angefeindet werden und um Anerkennung kämpfen müssen.

Allseits beliebt ist dagegen der portugiesische Fußballstar Diamantino in Gabriel Abrantes und Daniel Schmidts gleichnamigem Debüt. Wenn er auf dem Platz steht und den Ball führt, sieht er nur noch rosa Wolken und Hundewelpen und die Welt um ihn löst sich auf. Viel Bezug zur Welt hat dieser unübersehbar nach dem realen Ronaldo gestaltete Protagonist sowieso nicht und versteht überhaupt nicht, was los ist, als neben seiner Yacht ein Schlauchboot mit afrikanischen Flüchtlingen gesichtet wird.

Nachhaltig irritiert ihn aber diese Begegnung, sodass er im WM-Finale statt der Hundewelpen Flüchtlinge sieht und prompt den entscheidenden Elfmeter für Portugal verschießt. Der darauf folgende Weinkrampf macht ihn zur weltweiten Lachnummer.

Nicht genug damit versuchen zwei lesbische Beamtinnen oder Agentinnen auch noch seine Steuerhinterziehung aufzudecken. Um mehr Informationen zu bekommen, nutzt eine der beiden Beamtinnen Diamantinos Wunsch einen Flüchtling zu adoptieren, um sich als solchen auszugeben und im schlossartigen Anwesen zu ermitteln.

Gleichzeitig versuchen Diamantinos geldgierigen Zwillingsschwestern mehr Geld aus ihm zu machen, indem sie ihn einer Doktorin zum Klonen und einer nationalistischen Partei für Werbefilme für einen EU-Austritt verkaufen.

Mit klassischer Filmkunst hat diese durchgeknallte Parodie auf Ronaldo und Satire auf ziemlich alle aktuellen Themen wenig zu tun, orientiert sich vielmehr am trashigen B-Kino der 1970er Jahre. Wenn man sich darauf aber einstellt, kann man an diesem knallbunten und schrillen Film, der lustvoll hineinpackt, was vor die Kamera kommt, dank seines Einfallsreichtums und seiner Unbekümmertheit aber durchaus Spaß haben.

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  • Beo-ning - Burning (Lee Chang-dong) (c) Viennale
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  • Ahlat Agaci - The Wild Pear Tree (Nuri Bilge Ceylan) (c) Viennale
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  • Se rokh - Drei Gesichter (Jafar Panahi) (c) Viennale
  • Diamantino (Gabriel Abrantes, Daniel Schmidt) (c) Viennale
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