The Guilty

30.10.2018 Walter Gasperi

In der Notrufzentrale der Polizei geht der Anruf einer Frau ein, die offensichtlich von ihrem Ex-Mann entführt wurde. Der Polizist, der den Anruf entgegen nimmt, versucht in Telefonaten ihren Aufenthaltsort herauszufinden, kämpft aber auch mit einer persönlichen Schuld. Gustav Möllers Debüt entwickelt durch die Konzentration auf den Beamten und die Notrufzentrale enorme Dichte und macht den Zuschauer zum Mitspieler, der sich das Geschehen außerhalb selbst vorstellen muss.


Zu Schwarzfilm hört man das Klingeln eines Telefons, ehe man einen Kopfhörer sieht, von dem die Kamera zurückzoomt: Asger Holm (Jacob Cedergren) hat gerade wieder einen Anruf erhalten, in dem ein Mann um Hilfe bittet, aber keine Adresse nennt und nach eigener Aussage zu viel Speed zu sich genommen hat.

Bald folgt der Anruf einer Journalistin, die offensichtlich an einem Bericht über Asger schreibt. Dass dieser Polizist ein Geheimnis mit sich herum trägt, wird auch klar, wenn sein Boss per Telefon ihm mitteilt, dass sein Innendienst bald zu Ende sein wird und er wieder auf der Straße eingesetzt wird.

Sukzessive werden so Hinweise auf eine Schuld Asgers eingestreut, die mit einem Telefonat mit seinem Partner Rashid mehr Gestalt erhält. Wirklich Einblick bekommen wird man in diesen Vorfall aber erst ganz am Ende, wenn Asger selbst offen darüber spricht. Selbst leidend unter seiner bislang verdrängten und vertuschten Schuld wird er durch die Erfahrungen dieser Nacht schließlich zum Geständnis getrieben werden, um so den Druck, der offensichtlich auf ihm lastet, etwas abzubauen.

Gleichzeitig verlangen die Anrufe aber immer seine höchste Aufmerksamkeit. Mal geht er locker damit um, wenn ein Mann erklärt, dass er von einer Frau im Rotlichtviertel in seinem Auto beraubt wurde. Höchste Aufmerksamkeit und Achtsamkeit entwickelt er aber beim Anruf einer Frau, die nichts über ihre Situation zu wagen sagt, ihm nur verdeckt Informationen gibt und Asger bittet ihre sechsjährige Tochter anzurufen. Ganz offensichtlich ist diese Iben von ihrem Ex-Mann, der schon wegen Körperverletzung vorbestraft ist, entführt worden.

Asger schaltet nicht nur seine Kollegen ein, um nach dem Fahrzeug des Entführers zu fahnden, sondern lässt auch eine Streife zu Ibens Tochter und dem Sohn im Babyalter schicken. Seinen Partner wiederum schickt er zur Wohnung des Ex-Manns. Dort soll er, wenn es nicht anders geht, sogar einbrechen, um Informationen über den Aufenthaltsort des Mannes zu beschaffen.

Nicht zimperlich war dieser Polizist offensichtlich bei seinen Einsätzen, beweist hier aber Fingerspitzengefühl in den Telefonaten mit Iben, ihrem Ex-Mann und ihrer Tochter, muss aber plötzlich erkennen, dass er die Situation vielleicht doch völlig falsch eingeschätzt hat.

Ist Asgers Gesicht zunächst in helles Licht getaucht, verschattet es Regisseur Gustav Möller mit Fortdauer des Films zunehmend. Die Ambivalenz und die Unsicherheit kommen mit dieser Lichtführung zum Ausdruck, die Schwierigkeit rein über Gehörtes zu entscheiden.

Nie verlässt «The Guilty», in dem auch erst ganz am Ende Filmmusik einsetzt, die Notrufzentrale. In jeder Szene ist der von Jakob Cedergren intensiv gespielte Asger präsent. Groß- und Nahaufnahmen dominieren, kaum einmal weitet sich der Blick mit einer distanzierteren Einstellung. Auch die dunklen Farben Grau, Blau und Grün erzeugen eine klaustrophobische Stimmung, rot leuchtet hier nur die Signallampe bei eingehenden Anrufen.

In Echtzeit begleitet der Zuschauer den Protagonisten bei seiner Arbeit und ist in dem asketisch kargen, aber durch seine Konsequenz packenden Kammerspiel, das über die Anrufe die Welt in die Notrufzentrale holt, immer nur auf dem Wissensstand des Protagonisten.

Wie Asger muss der Zuschauer sich aus dem Gehörten eine Geschichte zusammenreimen. Die Aussagen und Erzählungen der Anrufer oder Angerufenen lassen Bilder im Kopf entstehen. So aktiviert dieser durch die räumliche und zeitliche Engführung so packende Thriller auch meisterhaft die Fantasie des Zuschauers, macht ihn zum Mitspieler.

Eindrücklich wird dabei auch erfahrbar, wie leicht man als Ohrenzeuge auch voreilige und falsche Schlüsse zieht, wenn man sich ganz auf die Schilderung eines Gesprächspartners verlassen muss – und welche verheerende Folgen eine solche Fehleinschätzung haben kann.

Läuft ab 31.10. Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung) und derzeit im Takino Schaan und im Kinok St. Gallen (dän. O.m.U.)

Trailer zu «The Guilty»

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