Dogman

23.10.2018 Walter Gasperi

Treu wie ein Hund ist der Hundefriseur Marcello gegenüber dem brutalen Schläger Simone, obwohl dieser ihn nur ausbeutet. Aber selbst der gutmütigste Mensch nimmt nicht alles hin. Matteo Garrone erzählt, unterstützt von einem großartigen Marcello Fonte in der Hauptrolle, in seinem formal konsequenten und dichten Drama packend von Verrohrung, Gewalt und Abhängigkeiten.


Direkt ins fletschende und bellende Gesicht eines kalbsgroßen Mastiff blickt der Zuschauer in der ersten Einstellung. Obwohl der Kampfhund angekettet in einer Wanne steht, flößt er auch dem schmächtigen Marcello (Marcello Fonte) Respekt ein. Aus der Distanz versucht er ihn mit einem Wischmopp zu waschen, doch der Hund stellt seine Gefährlichkeit unter Beweis, wenn er sogleich in den Putzlappen beißt. Dennoch gelingt es dem Hundefriseur mit gutem Zureden das mächtige Tier beim Föhnen schließlich zu beruhigen und kann ihm auch näher kommen.

Dieser Auftakt charakterisiert nicht nur Marcello als sanftmütigen und stets an das Gute glaubenden Mann, sondern der Hund steht zweifellos auch für die Menschen und ihre Aggressionsbereitschaft.

Bald öffnet Matteo Garrone («Gomorrha», 2008) mit einem Schnitt den Blick auf das soziale Umfeld und die Lebensverhältnisse. In einer Totale stellt er die namenlose triste süditalienische Küstensiedlung mit teilweise halbverfallenen Häusern, einem verlassenen Spielplatz und wenigen Geschäften am Straßenrand vor. Wenn es hier überhaupt mal Badegäste gab, haben diese sich längst verzogen. Stets grau ist der Himmel, rau das Meer und in schmutzige, verwaschene Grau- und Blautöne getaucht jedes Bild.

Sozialrealistische Schilderung ist das aber kaum, vielmehr betont Garrone mit Kameraführung, Lichtsetzung und Farbgebung die Künstlichkeit, präsentiert den Ort als Bühne, auf der sich die Handlung abspielt.

Eine kleine Gemeinschaft hat sich hier mit Marcello, dem benachbarten Goldhändler, dem Besitzer eines Restaurants sowie dem Eigentümer eines Spielsalons gebildet. Gemeinsam spielt man am Abend auf dem nebelverhangenen Hartplatz Fußball. Mehr noch als seine Hunde, denen er auch die Nägel feilt oder mit denen er seine Pasta teilt, liebt er seine Tochter Alida, die aber bei ihrer Mutter lebt. Immer wieder mal geht er mit ihr an der Küste tauchen und würde ihr auch gerne einen Urlaub auf den Malediven oder auf Hawaii bieten.

Für Unruhe sorgt in dem heruntergekommenen Küstenstädtchen aber die Rückkehr Simones, der soeben aus dem Gefängnis entlassen wurde, in dem er wegen seiner wiederholten Gewaltausbrüche saß. Dieser Ex-Boxer, dessen Aggressivität und Brutalität der bullige Simone intensiv vermittelt, randaliert nicht nur im Spielsalon und schlägt dem Besitzer ins Gesicht, sondern setzt auch Marcello, der ihm als Zusatzverdienst Kokain mehr schenkt als verkauft, unter Druck.

So wird Marcello gezwungen bei einem Einbruch als Fahrer mitzumachen, erhält aber so gut wie nichts von der Beute, sondern muss sogar noch ein Hündchen retten, das die Einbrecher in der Tiefkühltruhe entsorgt haben.

Bittere Komik und groteske Momente fehlen nicht, auch Marcello selbst ist gleichermaßen eine lächerliche wie bedauernswerte Figur. In jeder Szene überzeugend verkörpert der in Cannes als bester Darsteller ausgezeichnete Marcello Fonte diesen Hundefriseur und Matteo Garrone lässt ihm auch viel Raum, rückt immer wieder in Großaufnahmen sein zunehmend lädiertes Gesicht mit den großen schiefen Zähnen und der großen Nase ins Bild.

Immer wieder nützt Simone den Hundefriseur aus, dennoch hält dieser unverbrüchlich zu ihm, rettet ihn, als Drogendealer auf ihn losgehen, verarztet ihn, als er angeschossen wird. Warum hilft Marcello diesem brutalen Schläger, dessen Beseitigung die anderen Bewohner der Gegend ins Auge fassen? – Garrone bietet keine Erklärungen, wieso Marcello trotz permanenter Demütigungen und Gewalt zu Simone hält.

Um Geld für einen großen Urlaub mit der Tochter zu erhalten, lässt er sogar zu, dass Simone von seinem Hundesalon aus den benachbarten Goldhändler ausraubt und nimmt die Schuld dafür auf sich. Er erhält dafür aber nicht nur nicht den erhofften Teil der Beute, sondern wird nun auch von seinen Freunden, für die er ein Verräter ist, ausgegrenzt.

Mit großer Konsequenz und stilistisch bestechend geschlossen entwickelt Garrone diese Parabel, zu der ihn ein realer Fall, der sich in den 1980er Jahren in Italien ereignete, inspirierte. Eindringlich erzählt er in diesem Feelbad-Movie von menschlicher Gemeinheit und Abhängigkeit und wie gerade sozial prekäre Verhältnisse dem Menschen die Menschlichkeit austreiben, ihn verrohen lassen.

Auf verlorenem Posten steht in diesem gewalttätigen Umfeld ein gutmütiger und naiver Mensch wie Marcello. Zwangsläufig untergehen muss er, wenn er nicht mit den gleichen Mitteln zurückschlägt und selbst gewalttätig wird. Wie Christus das Kreuz trägt er quasi als Erlöser schließlich Simone auf seinen Schultern, doch die Freunde, die er verloren hat, wird er damit nicht zurückgewinnen können.

Allein sitzt er in der großartigen Schlusseinstellung unter grauem Himmel auf dem Spielplatz, denn wo Verrohung, Gewalt und das Recht des Stärkeren regieren, kann es keine Gemeinschaft geben.

Läuft derzeit im Kinok in St. Gallen und im Takino Schaan (ital. O.m.U.)
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Mo 29.10., 18 Uhr; Di 30.10., 20.30 Uhr, Mi 31.10., 18 Uhr (ital. O.m.U.)
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Trailer zu «Dogman»

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