Leave no Trace

16.10.2018 Walter Gasperi

Ein Mann lebt mit seiner Tochter autark in den Wäldern eines Nationalparks von Oregon. Doch als sie entdeckt werden, will man sie in die Gesellschaft integrieren. Debra Graniks Nachfolgefilm zu «Winter´s Bone» ist ebenso leises wie meisterhaftes US-Independent-Kino, das nicht groß auftrumpft, sondern durch genaue Beobachtung und starke Schauspieler große emotionale Kraft entwickelt.


Schon in Western wie Sidney Pollacks «Jeremiah Johnson» (1972) gibt es das Motiv der Flucht aus der Gesellschaft und der Sehnsucht nach einem unabhängigen und unverfälschten Leben in der Wildnis. Mit der Ausbreitung der Zivilisation wurde die Erfüllung dieses Wunsches immer schwieriger, doch auch in Filmen, die in der Gegenwart spielen, kommt er immer wieder vor.

Sean Penn erzählte nach Jon Kracausers Reportage «Into the Wild» (2007) von einem jungen Mann, der sein Glück in der unberührten Natur Alaskas suchte, Matt Ross in «Captain Fantastic» (2016) von einem Vater, der seine sechs Kinder abseits der Welt in den Wäldern an der Nordwestküste der USA großziehen will.

An Ross´ Film erinnert Debra Graniks Verfilmung von Peter Rocks 2009 erschienenem Roman «My Abandonment» zwar vom Inhalt her, hinterlässt aber in seiner feinfühligen und unaufgeregten Inszenierung letztlich einen ungleich nachhaltigeren Eindruck als der ebenso unterhaltsame wie sympathische Feelgood-Familienfilm von Ross.

Wie in «Winter´s Bone» (2010) entführt Granik den Zuschauer in eine abgelegene Region, aber hier geht es nicht mehr um harschen Sozialrealismus und das Leben am Rande des Existenzminimums. Gemeinsam ist den Filmen freilich der genaue Blick auf die Menschen und die Lebensbedingungen, während sie mit dem Protagonisten an ihren Dokumentarfilm «Stray Dog» (2014), in dem die 55-jährige Regisseurin einen Vietnam-Veteranen porträtierte.

Auch bei Will (Ben Foster) handelt es sich um einen Kriegsveteranen. Könnte man zuerst glauben, dass er mit seiner 13-jährigen Tochter Tom (Thomasin McKenzie) ein Camping-Wochenende im riesigen Waldgebiet des Forest Park in Portland, Oregon, verbringt, wird bald klar, dass Vater und Tochter hier leben.

Detailreich schildert Granik ihren Alltag in dem in unglaublich intensives Grün getauchten Wald. Sie ernähren sich großteils von dem, was die Natur ihnen bietet, schlafen im Zelt, kochen mit Holzfeuer, verfügen im Notfall aber auch über einen Gasherd. Undramatisch, aber präzis und atmosphärisch dicht ist diese Schilderung, nur sehr reduziert wird Musik eingesetzt, vorwiegend Naturgeräusche bilden die Tonspur.

Nur selten gehen sie in die Stadt, wo Will in einer Betreuungsstelle für Veteranen Medikamente erhält, die er gegen Lebensmittel eintauscht. Unaufdringlich aber markant kontrastieren diese Besuche in der in Grau und Blau getauchten Stadt mit ihren kalten Beton- und Stahlbauten und dem dichten Verkehr das naturverbundene Leben in den Wäldern.

Weder muss Foster viel sagen noch Granik in Rückblenden oder Alpträumen des Protagonisten traumatische Kriegsereignisse in Erinnerung rufen. Man spürt in seinem zurückhaltenden Spiel, seiner Erschütterung bei lauten Geräuschen nicht nur, wie schwer dieser Mann von seinen Erlebnissen gezeichnet ist. Aber auch seine innige Liebe zu seiner Tochter, die er auch in Schulfächern unterrichtet, ist jederzeit spürbar.

Vorbei ist es mit diesem autarken Leben, als ein Jogger das Mädchen sieht und bald Polizisten den Wald durchforsten, Vater und Tochter aufgreifen und in die Stadt bringen. Wenn bald mit standardisierten Tests geprüft werden soll, was das Problem des Vaters ist, wird deutlich, wie wenig man mit diesen Methoden zum Innern eines Menschen vordringen kann, der Test nur Alibifunktion haben kann und Wissenschaftlichkeit vortäuschen soll, wo es keine einfachen Antworten gibt.

Granik verurteilt die Gesellschaft aber keineswegs, zeigt vielmehr, wie man sich ehrlich bemüht Will und Tom in ein bürgerliches Leben zu integrieren. Am Rand der Stadt bei einer Farm stellt man ihnen eine Hütte zur Verfügung, gibt Will Arbeit in der Land- und Forstwirtschaft. Da reicht dann schon eine kleine Szene von der maschinellen Verarbeitung von Christbäumen um Zweifel am Weg der US-Gesellschaft auszulösen.

So hält es Will bald nicht mehr in diesem Umfeld aus, während Tom durchaus Gefallen an den neuen Erfahrungen und Bekanntschaften findet. Wie in Christian Petzolds «Die innere Sicherheit» die Tochter eines Ex-Terroristen-Paares das ständige Leben im Untergrund und auf der Flucht satt hat, so emanzipiert sich auch hier die Tochter vom Vater.

Noch einmal haut sie zwar mit ihm von der Farm ab, flieht mit ihm in die Wälder von Washington, doch als sie dort in einer Hippie-Kommune aufgenommen werden, will sie bleiben, während es den Vater auch hier nicht hält.

Auch dieses Ende erinnert an «Captain Fantastic», wenn ein Kompromiss zwischen dem völlig unabhängigen Leben in den Wäldern und der Stadtgesellschaft gefunden wird. Statt im Zelt lebt man hier eben im Trailer und statt die Pilze selbst zu pflücken werden diese gekauft, aber immer noch lebt man abgeschieden in der freien Natur, ist mit ihr auch beispielsweise durch die Bienenzucht verbunden.

Beeindruckend leise, aber intensiv erzählt Granik diese einfache Geschichte. Sie muss keine dramatischen Akzente setzen, sondern entwickelt alleine mit der unaufgeregten, aber ungemein präzisen Erzählweise und den auch in den Nebenrollen perfekt besetzten Charakteren durchgehend Spannung und große emotionale Kraft. Da glaubt man eben nicht Schauspielern zuzusehen, sondern real wirken diese Figuren mit ihren knorrigen Gesichtern und für die intensiv spielende Thomasin McKenzie könnte «Leave no Trace» sowieso ein Karrierestart bedeuten wie «Winter´s Bone» für Jennifer Lawrence.

Nichts wirkt hier gekünstelt oder aufgesetzt, gleichwohl weist die kleine Geschichte weit über sich hinaus, zeichnet ein Bild Amerikas und stellt leise und unaufdringlich, aber intensiv Fragen an die gesellschaftliche Lage der Großmacht. Denn wenn hier in der Waldkommune Säcke mit Nahrung aufgehängt werden, die wenig später leer sind, wird klar, dass es mehr Waldbewohner wie Will geben muss, mehr Kriegsveteranen oder sonstige Menschen, die aus welchen Gründen auch immer mit der Gesellschaft gebrochen haben.

Keine Polemik gibt es aber hier gegen die US-Gesellschaft, aber allein aus der empathischen Schilderung dieses anderen Lebens regt «Leave no Trace» zum Überdenken von Lebenswegen und gesellschaftlichen Entwicklungen an. Gerade weil dies so ruhig, aber stimmig und geschlossen erfolgt, hallt dieser Film lange nach.


Läuft derzeit im Kinok in St. Gallen und im Takino in Schaan


Trailer zu «Leave no Trace»

Kinok - Cinema in der Lokremise
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T: 0041 (0)71 245 80 89
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Takino
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