Die Ohnmacht der Literatur

08.10.2018 Kurt Bracharz

Die deutsche Wochenzeitschrift «Die Zeit» lese ich wegen der Unhandlichkeit ihres Formats und der Vorhersehbarkeit ihres Feuilletons nur selten, aber im Herbst sehe ich mir die Literaturbeilagen aller Zeitschriften durch, und auf dem Titelblatt von jener der «Zeit» blieb mein Blick auf einem Foto von Michael Köhlmeier hängen, der da zusammen mit drei Damen vor einer Bücherwand stand.


Das allein wäre nun auch noch kein Grund für die Lektüre dieser Literaturbeilage gewesen, aber das Heft war mit «Die Macht der Bücher» betitelt, was mich aus zwei Gründen neugierig machte: Erstens hat das Buch weder in der Einzahl noch in der Mehrzahl irgendeine andere Macht als bestenfalls die, eine Leserin oder einen Leser für die Dauer der Lektüre zu fesseln, und zweitens erinnere ich mich genau, dass Michael Köhlmeier vor etwa 40 Jahren in einem Gespräch zu mir sagte, die Literatur werde bald einmal nur noch das Steckenpferd einiger weniger Außenseiter sein, ein Hobby wie Kleintierzüchtung oder Rahmdeckelsammeln. Das habe ich mir gemerkt, weil es mir damals übertrieben vorkam. Es war noch nicht so lange her gewesen, dass Bücher von Solschenizyn («Der Archipel Gulag»), Heinrich Böll («Die verlorene Ehre der Katharina Blum») oder Rolf Hochhuth («Der Stellvertreter») durchaus etwas über die Kreise von Bücherkäufern hinaus etwas bewirkt hatten. Dass man gerade diese Autoren literarisch nicht hoch schätzte, war die Kehrseite der Medaille, aber bei den genannten Beispielen nicht ganz unzutreffend. Vor allem Hochhuth, dessen Angriff auf Papst Pius XII. nun wirklich eine Lawine ausgelöst hatte, war für Leser mit Sprachgefühl kaum erträglich zu lesen, von seiner Vorliebe für Kitsch (der Schrei nach Gott in der Auschwitzszene!) ganz zu schweigen.

Köhlmeier hat Recht behalten, wie sich heute zeigt, man kann höchstens darüber diskutieren, ob es nicht mehr Kleintierzüchter als Liebhaber der Literatur gibt (wobei ich mit «Literatur» nicht alles das meine, was gerne gelesen wird). Wenn sich einmal etwas wirklich Anspruchsvolles auf die Bestsellerliste verirrt, wird es deswegen zwar gekauft, aber noch lange nicht gelesen.

Und was stand nun über die Macht der Bücher in der Literaturbeilage? Das Gespräch mit den drei Damen Nino Haratischwili, Axolotl Hegemann und Ursula Krechel sowie Michael Köhlmeier war etwas dümmlich mit «Ein Blick hinter die schmutzigen Kulissen des Schreibens» betitelt und erwies sich als das übliche Geplauder über die Schwierigkeit von Anfängen, über das Eigenleben von Figuren und das Finden von Themen. Wie üblich, sagte Köhlmeier einen bedenkenswerten Satz («Heute gibt es den Typ des öffentlichen Intellektuellen nicht mehr. Dafür gibt es einen Hass auf Intellektuelle»), aber das war’s auch schon, kein Wunder, wenn die Fragen von Iris Radisch gestellt werden. Über die Macht der Bücher wurde eigentlich nichts gesagt und ich blätterte im Heft, um vielleicht einen anderen Artikel mit diesem Thema zu finden, aber es enthielt nur das übliche als Rezension getarnte Marketing.

Einmal mehr hatte jemand einen Titel für das Heft finden müssen und gesagt: Warum nennen wir es nicht einfach «Die Macht der Bücher», klingt doch gut, oder?


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