Glücklich wie Lazzaro – Lazzaro felice

09.10.2018 Walter Gasperi

Nicht nur der grenzenlos gutmütige Landarbeiter Lazzaro, der an das Gute im Menschen glaubt und von Allen ausgebeutet wird, scheint nicht von dieser Welt und aus der Zeit gefallen, sondern auch Alice Rohrwachers dritter Spielfilm. Wie die Italienerin hier Realismus, Märchen und Magie mischt, sorgt für ein einzigartiges Kinoerlebnis, gleichermaßen verträumt wie nah an der harten Realität.


Wie ihre bisherigen Filme «Corpo celeste» und «La meraviglie – Land der Wunder» hat die 1982 geborene Alice Rohrwacher auch «Lazzaro felice» auf Super-16mm-Film und nicht digital gedreht. Einen ganz eigenen Zauber und eine Natürlichkeit abseits der perfekten Hochglanzbilder entwickelt der Film (Kamera: Hélène Louvart) schon in seinen ersten Momenten mit seiner Grobkörnigkeit, dem ganz eigenen Licht und den warmen Farben.

Abgeschieden von der Welt und nach dem Einsturz einer Brücke auch abgeschnitten von dieser bewirtschaften Landarbeiter den Hof «Inviolata» – den Unverletzten, Unangetasteten. Wie sie von der Marchesa (Nicoletta Braschi), die in einem halb verfallenen Schloss lebt, ausgebeutet und in sklavenähnlichem Zustand gehalten werden, so beuten sie wiederum den etwa 20jährigen Lazzaro (Adriano Tardiolo) aus. Schon am Beginn wird aus der schwarzen Leinwand heraus sein Name gerufen und immer wieder wird man in der Folge hören «Lazzaro, mach dies, Lazzaro, mach das!» – Und mit sanfter Miene führt Lazzaro alle Aufträge aus, gibt nie ein böses Wort von sich.

Viel Zeit lässt sich Rohrwacher für die Schilderung des Alltags und der Arbeiten auf dem Hof. Einerseits ist der Film dabei realistisch, andererseits werden die Szenen aber auch immer wieder poetisch, wenn die Ernteszenen in goldiges Licht getaucht werden oder Lazzaro im Tabakfeld ein sich küssendes junges Paar entdeckt.

Keinen Lohn erhalten diese Arbeiter, müssen froh sein, dass sie auf dem Hof bleiben dürfen. Gnadenlos treibt der Verwalter Abgaben ein und rechnet den Arbeitern vor, dass ihre Verschuldung noch größer geworden ist, da ein Wolf mehrere Hühner gerissen hat. An Flucht in die Stadt denkt nur das junge Paar Mariagrazia und Giuseppe, doch dieser Gedanke schürt Angst bei den anderen, denn die Marchesa wird die Wut an ihnen auslassen.

So fern und märchenhaft diese Welt wirkt, so ließ sich Alice Rohrwacher doch von der realen Geschichte einer Gräfin inspirieren, die ihre Arbeiter auch nach der endgültigen Abschaffung der Naturalpacht in Italien im Jahr 1982 (!) weiter in der Leibeigenschaft hielt, um keine Löhne auszahlen zu müssen.

Bewegung kommt in diese Welt, als mit Tancredi der Sohn der Marchesa auftaucht. Die davor zeitlich kaum verortbare Handlung lässt sich über seinen Walkman und sein Handy auf die 1990er datieren. Dieser Müßiggänger ist freilich nur zu seiner Mutter zurückgekehrt, um sie um Geld zu bitten, mit dem er in der Stadt ein sorgenfreies Leben führen könnte. Weil die die Mutter ihren Sohn aber nicht ziehen lassen will, fingiert er seine eigene Entführung und bedient sich dabei Lazzaros als Helfer.

Die Entführung lässt schließlich aber auch den «großen Betrug» - wie die Verhältnisse auf dem Hof in der Zeitung später genannt werden - der Marchesa auffliegen und mit einem Schnitt setzt die Handlung mehrere Jahre später in einer Stadt neu ein. Alle sind gealtert und werden nun von anderen Schauspielern gespielt, nur Lazzaro ist immer noch der gleiche gutmütige junge Mann.

Aus der Leibeigenschaft wurden die Landarbeiter zwar befreit, doch zum besseren hat sich für sie damit scheinbar nichts gewandelt. In einem Armenviertel leben sie neben der Bahn, bestreiten den Lebensunterhalt mit Kleinkriminalität und Betteln oder verkaufen ihre Arbeitskraft für die Ernte auf einer Auktion. Dass dabei wieder der Verwalter des Hofes oben steht und die Löhne drückt, verdeutlicht prägnant die Fortsetzung der Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse.

Immer noch stehen die einstigen Leibeigenen gesellschaftlich ganz unten, aber auch die Macht und der Einfluss der Marchesa sind zerbröckelt und auch Tancredi erhält keinen Kredit. Banken haben die Herrschaft übernommen, auch aus der Kirche werden die Randständigen vertrieben.

Wieder setzt sich Lazzaro für alle ein, doch auf seine Güte und grenzenlose Hingabe, die in völliger Opposition zum Profitdenken und der Selbstsucht der kapitalistischen Gesellschaft steht, reagiert man in dieser winterlich kalten Stadt, die im Kontrast zum sommerlich warmen Landleben am Beginn steht, nur mit Aggression.

Wie das Ende an Pier Paolo Pasolinis «Accatone» und der märchenhafte Ton an Vittorio De Sicas «Das Wunder von Mailand» erinnern, so kann man dazwischen immer wieder an Roberto Rossellinis «Franziskus, der Gaukler Gottes» denken. Souverän und mit spielerisch leichter Hand mischt Rohrwacher Märchenhaftes mit hartem Realismus, zitiert mit Lazarus die Bibel ebenso wie mit der Geschichte von Franziskus und dem Wolf eine mittelalterliche Heiligenlegende.

Immer wieder fließt auch über die Tonspur, bei der die Arbeiter mit simulierten Windgeräuschen scheinbar die Handlung beeinflussen, oder den Geschichten über den Wolf, der am Ende plötzlich durch die Stadt streift und aus ihr fliehen wird, Magisches ein.

Ziemlich singulär steht «Lazzaro felice» durch diese Verknüpfung von Realismus und Märchenhaft-Magischen im aktuellen Kino da, entwickelt aber gerade dadurch nicht nur seinen Reiz, sondern auch Zeitlosigkeit. Treffend wird nämlich einerseits scharfe Kritik an den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen geübt und andererseits in Lazzaro eine Figur präsentiert, die in seiner Menschlichkeit zeitlos und universell für einen fürsorglichen Umgang miteinander steht.

Läuft derzeit im Kinok in St. Gallen
Spielboden Dornbirn: Sa 1.12. + Fr 7.12. - jeweils 19.30 Uhr
LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 5.12., 19 Uhr

Trailer zu «Glücklich wie Lazzaro - Lazzaro felice»

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