Pfoten weg von Dolores Haze!

01.10.2018 Kurt Bracharz

«Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta.»


Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die deutsche Ausgabe von Vladimir Nabokovs berühmten Roman «Lolita» auch bei uns ein Bestseller war, weil ihn die Käufer für Pornografie hielten, und wie enttäuscht sie dann von der Lektüre waren. Man kann Pornografie immer noch so definieren, dass sie ausschließlich oder hauptsächlich zum Zweck der sexuellen Erregung der Leserschaft geschrieben (oder in einem anderen Medium erzeugt) wird. Da das Internet jede Menge Porno aller Art gratis liefert, werden keine Einhandbücher mehr geschrieben. Wer welche hat, braucht sie nicht aufzuheben, es wird bald keine Antiquariate mehr geben, schon keine «Giftschränke» und vermutlich auch keine Leser.

Die Leute versprachen sich damals Lustgewinn von der Lektüre, weil sie aus dem Zensurskandal um das Buch wussten, dass es um einen Pädophilen und seine Reise durch die USA mit einem 12-jährigen weiblichen Opfer ging. Man kann sich das damalige moralische Klima in Vorarlberg heute nicht mehr vorstellen. Die deutschsprachige Ausgabe von «Lolita» erschien 1959. Fünf Jahre später gab es organisierte Busfahrten zu dem Lindauer Kino, in welchem Ingmar Bergmans Film «Das Schweigen» lief, in dem es eine kaum halbminütige «Sexszene» gibt, in der ein Paar im dunklen Hintergrund eines Varietés, für den Zuschauer gerade noch erkennbar, Sex hat. Ein weiterer heterosexueller Verkehr und eine weibliche Masturbation sind angedeutet, aber die erotikfreie, fast gotische Atmosphäre von Bergman-Filmen ist definitiv abtörnend für Menschen, die sich eigentlich aufgeilen wollen. Aber wie gesagt, der Film lief wochenlang ausverkauft in einem Lindauer Kino, und den Hauptanteil daran hatten die Vorarlberger, weil der Film hier verboten war.

Die beiden Verfilmungen von «Lolita» mit ihren jungen – aber natürlich nicht 12-jährigen – Lolita-Darstellerinnen sind etwas anderes als das Buch, das wie das gesamte Werk Nabokovs niemals in Alltagssprache verfällt, sondern immer in jener besonderen Sprache verfasst ist, die über einen ausgefeilten Stil oder gar nur eine Manier weit hinausgeht und das Wesen der Literatur ausmacht.

Die gerichtliche Anerkennung des literarischen Charakters von Nabokovs Buch durch ein US-Gericht war eines der wichtigsten Ereignisse der gesamten Geschichte der Zensur im Westen. (In seiner russischen Heimat war der Exilant Nabokov Jahrzehnte lang verboten.)

Nun kommt aus Trumps #MeToo-Amerika ein Buch, das «Lolita» wieder skandalisieren will, Sarah Weinmans «The Real Lolita: The Kidnapping of Sally Horner and the Novel that Scandalized the World». Es ist eine True Crime-Story über den Fall von Sally Horner, die 1948 in Camden, New Jersey, von einem Serienkinderschänder entführt wurde. Die beiden reisten zwei Jahre lang als Vater und Tocher in den USA herum, Sally besuchte sogar zeitweilig eine Schule. Nabokov kannte den Fall, der ganz Amerika erregte, und verwendete Strukturen in seinem Roman, in dem er ihn übrigens erwähnt. Es ist also kein Geheimnis, das Weinman hier enthüllt hat. Sie ist Nabokovs Roman nicht gutgesinnt, ruft nicht direkt nach Zensur, zeigt aber mit dem Finger auf etwas, das sie ebenso missverstanden hat wie so viele, die Texte, die nicht in einfacher Sprache gehalten sind, nicht sinnerfassend lesen können. «Lolita» ist weder Kriminalroman noch True Crime, und alles andere als Sex-und-Gewalt-Pornografie. Weinman, die glaubt, Nabokov habe sich ausgiebig beim Horner-Fall bedient, weiß nicht, dass Michael Maar 2005 recht überzeugend gezeigt hat, dass Heinz von Lichbergs Roman «Lolita» [sic!] aus dem Jahre 1916 Nabokov in seinen Berliner Jahren durchaus in den Hände geraten sein kann. In dem Buch verliebt ein Mann in einer ausländischen Pension in ein blutjunges Mädchen, das zuletzt stirbt.

Wenn man sich den aktuellen Kandidaten für den Obersten Gerichtshof Brett Kavanaugh anschaut, ist es durchaus denkbar, dass es mit der hochgelobten amerikanischen Meinungsfreiheit bergab gehen könnte und die Erzkonservativen wieder eine Zensur einführen; allerdings gehört Literatur heute nicht mehr zu den Leitmedien, sondern wird als so marginal eingeschätzt, dass sie nicht mehr attackiert würde.

Ach ja, für jene Bedauernswerten, die «Lolita» nie gelesen haben: Ihr eigentlicher Name ist Dolores Haze, Lolita ist der Kosename, den ihr der Ich-Erzähler, der sich Humbert Humbert nennt, gegeben hat.


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