Die prosperierende Opfergesellschaft

30.09.2018 Haimo L. Handl
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Das gesellschaftliche Differenzierungsvermögen oder, besser gesagt, die Fähigkeit zu differenzieren ist für eine Mehrheit in unseren Gesellschaften extrem reduziert und teilt die Welt manichäisch in gut und böse, hell und dunkel. Täter und Opfer. Die Realitäten sind anders, aber die simplifizierende Wahrnehmung erleichtert die Abwehr einerseits, die Reklamation und Forderung andererseits. Diese Reduktionssicht wird zudem nicht kritisch argumentiert, sondern als authentischer Ausdruck auf- und entgegengestellt. Es geht nicht mehr um Überzeugen oder Verstehen, es geht um Annahme oder Ablehnung, Gefolgschaft oder Feindschaft.


Dabei stimmen viele Äußerungen, auch wenn sie pauschal vorgebracht werden bzw. wenn die reklamierten Fälle verjährt sind. Die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche sind so ein Tatbestand und Skandal. Aber was geschieht gerade mit dieser riesigen Organisation? Der Staat interveniert nicht, setzt Rechte gegen die Täter nicht durch, behandelt die Organisation z. B. nicht als kriminelle Vereinigung. Er könnte die Herausgabe der Originaldokumente erzwingen, er könnte, anders als soeben in Deutschland, auch die Klöster, die Brutstätten sexueller Verbrechen über Jahrzehnte, die kirchlichen Sozialeinrichtungen untersuchen. Er könnte Druck machen. Vor allem über die Finanzierung und der Durchsetzung rechtsstaatlicher Mittel, wie es überall sonst «normal», regulär wäre. Die «Sonderbehandlung» (ein schreckliches Wort, hier aber angemessen) ist eigentlich eine Kollaboration mit dem Verbrechen. Die öffentlich bekundete Scham und Reue der Bischöfe ist ja rührend. Sie ersetzt aber nicht die Rechtsprechung und entsprechende Verfolgung. Sie beschwichtigt und hilft, den Gerichtsgang zu vermeiden. Die Kirche als Staat im Staate. Unerträglich. Dabei könnte der Staat diese Organisation ganz hart treffen: durch die Einstellung jeder Finanzierung. Er will nicht. Die Kirche ist politisch wichtiger als «Unregelmäßigkeiten» abzustellen und zu ahnden.

[Dass die Kirche nach dem 1. Weltkrieg in der Ersten Republik nicht enteignet wurde, ebensowenig wie die Aristokratie, die so vernichtend gewirkt hatte, stellt ein historisches Versäumnis dar. Es erfolgten zwar einige Verstaatlichungen, aber viel zu geringe und zu wenig radikale, als dass man von einer adäquaten historischen Antwort sprechen dürfte.]

Die Macht der Kirche war und ist stark. Sogar im Josephinismus konnte sie nur gemindert, nicht wirklich kontrolliert werden. Auch später wurden in Österreich Maßnahmen für eine saubere Trennung von Staat und Kirche geschwächt und nicht durchgezogen. Viele sehen immer noch in der Kirche eine normgebende, moralische Anstalt, der sie mit Ehrfurcht begegnen. Diese Ehrfurcht verhindert einen offenen Umgang mit dieser Organisation. Als Furcht paralysiert sie. Sie hilft den Herren, sprich dem System.

Die vielen Opfer mit ihren sozialen Hintergründen stehen nicht nur alleine da, sie werden durch diese Praxis gehöhnt. Klar, was verjährt ist, kann nicht behandelt werden wie etwas, das jetzt oder kürzlich geschah. Aber auch eine historisch-kritische Aufarbeitung wäre zu begrüßen, weil die immanenten Strukturen dieser mafiaähnlichen Organisation, die nicht nur den sexuellen Missbrauch begünstigte, sondern auch die aktive, erfolgreiche Vertuschung bis zur Perfektion übt(e), offengelegt würden.

Während ängstliche und wohl auch etwas beschränkte Menschen pauschal von der Lügenpresse schreien, wird die Lüge als Kulturbestandteil dieser Organisation geflissentlich negiert. Eigentümlich, nicht? Täter ist nicht gleich Täter, Opfer ist nicht gleich Opfer.

Zynisch wird das im Lichte der gegenwärtigen Bemühungen seitens der konservativen und faschistoiden Kräfte im Land, das Sexualstrafrecht zu verschärfen (neben anderen Maßnahmen, die vor allem gegen Asylanten gerichtet sind), aber hinsichtlich der Kirche, die eine horrible Geschichte von Missbräuchen aufweist, sich zurückhielt und zurückhält. Mit dem Fokus auf die Asylanten als verdächtige oder potentielle Missbrauchstäter, wie es vor allem die FPÖ unternimmt, lässt sich gut ablenken. Die Sündenbockstrategie scheint zu funktionieren.

Weiters fällt auf, dass die Gewalt in den Familien, der Missbrauch im Militär und, vor allem, in den Gefängnissen, nicht genügend problematisiert wird. Es gelten offensichtlich unterschiedliche Maßstäbe.

Ein anderer Problemfall: In der Psychologie wird eifrig geforscht, wie erlittene Traumata vererbt werden. Die Vererbung zeichnet dann neue Opfer als Opfer aus. So kann man dann Determinierungen feststellen und deuten. Die Befunde dienen aber auch einer Entlastung persönlicher Verantwortung: ich kann nicht anders, es ist genetisch fortgeschrieben, ich leide an Traumata, die mein Handeln bestimmen. Eine neue Form des Rassismus wird damit begünstigt.

Interessant dabei ist, dass, wenn dies der Fall wäre, man auch nachforschen müsste, was z. B. die Nazis, also jene Menschen, die als Nazis aktiv handelten, dazu gebracht hat sich zu verhalten, wie sie es taten. Welche vererbten Traumata hatten diese Opfer zu Tätern werden lassen? Wie verantwortlich konnten sie überhaupt sein? Oder gilt die Trauma-Erblehre nur für eine ausgewählte Opfergruppe? Wenn nicht, kommen wir in sehr schwierige Erklärnöte, was wie weit gilt, was nicht. Nicht nur das Konzept der Person und Persönlichkeit wackelt und steht auf dem Spiel, sondern auch das des «freien Willens», einer Grundbedingung für «Verantwortlichkeit». Aber ohne Verantwortung bzw. Verantwortlichkeit keine Schuld. Gibt es diese nicht, erübrigt sich jede Debatte hinsichtlich Verhalten und Handlungen. Wenn schon, dann ist die ideologische Stoßrichtung herausgekehrt und entwertet politisch-sozial das Konzept und die darauf beruhenden Maßnahmen.

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