Ballon

02.10.2018 Walter Gasperi

Mehr als 100.000 DDR-Bürger versuchten zwischen 1961 und 1989 in den Westen zu fliehen, zu den spektakulärsten und medial am meisten beachteten «unerlaubten Grenzübertritten» gehört sicher die Ballonflucht zweier Familien im September 1979. Michael «Bully» Herbig zeichnet die Ereignisse als Thriller nach, der trotz des bekannten Ausgangs große Spannung entwickelt.


Viele der Fluchtversuche scheiterten, über 600 Menschen kamen ums Leben, nur 40.000 gelang der Übertritt der innerdeutschen Grenze. Die spektakuläre Ballonflucht von Thüringen ins nahe Oberfranken am 16. September 1979 wurde schon ein Jahr später in Hollywood verfilmt und kam 1982 in die Kinos. Ziemlich klanglos ging Delbert Manns «Mit dem Wind nach Westen» dann aber unter.

Dass sich nun Michael «Bully» Herbig, der mit parodistischen Klamaukfilmen wie «Der Schuh des Manitu» (2001) und «(T)Raumschiff Surprise – Periode 1» (2004) Erfolge feierte, des Themas annahm, überrascht, aber der Thriller, den er vorlegt, kann sich durchaus sehen lassen.

Ganz auf die Flucht konzentriert sich Herbig, lässt seinen Film mit einer ersten – scheiternden - nächtlichen Ballonflucht einsetzen. Der Fund des nur rund 200 Meter vor der Grenze abgestürzten Ballons ruft die Stasi auf den Plan, die intensive Nachforschungen anstellt. Sukzessive rücken die Häscher näher, sodass die Strelzyks und die Wetzels, die sich beim zweiten Versuch an der Flucht beteiligen, zunehmend unter Zeitdruck geraten, gleichzeitig aber auch beim Kauf der Materialien und beim Bau des Ballons vorsichtig agieren müssen.

Knapp stellt Herbig am Beginn die Selbstinszenierung der DDR bei einer Jugendweihe der Unzufriedenheit der Strelzyks vor gegenüber, um anschließend dicht eine Atmosphäre des Misstrauens und der Paranoia zu beschwören. Dass man dem Stasi-Nachbarn nicht trauen kann, versteht sich von selbst, doch nicht einmal im Kindergarten ist klar, ob die Kindergärtnerin ihre Schützlinge aushören will oder die Fragen zum Beruf der Eltern einfach zum Spiel gehören, und sogar der Oberstleutnant, der die Ermittlungen leitet, scheint seine Untergebenen zu bespitzeln. Thomas Kretschmann, der selbst 1983 aus der DDR floh, legt ihn als undurchschaubaren Ermittler an, von dem auch bei scheinbaren Witzen oder harmlosen Fragen enorme Bedrohung ausgeht.

Dieser Blick auf den Unrechtsstaat steht aber zunehmend im Dienste eines Thrillers. Tiefere Analyse der DDR interessiert Herbig so wenig wie der Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat. Er will vor allem packend seine Geschichte erzählen. Dies zeigt sich schon in einer kleinen Szene, in der der etwa 17-jährige Frank Strelzyk nach der gescheiterten ersten Flucht versuchen muss, einen Brief aus dem Briefkasten der Nachbarstochter, in die er sich verliebt hat, zurückzuholen. – Ein Spannungsmoment im Stile Hitchcocks ist das, ist aber einzig dem oberflächlichen Thrill verpflichtet.

Geschickt arbeitet Herbig auch immer wieder mit Parallelmontagen, in denen er die Vorbereitungen der beiden Familien mit den fortschreitenden Ermittlungen kontrastiert. Wenn sich die Schlinge zunehmend enger um die Familien zuzieht, wird auch sukzessive das Erzähltempo.

In klassischer Thrillermanier manipuliert Herbig dabei freilich auch den Zuschauer, wenn er beispielsweise die Stasi an eine Tür klopfen lässt und im Gegenschnitt Papa Strelzyk öffnet, in der Folge aber klar wird, dass die Stasi vor einer ganz anderen Haustür steht und Strelzyk nur seinem Sohn geöffnet hat. Gleiches Spiel treibt er auch nach der Flucht, wenn ein Gegenschnitt von abgestürztem Ballon und im Wald suchenden DDR-Armee unmittelbare Nähe und damit Gefahr insinuiert, in Wahrheit aber der Grenzzaun zwischen beiden Handlungen liegt.

Herbig beherrscht die Techniken des Thrillers sichtlich, stringent und kompakt treibt er die Handlung voran, effektvoll, aber doch allzu exzessiv setzt er allerdings Musik ein. Obwohl der Ausgang der Ereignisse allgemein bekannt ist, gelingt es ihm so doch erstaunlicherweise durchgängig Spannung zu erzeugen, die sich gegen Ende sogar noch steigert.

Viel mehr als der schnelle Thrill bleibt aber letztlich nicht zurück, denn der beklemmende Einblick in die DDR, der am Beginn noch geboten wurde, verliert sich zunehmend zugunsten der äußeren Handlung und auch die Protagonisten bleiben auf ihre Funktion reduziert und gewinnen kaum mehr Profil. Die existentielle, zeitlose und universelle Komponente, die großes Genrekino auszeichnet, fehlt hier zweifellos, packende Unterhaltung wird aber allemal geboten.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn, Cineplexx Lauterach und Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Ballon»

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