Kyros Trump und Daniel Pence

24.09.2018 Kurt Bracharz

Jahwe sprach nachts zu König Salomo: «Wenn ich den Himmel verschließe und kein Regen fällt, und wenn ich Heuschrecken gebiete, das Land kahl zu fressen, oder wenn ich die Pest sende auf mein Volk – wenn dann mein Volk, über dem mein Name genannt ist, sich demütigt, und sie beten und suchen mein Angesicht und wenden sich ab von ihren bösen Wegen, werde ich es vom Himmel her hören und ihre Sünden vergeben und ihr Land heilen.»


Das sind die Verse 13 und (ab «wenn dann») 14 des 7. Kapitels der Zweiten Buches der Chronik. Den Vers 14 wählte Mike Pence, als er bei der Vereidigung als US-Vizepräsident auf die Bibel schwor.

Pence wurde als irischer Katholik erzogen und hatte während seiner Collegezeit bei einem Christlichen Musikfestival ein Erweckungserlebnis («what happened on the cross, in some small measure, actually happened for me», seine private Formulierung für den populären Slogan «Jesus died for your sins»). Wenn Leute auf die Bibel schwören, nimmt man eigentlich ganz automatisch an, sie bezögen sich – vorausgesetzt, sie denken sich überhaupt etwas dabei – auf das Neue Testament mit der Bergpredigt und nicht auf das Alte Testament mit seiner Neigung zur Ausrottung anderer Völker.

Pences Vorliebe für das Alte Testament kreist um das Wort «Exil». Im Unterschied zu den Juden des Alten Testament befinden sich die amerikanischen Evangelikalen freilich nicht in einem echten Exil, sondern in einem von ihnen imaginierten Exil im eigenen Land, mit Washington als Herrscher und Wurzel alles Bösen. (Ja, Hollywood ist ein Ableger davon, zumindest in der Sicht von Angehörigen der Klapperschlangenkulte.)

Da man – Gottseidank, sagt der Atheist – bei uns keine Bibelkenntnisse mehr voraussetzen kann, sei hier kurz nacherzählt, dass der sein Judentum verbergende Daniel am Hofe des babylonischen Königs Nebukadnezzar die Stellung eines Beraters erringen kann, weil er die Träume des Königs besser deutete als dessen Wahrsagepriester. Natürlich versuchte er, den Juden ihr Los zu erleichtern. Als andere jüdische Beamte von Neidern verleumdet werden, lässt Nebukadnezzar sie in einen Feuerofen werfen, aus dem sie unverletzt wieder herausmarschieren. Das überzeugt den König so von der Qualität ihres Gottes, dass er verkündet: «Wer nachlässig redet über den Gott von Schadrach, Meschach und Abed-Nego [so hießen die feuerfesten Drei], der wird in Stücke gehauen, und sein Haus wird zu einem Dreckshaufen gemacht, denn es gibt keinen anderen Gott, der so retten kann wie dieser.» Er selbst bekehrte sich natürlich trotzdem nicht zum Judentum und gestattete ihnen auch nicht die Heimkehr. Erst als der Perserkönig Kyros der Große 539 v. Chr. Babylon eroberte, konnten die Juden nach Jerusalem zurückkehren.

Es gibt viele Hinweise darauf, dass sich Pence als kluger Daniel, der die Evangelikalen aus dem Exil führen wird, am Hofe des heidnischen Königs Trump versteht. Prominente Evangelikale tun das ständig: Der Prediger Lance Wallnau, der Trump zustimmend «eine Abrissbirne gegen den Geist der politischen Korrektheit» genannt hat, verglich Pence während der Wahlen und seither immer wieder mit Kyros, eine Anschauung, die er auch in seinem Buch «God’s Chaos Candidate» ausführte: Gott habe in der Geschichte oft heidnische Führer verwendet, um seinen Willen auszuführen und seine Gemeinde zu schützen.

Pence ist zuerst als Kuriosum bekannt geworden, als er 2015 als Gouverneur von Indiana im Gesetz Indiana’s Religious Freedom Restoration Act Geschäftsleuten wie Caterern oder Floristen erlaubte, Homosexuelle nicht zu bedienen. Mittlerweile ist Beobachtern das Lachen vergangen, nachdem Pence Neil Gorsach in den Obersten Gerichtshof und Betsy DeVos, Tom Price und Mike Pompeo ins Kabinett geschleust hat.

Pence hat in seiner Washingtoner Residenz auch über dem Kamin einen Bibelvers hängen, Jeremiah 29,11: «Denn ich, ich kenne die Gedanken, die ich über euch denke, Spruch des HERRN, Gedanken des Friedens und nicht zum Unheil, um euch eine Zukunft zu geben und Hoffnung.»

Was das bedeutet, würde man sehen, wenn Trump auf einer Gangway danebengreift und sich das Genick bricht oder am Golfplatz wegen eines geplatzten Aneurysmas tot umfällt und damit Pence zum mächtigsten Mann der Welt macht. In «The New Republic» schrieb Sarah Jones, ein Amerika nach Pences Vorstellungen würde sein wie Gilead. Das ist der Staat in Margaret Atwoods Dystopie «The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd», in dem Frauen das Privateigentum ihrer Männer sind und «Genderverräter» öffentlich hingerichtet werden. Dafür lässt sich im Alten Testament Zustimmung finden.


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