Säuberungen in Amerika

23.09.2018 Haimo L. Handl
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In den Vereinigten Staaten von Amerika erfolgen Säuberungen unterschiedlicher Art: von rechts, von links, von Rechtsradikalen, Neonazis und religiösen Faschisten, von Gutmenschen, Gender Engagierten, Minderheitenvertreterinnen und #MeeToo – Opfern. Viele Beweggründe vieler Aktionen sind durchaus verständlich. Einige sind jedoch nicht nur extrem, sondern verhindern jede Argumentation, stehen jenseits jeder Kritik und wirken schon allein aufgrund von Anklagen oder Verdächtigungen, weil das Klima aufgeheizt ist, weil keine Werte mehr allgemein gesellschaftlich verbindlich gelten und viele primär auf Herkunft, Gender und Religion pochen bzw. auf ihren Opferstatus als Frauen, Minderheitenangehörige usw.


Das beschränkt sich nicht nur auf den sozialen Alltag, die Politik im Allgemeinen, sondern auch auf das Bildungswesen, insbesondere im universitären Bereich, und die Massenmedien inklusive sogenannter Elitejournale. Die Elite ist der eigentliche Angriffspunkt.

Es geht um Sicherheit einerseits. In vielen Universitäten sollen «safe zones» frei von jeder Kritik sein, um Beleidigungen oder Retraumatisierungen leidtragender Studentinnen zu verhindern oder religiöse Gefühle einer möglichen Verletzung auszusetzen. Sogenannte Trigger Warnings sollen indizieren, dass ein Buch oder ein Video eventuell verstörend wirken könnte. Der Studentin ist es freigestellt, die Lektüre zu vermeiden, ihr Kursanbieter muss Ersatz bieten bzw. darf nicht in eine Diskussion eintreten, weil das verstörend (Beleidigung, Anmaßung) sein könnte.

Vom mainstream abweichende Meinungen bedürfen besonderer Kommentierung und Vorauswarnung, damit im nachfolgenden Rechtsstreit aufgrund massenhafter, lautstarker Proteste wenigstens eine minimale Verteidigung möglich scheint.

Es herrscht ein Angst- und Verfolgungsklima wie zu Zeiten der Inquisition, als schon ein «schiefer Blick» genügte, damit eine Frau als Hexe dem fatalen Gottesurteil überantwortet wurde. Was viele Frauen, alle Opfer in der Männergesellschaft, heute in der #MeeToo Bewegung unternehmen, ist wie der Versuch, solch eine Verfolgungsszenerie wieder aufleben zu lassen, diesmal gegen die verhassten Männer. Es genügt meist die Vermutung, die Anklage, und schon läuft das Räderwerk der Rache, der Verfolgung, der Vernichtung. Das nennt man dann Fortschritt und Gerechtigkeit.

Kontroverses zu vertreten, politisch, wissenschaftlich, kulturell, wird da immer gewagter, schwieriger. In Bälde wird es verunmöglicht sein: der Mob, die Masse der sich als Opfer Empfindenden wächst und nutzt die mediale Gewalt. Viele Institutionen geben klein bei, weil sie wirtschaftliche Einbußen befürchten (Abonnentenverlust, Geschäftsboykott, Imageschaden durch dauernde Verleumdung usw. usf.).

Weil es keine Orientierung nach gesellschaftlich allgemein anerkannten Werten mehr gibt, tobt der Kampf um Deutung und Durchsetzung mit allen Mitteln. Es ist die ungeistige Vorstufe des Kriegs, der bald die reale innere Kriegssituation folgen wird, wenn diese Entwicklung nicht gebremst wird, wenn gewisse minimale Standards nicht wieder beachtet werden. Nichts deutet darauf hin, dass die Vernunft ein bisschen gewinnen könnte, alles deutet auf Destruktion und Niedergang.

Meine Worte sind kein moralisierendes Jammern. Sie sind eine kurze Feststellung, die durchaus länger und detaillierter ausfallen könnte. Es gibt einige Vorkommnisse, die leicht als Indikatoren für die Malaise gelesen werden können.

Beispielhaft sei erwähnt:
Die ältestes, progressive (liberale) Wochenzeitschrift THE NATION druckte ein Gedicht eines jungen weißen Amerikaners, das im schwarzen Slang abgefasst ist und entschuldige sich feige und fadenscheinig nach einem Proteststurm von Minderheitenangehörigen, die jede Kulturaneignung (cultural appropriation) als Missetat verurteilten und den weißen Abfall-Schreiber scharf angriffen. Das Gedicht wurde zwar nicht entfernt, aber jetzt breit und peinlich negativ bewertet von denselben Redakteurinnen, die es ausgewählt hatten: Sie versprachen selbstkritisch zugleich, besser aufzupassen und liniengetreu auszuwählen. Der Ton erinnerte an die Selbstbezichtigungen von Bolschewiki unter Stalin oder von jenen, die während der Kulturrevolution von Mao unter die Schläge der wütenden Roten Garden gefallen waren.

Vor kurzem wurde eine mathematische Arbeit, welche ein Fachmagazin bereits zur Publikation angenommen hatte, zensuriert und nicht publiziert auf Druck von Kolleginnen, die der These, die die Arbeit behandelt, von Grund auf widersprechen und verhindern wollen, dass diese im akademischen Kreis behandelt wird. Es war zu lesen (ich zitiere beispielhaft aus dem Artikel von Matt Young, the Panda’s Thumb, Sept.15, 2018; wer Interesse hat, findet mehr Material in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften):

A professor of mathematics, Theodore P. Hill, devised what is sometimes called a toy model to help explain why males of our species display greater variability than females. He submitted the paper to two journals in succession, and both rejected the paper after having previously accepted it.

As far as I can tell, the premise of the article, that males display greater variance (particularly of intelligence), is generally accepted. Professor Hill developed a toy model, which is to say an oversimplified model designed to shed some light on a complicated problem; the term is not pejorative. According to Prof. Hill’s account, he enlisted the help of another mathematician, Sergei Tabachnikov of Pennsylvania State University, and submitted the paper to the Mathematical Intelligencer. According to Prof. Hill, the manuscript was scheduled to appear in the journal’s first issue of 2018.

Professor Hill claims that Amie Wilkinson, a mathematics professor at the University of Chicago, and her father, a statistician (who I think is not named), wrote to the editor of the Mathematical Intelligencer and announced that the article oversimplified to the point of embarrassment. The article was pulled.

Prof. Hill war natürlich überrascht, dass das Fachjournal auf äußere Intervention hin die Publikation strich, und auch ein anderes Magazin von einer Veröffentlichung Abstand nahm. Die streitbare Kollegin Amie Wilkinson schrieb kein Rebuttel, keine Kritik, sondern agierte im Verborgenen mit Verdächtigungen, ideologischen Keulenschlägen und Drohungen. Hills Bemühungen die Sache zu klären und das inakzeptable Verhalten der Intrigantin über die Universität abzustellen, fruchteten nichts. Soviel zu Würde und Anstand in American Academia. Was waren die ideologischen Gründe? Angst, dass Rechtsgerichtete sich die Thesen zu eigen machen würden, was unbedingt verhindert werden musste. Zensur aus Ideologie der Gender Force & Women Lib. Im Magazin REASON war im Hit & Run Blog am 10.9.2018 u.a. zu lesen:

Mathematical Intelligencer rescinded its acceptance of the paper. According to its editor-in-chief, publishing Hill and Tabachnikov's work would create a «very real possibility that the right-wing media may pick this up and hype it internationally.» In his Quillette piece, Hill claims that a University of Chicago mathematics professor, Amie Wilkinson, lobbied the journal to abandon its plans to publish the piece.

Some time later, an editor at another publication, the New York Journal of Mathematics, wrote to Hill and offered to publish the paper. Hill accepted, and the article was published. But then:

Three days later, however, the paper had vanished. And a few days after that, a completely different paper by different authors appeared at exactly the same page of the same volume (NYJM Volume 23, p 1641+) where mine had once been. As it turned out, Amie Wilkinson is married to Benson Farb, a member of the NYJM editorial board. Upon discovering that the journal had published my paper, Professor Farb had written a furious email to [NYJM Editor-in-Chief Mark Steinberger] demanding that it be deleted at once. ...

Unaware of any of this, I wrote to Steinberger on November 14, to find out what had happened. I pointed out that if the deletion were permanent, it would leave me in an impossible position. I would not be able to republish anywhere else because I would be unable to sign a copyright form declaring that it had not already been published elsewhere. Steinberger replied later that day. Half his board, he explained unhappily, had told him that unless he pulled the article, they would all resign and «harass the journal» he had founded 25 years earlier «until it died.» Faced with the loss of his own scientific legacy, he had capitulated. «A publication in a dead journal,» he offered, «wouldn't help you.»

Das ist so unglaublich, dass ich aus dem erwähnten Artikel mehrere Absätze zitierte; man wähnt sich in der UdSSR, wo solche Einschüchterungsmanöver üblich waren. But it’s in America.

Den typischten und eindrücklichsten Fall aber bietet die berühmte NEW YORK REVIEW OF BOOKS mit dem schnellen Abgang ihres Chefredakteurs, der erst im März 2017 die Nachfolge des legendären Editors Robert B. Silvers nach dessen Tod übernahm. Die Veröffentlichung eines fragwürdigen Artikels und seine daraufhin erfolgende Verteidigung und Argumentation führte und verstärkte den Aufschrei der Opfergesellschaft, vor allem von Frauen der #MeeToo-Bewegung, so dass der Chef selbst aufgab und ging. Die Ereignisfolge, die Attacken und Verteidigungen sind überaus interessant, weil sie drastisch und dramatisch den Niedergang der offenen Gesellschaft dokumentieren, das unerbittliche Regime der (vermeintlichen) Opfermassen, die über die asocial media schier unbegrenzten Einfluss ausüben, weil die Etablierten Angst vor gewissen Auswirkungen am Markt haben (Abonnentenkündigungen, vor allem aber Einbußen im Inserategeschäft). Lesen Sie nach und bedenken Sie die Aussagen in den vielen Artikeln in amerikanischen Qualitätszeitungen und Journalen (NYT, WP, Vanity Fair, aber auch den englischen The Guardian). Hier, zur Illustration, ein paar Sätze aus VANITY FAIR (Erin Vanderhoof, 19.9.2018):

How Ian Buruma’s New York Review of Books Ouster Became Inevitable –
The controversial editorial was one thing, but after a gaffe-filled interview his tenure at the magazine was all but done for.
In a little less than a week, New York Review of Books editor Ian Buruma went from defending a controversial editorial decision in an interview to losing his job.
Buruma, however, may be a true #MeToo pioneer—a man who lost his job not for any harassing behavior, but for comments perceived as defending it. In an interview with Slate’s Isaac Chotiner that ran September 14, Buruma claimed some ignorance about the charges against Ghomeshi, but ultimately concluded that he has «no idea, nor is it really my concern.” And though he admitted that among his staff, »not everybody agreed” about running the essay, it seems likely that someone from the inside leaked its existence to writer Nicole Cliffe, who tweeted about it on September 13, hours before the publication posted the article online. Cliffe fielded comments from some of the magazine’s staffers, and relayed their dismay to her nearly 85,000 followers. By the next afternoon, Chotiner’s interview was live, and Buruma’s comments fueled another few days of criticism.

Wenn man hinsichtlich des geistigen Hintergrundes des gesellschaftlichen Klimas noch die Positionen von VIDA (Women in Literary Arts, gegründet 2009) berücksichtigt, die nicht nur Missbrauch aufzeigen und verfolgen, sondern schon die Tatsache, dass ein Medium z.B. nicht mindestens 40% Autorinnen aufweist, als ein Negativum werten, das publizistisch in ihren Kampagnen vehement vertreten wird, um gegen die Männerdominanz zu wettern, dann kann man sich leicht vorstellen, dass das bald auch auf Wissenschaftler zutrifft, weil nach Gesinnung und Ideologie einfach die Quote gelten MUSS, unabhängig vom Argument, unabhängig vom Inhalt. Da haben, wie die von VIDA veröffentlichten Counts belegen, die meisten Qualitätszeitschriften einen Bias, eine männliche Schlagseite, die über Kurz oder Lang nicht nur verbal angegriffen werden wird, sondern brachial, wie es sich schon vorbereitet.

Dies alles sieht aus wie ein Purgatorium, ein Reinigungsvorgang, ein großes Aufräumen. Man könnte es auch fertigstellen nennen im Sinne von «fertigmachen». Man bringt etwas zu Ende, fertig, indem man etwas fertigmacht. (Das Wort «fertigmachen» kommt etwas unschuldig daher. Man meint damit, dass etwas, eine Arbeit zum Beispiel, fertig gemacht wird, also vollendet, getan wird. Seit der Nazizeit hat sich eine weitere Bedeutung eingenistet, die schwer zu vergessen ist: die zweite Bedeutung von «erledigen», das zuerst auch bedeutet, Aufgabe erfüllen, fertig stellen, aber im weiteren, zweiten Bedeutungsfeld heißt, «etwas töten, umbringen, kaputt machen, auslöschen, vernichten». Ich «erledige dich» heißt, ich töte dich. Ganz ähnlich bei fertigmachen. Ich «mache dich fertig» heißt, ich bring dich um. Der Mensch als Material wird fertiggemacht wie ein Verschleißartikel. Usw. usf. Hier ende ich mit den Überlegungen, weil sie zu weit führten.)

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