Wie ich den Krieg gewann

08.11.2018 Walter Gasperi

Richard Lester rechnet in seiner bitterbösen Satire brillant nicht nur mit Krieg und Militär, sondern auch mit dem Genre des Kriegsfilms ab. Der bei seiner Premiere 1967 bei Publikum und Kritik gefloppte Film, in dem John Lennon eine Nebenrolle spielt, ist bei Koch Media auf DVD und Bluray erschienen.


Mitten hinein in den ausgehenden Zweiten Weltkrieg wirft Richard Lester den Zuschauer. Mit «Rhein, 1945» verankert ein Insert die Handlung. Nachts versucht hier ein Trupp britischer Soldaten den Fluss mit einem Schlauchboot zu überqueren, doch die Soldaten folgen Leutnant Goodbody (Michael Crawford) nicht in den Fluss.

Abrupt wechselt das Licht, einem Soldaten wird aus dem Off ein Bier gereicht und sie beginnen direkt in die Kamera von ihren Kriegserfahrungen zu erzählen. Jeder beansprucht für sich den Krieg gewonnen zu haben, doch Goodbody setzt sich durch und erzählt so retrospektiv seine Geschichte.

Mit diesem Illusionsbruch verhindert Lester immer wieder die Identifikation des Zuschauers mit dem Protagonisten und hält ihn auf Distanz. Man soll nicht mitleiden, sondern über das Gezeigte reflektieren.

Bitteren Spott versprüht der gebürtige Amerikaner, der als 20-Jähriger 1953 nach London übersiedelte, dabei schon über den Krieg und die Kriegstreiber, wenn er Goodbodys Erzählung auf einem Cricketfeld beginnen lässt. Wird so schon eine böse Analogie von Sport und Krieg hergestellt, so verschärft sich diese noch, wenn Goodbody erklärt: «Das nobelste aller Spiele ist der Krieg.»

Von der Ausbildung über einen Einsatz in Nordafrika bis zur Schlacht am Rhein spielt Lester klassische Situationen des Kriegsfilms durch, zieht sie aber brillant immer ins Lächerliche.

Affektierten Offizieren, die schreiend ihre Befehle erteilen, das Feindbild vom «listigen Wilden» verbreiten und Sammelbildchen von Schlachten tauschen, stellt er unbedarfte Reservisten, darunter John Lennon als Gripweed, gegenüber. Deren Tod ist zwar vorprogrammiert, dennoch greift die britische Armee angesichts fehlender ausgebildeter Soldaten ganz selbstverständlich auf sie als «Menschenmaterial» zurück.

Nicht gerade der Intelligenteste ist auch Goodbody, der dem Trupp von wenig motivierten «musketeers» vorsteht. Absurder Auftrag dieser Einheit ist es in Nordafrika hinter den feindlichen Linien ein Cricketfeld zu errichten, auf dem angeblich eine berühmte Persönlichkeit spielen will.

Furios schneidet Lester in die Landung des Bootes originales ebenso wie gefälschtes Archivmaterial vom Rückzug der Briten aus Dünkirchen. Seiner inszenierten Farce stellt er damit den realen Irrsinn des Kriegs gegenüber, zeigt das grausame Sterben ebenso wie Soldaten, die sich daneben mit Mädchen vergnügen.

Statt mit stringenter Dramaturgie arbeitet der Regisseur, der vor allem für seine Beatles-Filme bekannt ist, dabei mit einer losen Szenenfolge. Neben Dünkirchen wird so in weiterer Folge in die Kampfszenen auch Archivmaterial zu den Schlachten von Dieppe, El Alamein und Arnheim eingeschnitten.

Sukzessive wird Goodbodys Trupp dabei dezimiert, doch die Toten folgen weiter ihren Gefährten, jetzt aber ganz in Grün, Blau, Orange und Pink getaucht. Im Krieg immer wieder gedroschene hohle Phrasen werden ebenso bloßgestellt wie das Streben nach Orden, wenn sich ein Schwerverletzter über ein Verdienstkreuz freut.

Vom absurden Theater eines Samuel Beckett ist diese comicartige Satire ebenso beeinflusst wie von Brechts Theorie der Verfremdung, wenn man plötzlich zwei Frauen in einem Kino sieht, die die Filmhandlung kommentieren oder die Schauspieler gegen Ende über den nächsten Kriegsfilm reden, in dem sie mitspielen wollen.

Auch über die Tonebene rechnet Lester dabei mit dem Kriegsfilm ab, wenn er dem absurden Zug durch die Wüste die Musik aus David Leans «Lawrence von Arabien» unterlegt oder der kampflosen Einnahme des feindlichen Lagers an einer Oase die Titelmusik von «Die Brücke am Kwai».

Für 1967 war dieser Generalangriff auf Militär, Krieg und so genannten Antikriegsfilm wohl zu viel, heute kann man darin einen Wegbereiter sehen, der schon auf Robert Altmans «M.A.S.H» und Mike Nichols´ «Catch 22» vorausweist. Und auch die Errichtung des Cricketfelds hinter feindlichen Linien nimmt in gewissem Maße schon die berühmte Szene in Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now» vorweg, in der, um surfen zu können, ein vietnamesisches Dorf angegriffen wird. – Höchste Zeit ist es somit für eine Wiederentdeckung dieses ziemlich einzigartigen ebenso einfallsreichen wie schwarzhumorig unterhaltsamen Films.

An Sprachversionen bieten die bei Koch Media erschienene DVD und Bluray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie englische Untertitel. Die Extras beschränken sich auf den deutschen Kinotrailer und eine Bildergalerie.

Trailer zu «Wie ich den Krieg gewann»

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