Wackersdorf

25.09.2018 Walter Gasperi

Oliver Haffner zeichnet in seinem packenden Politdrama den sich langsam steigernden Widerstand der Bevölkerung gegen den Bau der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, aber auch die Methoden nach, mit denen die bayerische Regierung unter Ministerpräsident Franz-Josef Strauß versuchte, den Bau durchzudrücken. – Ein zeitloses Plädoyer für eine sich engagierende Zivilgesellschaft und ein Denkmal für den sozialdemokratischen Landrat Hans Schuierer.


Nur am Beginn verankert ein Insert die Handlung geographisch und zeitlich im bayerischen Landkreis Schwandorf im Jahr 1981. Fünf Jahre werden am Ende des Films vergangen sein, doch Oliver Haffner gelingt es die Ereignisse so zu raffen, dass der Film bruchlos dahinfließt, nie der Eindruck von abgehacktem episodischem Erzählen entsteht.

Es beginnt mit einer nächtlichen Totalen der Region und diese düstere Stimmung passt zum Auftakt, denn SPD-Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler) kann und will der Männergesellschaft in dem Versammlungssaal in seiner Rede keine großen Hoffnungen machen, sondern kann nur appellieren durchzuhalten. In der strukturschwachen Gegend sind die Arbeitsplätze nämlich nach Schließung der Braunkohlebergwerke stark geschwunden.

Enttäuscht verlässt die Zuhörerschaft den Saal, doch wenig später erhält Schuierer einen Anruf vom Staatsminister. Bei einem persönlichen Gespräch stellt dieser ihm ein zukunftsweisendes industrielles Großprojekt vor, das 3000 neue Arbeitsplätze schaffen soll. Die Gemeinde Wackersdorf ist in der näheren Auswahl dafür, aber es gibt noch mehrere andere in Frage kommende Standorte.

Bald stellt sich auch ein Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK)) ein, der Sauberkeit, Effizienz und Zeitgemäßheit der Atomenergie betont. Schuierer ist zunächst durchaus angetan von dem Projekt und hält nicht viel von jüngeren Aktivisten, die sich dagegen stellen, beginnt dann aber über Atomenergie zu recherchieren und entwickelt zunehmend Bedenken.

Wenn er sich langsam gegen das Projekt zu engagieren beginnt, macht er sich aber auch bei seinen Parteifreunden unbeliebt. Gleichzeitig legt er sich auch immer offensiver mit der bayerischen Regierung an, als er erkennt, dass diese vor nichts zurückschreckt, um ihre Interessen durchzusetzen. Ein Beobachtungsstand der Aktivisten wird so von der Polizei ebenso ohne rechtliche Grundlage abgerissen, wie mit einer Gesetzesänderung, der sogenannten Lex Schuierer, ermöglicht wird, dass die WAA auch ohne Unterschrift des zuständigen Landrats gebaut werden kann.

Gleichzeitig zeigt Oliver Haffner aber auch, wie die Risse durch die Familien gehen, wenn der Bruder einer führenden Aktivistin bei der Polizei ist oder sich die Frau des Bürgermeisters von Wackersdorf auf die Seite der Aktivisten stellt.

Geschickt vermittelt Haffner auch durch eingeschobenes Archivmaterial, das die Geschichte einerseits beglaubigt, andererseits auch eindrücklich dokumentiert, wie sich die Auseinandersetzungen sukzessive steigerten und die Polizeieinsätze, bei denen auch Hubschrauber eingesetzt wurden, aus denen Rauchbomben abgeworfen wurden, verschärften.

Das ist ein sicher und im Verzicht auf private Geschichten und konsequenter Fokussierung auf der politischen Geschichte, die sich freilich immer auch auf das Private auswirkt, kompakt erzähltes und durch den Dreh an Originalschauplätzen, die sorgfältige Ausstattung und die stimmigen, im Oberpfälzer Dialekt gehaltenen Dialoge atmosphärisch dichtes und packendes Politdrama, das weit über die historische Aufarbeitung hinaus zeitlose Themen verhandelt.

Mit Schuierer als Identifikationsfigur wird dabei in dem bis in die Nebenrollen trefflich besetzten Film einem Politiker, der sich nicht biegen lässt, sondern aufrecht seinen Weg geht und dem das Wohl seiner Bürger tatsächlich am Herzen liegt, ein Denkmal gesetzt.

Großartig spielt Johannes Zeiler diesen Landrat als einen Mann, der nicht nur seine Meinung aufgrund neuer Erkenntnisse langsam ändert und sich gegen die WAA engagiert, sondern sich auch furchtlos mit der Staatsmacht anlegt und sich bedingungslos für Einhaltung demokratischer Grundregeln und Rechtsstaatlichkeit einsetzt. Er schreckt auch nicht davor zurück die Regierung von Franz-Josef Strauß als «CSU-Demokratur» zu bezeichnen und mit der Pinochet-Diktatur in Chile und dem Apartheid-System in Südafrika zu vergleichen.

Markant und prägnant gezeichnet sind aber auch seine Kontrahenten vom stets freundlichen Manager der Energiegesellschaft über den Umweltminister bis zum neu aufsteigenden jungen Staatssekretär, der sich als skrupelloser Scharfmacher erweist, ebenso wie die Dorfbewohner.

Mitreißend beschwört «Wackersdorf» aber auch die Bedeutung und die Macht der Zivilgesellschaft, die sich gegen die Staatsmacht schließlich durchsetzt und den Bau der Anlage stoppen kann. – Nur im Nachspann wird das freilich mitgeteilt, der Film endet mit TV-Nachrichten vom Reaktorunglück in Tschernobyl und den Folgen für Deutschland. Erst anschließend informieren Inserts über die Einstellung des Baus von Wackersdorf im Jahre 1989 und das Faktum, dass dieses unvollendete Projekt 10 Milliarden DM verschlungen hat, sowie den Umstand, dass die Lex Schuierer bis heute in Kraft ist.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn

Trailer zu «Wackersdorf»

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