Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm

18.09.2018 Walter Gasperi

Nach der Theaterpremiere 1928 sollte Bertolt Brechts «Die Dreigroschenoper» auch verfilmt werden. Dabei kam es aber zu schweren Konflikten zwischen dem Autor und der Produktionsfirma, die vor Gericht endeten. Joachim A. Lang zeichnet in seinem aufwändig ausgestatteten und mit Stars gespickten Film nicht nur diese Auseinandersetzungen nach, sondern vermittelt in imaginierten Szenen Brechts auch einen Eindruck von dessen nie realisierten Filmfassung.


Mit Joachim A. Lang zeichnet ein Experte für Bertolt Brecht für die Regie verantwortlich, denn Lang dissertierte nicht nur über «Episches Theater als Film: Bühnenstücke Bertolt Brechts in den audiovisuellen Medien», sondern leitete auch von 2009 bis 2016 das Brechtfestival in Augsburg.

Langs Wissen über Brecht ist zweifellos immens, seinem Film hat aber vielleicht gerade das geschadet. Sehr viel – zu viel – packt er in diese 130 Minuten hinein, wenig Raum lässt er dabei aber einzelnen Szenen. Brechts Forderung «Der Film braucht die Kunst» kommt er voll nach, aber gerade dadurch lässt es «Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm» an Leichtigkeit vermissen, wirkt in vielem zu zwanghaft gewollt und akademisch.

Mit der Premiere der «Dreigroschenoper» am 31. August 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm beginnt der Film. Ein Flop wurde erwartet, doch das Publikum ging begeistert mit, sodass bald eine Verfilmung in Angriff genommen wurde. Weil Brecht dabei aber sein Stück vielfach verändern und den Angriff auf den Kapitalismus verschärfen wollte, kam es zu heftigen Konflikten mit Produktionsfirma Nero Film.

Spannende Fragen, wie die Rolle des Films zwischen Kommerz und Kunst, dem Recht des Autors auf seine Vision eines politischen Films, der Angst der Produzenten vor Zensur und Flop werden hier aufgeworfen. Die Szenen, in denen sich Brecht seine Filmversion der «Dreigroschenoper» vorstellt und für die Lang neben der «Dreigroschenoper», Brechts Exposé «Die Beule - Ein Dreigroschenfilm» sowie seine Verarbeitung des Prozesses in «Der Dreigroschenprozess - Ein soziologisches Experiment» àls Grundlage dienten, pendeln dagegen seltsam unentschlossen zwischen Show à la US-Musical und Gesellschaftskritik.

Komplex ist der Film mit diesem Spiel auf zwei Ebenen. Stets spürbar ist der Anspruch Brechts Kunsttheorie auf den Film zu übertragen, wenn Lang nicht nur zwischen den Erzählebenen changiert, sondern auch den Illusionscharakter bricht. Denn da wendet sich der von Lars Eidinger gespielte Brecht mehrfach direkt ans Kinopublikum oder streicht auch mal das Kameraobjektiv und damit die Kinoleinwand mit roter Farbe an.

Der Illusionscharakter wird aber auch dadurch immer wieder gebrochen, dass Brecht die imaginiert Szenen seines «Dreigroschenfilms» immer wieder kommentiert sowie dadurch, dass diese vielfach abrupt abbrechen.

Authentizität will Lang seinem Brecht verleihen, indem er Lars Eidinger, der stets mit Zigarrenstummel und schwarzem Ledermantel auftritt, nur Sätze aus Brechts Werken oder Leben sprechen lässt. Klug ist dabei zweifellos vieles, doch letztlich wirkt diese Zitatensammlung ziemlich papieren, lässt diesen Brecht nicht zu einer Figur aus Fleisch und Blut werden.

Prächtig ausgestattet sind die Szenen in Peachums Bettlerfabrik ebenso wie eine Bordellszene oder die Feier von Macheaths Hochzeit mit Peachums (Joachim Król) Tochter Polly (Hannah Herzsprung). Überraschend wenig Schwung entwickeln aber die Songs und die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft, an Korruption, an der zunehmend größeren Kluft zwischen Ober- und Unterschicht bleibt mehr Behauptung als wirklich erfahrbar.

Aufgesetzt wirkt auch, wie nach zunächst impliziten Gegenwartsbezügen, in denen beispielsweise der Polizeichef Tiger Brown die Aufstockung seiner Truppe zur besseren Kontrolle der Unterschicht fordert, die Handlung des imaginierten Dreigroschenfilms am Ende ins London der Gegenwart führt. Dort wird aus dem Räuber Macheath ein Banker, der in einem modernen Glas- und Betonbau von der Kontrolle der Regierungen träumt.

Neben diesen beiden Ebenen erzählt Lang aber auch noch, wie die politischen Entwicklungen Brechts Filmversion beeinflussten. Mit schwarzweißem Wochenschaumaterial erinnert er an den Berliner Blutmai, bei dem die Polizei hart gegen eine nicht genehmigte Demonstration der KPD vorging und 33 Zivilisten tötete, die Weltwirtschaftskrise und den stärker werdenden Nationalsozialismus bis zur Machtergreifung, dem Reichstagsbrand und der Bücherverbrennung.

So schillernd und vielfältig «Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm» damit auch ist, so großartig er mit Eidinger, Moretti, Hannah Herzsprung als Polly und Joachim Król als Peachum auch besetzt ist, echte Spannung will hier kaum aufkommen. Zu kopflastig und überladen ist das Konzept, keinen Erzählfluss entwickelt der Film, wirkt abgehackt im Aufeinanderprallen der Szenen, denen nie Raum gelassen wird, und wirkt in den «Dreigroschenfilm»-Szenen in der Fixierung auf jeweils einen Schauplatz auch sehr theaterhaft.

Immerhin vermittelt Lang einen Einblick in die Produktionsgeschichte des Dreigroschenfilms, der nach einem gerichtlichen Vergleich unter der Regie von Georg W. Pabst fertiggestellt wurde und unter dem Originaltitel «Die Dreigroschenoper» 1931 in die Kinos kam. Offen bleibt freilich, ob Brecht mit der Version des «Dreigroschenfilms», die Lang den 1956 verstorbenen Autor hier erträumen lässt, wirklich einverstanden und zufrieden gewesen wäre.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn und im Kino Rio in Feldkirch

Trailer zu «Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm»

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