Der Horror der frühen Medizin

15.09.2018 Bernhard Sandbichler

... ersteht heute nur noch in schmuddeligen Splatter-Movies wieder auf. Lindsey Fitzharris, Medizinhistorikerin, ruft die grausligen Details chirurgischer Freak-Shows im viktorianischen Britannien ebenso wie die Revolution klinischer Arbeit mit überbordendem Enthusiamus in Erinnerung.


Achse 1: Diagnose
Der Kunst des Herummetzgerns (der Originaltitel ihres Buches ist The Butchering Art) ist nach wie vor ultima ratio, auch wenn die Fachwelt fein säuberlich von «sogenannten chirurgischen Verfahren ... bei denen manuell Gewebe geschnitten oder genäht wird» spricht: Wo eine Kunst, da eben auch Kunstfehler.

Achse 2: Prognose
Die Zeiten freilich waren früher dunkler, wesentlich dunkler - s e h r wesentlich dunkler. Leute wie der grobschlächtige schottische Chirurg Robert Liston, «das schnellste Messer im Westend», beherrschten die Szene.

Achse 3+4: Entwicklung+Intelligenz
Joseph Lister, ein Newcomer in der Szene der 1840er-Jahre, hatte mit seinem Kollegen glücklicherweise nur die ersten vier Buchstaben seines Familiennamens gemein. Im Übrigen übernahm er Louis Pasteurs Forschungsergebnisse und wandte sie auf sein Fachgebiet an. Er gilt als Vater der Antisepsis (Abtötung infektiöser Keime) und Asepsis (Keimfreiheit).

Achse 5: Körper
Hospitalismus war zu Listers Zeiten kein Ausdruck für Gastfreundlichkeit, sondern bezeichnete jene ahygienischen Zustände in Krankenhäusern, welche verheerende Infektionskrankheiten und damit den Tod «erfolgreich» operierter Patienten hervorriefen. Ein Soldat auf dem Schlachtfeld von Waterloo habe «eine größere Überlebenschance als ein Mann, der sich ins Krankenhaus begibt», schrieb der Chirurg James Young Simpson noch 1869. OP-Säle waren Schlachthäuser, die sich als anatomisches Theater vor sensationslüsternem Publikum gerierten. Und wenn man bedenkt, dass es vor 1846 noch keine vernünftige Narkose gab?

Achse 6: Psyche
«Alles war infrage gestellt, alles war unerklärt, alles war zweifelhaft, nur die große Anzahl der Toten war eine unzweifelhafte Wirklichkeit», stellte Ignaz Semmelweis Mitte des Jahrhunderts fest - und landete in der Irrenanstalt Döbling. Lister blieb dieses Schicksal erspart, aber gegen den Widerstand sturer Platzhirsche hatte auch er zu kämpfen. Als er 1912 an einem kühlen Wintermorgen im Februar starb, hatte sich sein methodisches Vorgehen freilich durchgesetzt.

Achse 7: Alltag
Lindsey Fitzharris’ Verdienst ist es, Listers faszinierendes Lebenswerk anhand einer Fülle von Zeitdokumenten mit der Verve einer quirligen, taffen Wissenschaftsbloggerin (The Chirugeon’s Apprentice) aufzupeppen. Ihr Buch zählte zu den Daily Mail, Guardian und Observer Books of the Year 2017 und gewann den 2018 PEN/E.O. Wilson Prize for Literary Science Writing.

Lindsey Fitzharris: Der Horror der frühen Medizin – Joseph Listers Kampf gegen Kurpfuscher, Quacksalber & Knochenklempner. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg, Berlin: Suhrkamp 2018, 276 Seiten, 15,40 Euro

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