Metaphorische Sprache

16.09.2018 Haimo L. Handl
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Würden wir Aussagen in unserer Alltagssprache «wörtlich» nehmen, wir türmten Barrieren auf oder Abgrundlöcher, in die wir verwirrt hineinfielen, weil wörtlich genommen Vieles keinen Sinn macht, der kritischen Prüfung nicht standhält. Die Toleranz der Sprache in alltäglichen Sprechakten ermöglicht diese unnötigen Kollisionen, die Missverständnisse ; es geschieht ähnlich der Trägheit unseres Sehnervs, der zusammenhängende «Bewegung» sieht, sogar über ein Medium, und nicht nur Einzelbilder. Einige Neosophisten wollen die Pseudorationalität hochtreiben, fast wie im pervertierten Sport und seiner Rekordsucht, und pochen auf Rationalität, Wissenschaftlichkeit und was sonst noch alles, nur, um den Unschärfenbereich zu vermeiden, ihn kleinzureden oder verächtlich abzutun. Sogar Poeten wollen rational denkend Poeme kreieren, bar jeder Metaphorik, nackt und nützlich wie die Verlautbarungssprache in der verwalteten und verwaltenden Welt.


In einem Artikel von Anfang September äußerte sich der Schweizer Autor Felix Philipp Ingold über Konkrete Poetik unter anderem folgendermaßen: «Zur Poetik der Konkreten gehörte vorab die Aufbietung von Klarheit, Einfachheit, Ordentlichkeit − insgesamt von Rationalität − im Gegenzug zu gängigen lyrischen Qualitäten wie Gefühligkeit, Stimmung oder Pathos. Der emotionalen Reduktion entsprach auf der Formebene der Verzicht auf hergebrachten Vers- und Strophenbau, auf Metaphernbildung, auf dekorativen und erklärenden Spracheinsatz.». Also typisch deutsche Spießertugenden der Ordentlichkeit, der Einfachheit, der Klarheit, der Rationalität. Man darf sich fragen, warum denn die Konkreten vergessen sind, weshalb sich einige Klassiker trotz ihrer metaphernreichen Sprache halten.

Vielleicht hängt vielen die euphemistische Nazisprache nach, die eigene Metaphern nutzte, um den «wahren Sachverhalt» zu kaschieren. Das war zwar auch anderorts üblich, aber der Unterschied lag in der Sanktionsgewalt: wer den nazi-korrekten Sprechakt nicht leistete, lief Gefahr, verfolgt und bestraft zu werden. Auch das hatte sich nicht auf Hitlerdeutschland beschränkt. Aber offensichtlich wurden ähnliche Sprachpolitiken in der USSR und DDR akzeptiert oder bagatellisierend wegerklärt. Und die frappante Ähnlichkeit der vor allem in den USA zur Hochblüte gekommenen Werbesprache, die auch andere Sprachen infiziert und schwächt, wird heute als moderne Höchstentwicklung gesehen und nicht als Gefahr.

Es bietet sich also ein widersprüchliches Bild. Einerseits eine Literatur wie von Versicherungsagenten oder Buchhaltern verfasst, andererseits eine schwammige, unverbindliche Sprache, die jede Deutung erlaubt und sich nicht mehr festmachen lässt, nicht einmal im metaphorischen Sinn. Je stärker die Sucht nach Eindeutigkeit, desto rigider das Dokumentarische, vermeintlich Authentische, Beobachtbare, Belegte. Imagination und Fiktion sind verdächtig. Alles muss intersubjektiv nachprüfbar sein, belegbar sein.

Weshalb sprechen wir aber im Alltag so unklar, so bildreich? Weil wir keine Maschinen sind. Weil Rationalität nur einen Teilaspekt bildet. Aus manchen Vereinfachungen oder falschen Bildern spricht oft eine eigentümliche Annahme, ein Glauben, wenn nicht eine Überzeugung, aufgrund einer Wertstruktur, die, wird sie hinterfragt, erstaunen mag.

Oft höre ich Leute sagen, etwas sei unvergleichbar. Sie meinen das als höchstes Lob, als einzigartiger Qualitätsausweis. Aber es kann nicht stimmen. Nicht, weil ich dem Ding, der Sache, der Person oder dem Ereignis irgendetwas absprechen möchte. Aber alles, was ich finde, was ich bewerte usw. ist sinnvoll nur rezipierbar, weil ich es vergleiche. Etwas als das Ding an sich nehmen zu wollen, als Absolutes, nicht Zusammenhängendes, wäre nicht als solches wahrnehm- und kommunizierbar. Wir bedürfen des Vergleichs zur Wertung, zur Feststellung der Qualität. Nichts ist für sich alleine, alles hängt zusammen. Die Bedeutung von Zeichen liegt in den Verbindungen, den Relationen, ist nie kontextunabhängig im Zeichen fixiert.

Vom amerikanischen Architektur- und Kunstkritiker Martin Filler (* 1948) las ich kürzlich in der New York Review of Books einen begeisterten Aufsatz über die weltberühmte bzw. berühmteste Wagner-Sängerin «So vivid are my memories of the incomparable Swedish soprano Birgit Nilsson», dass er noch jetzt in Erinnerung an sie bebt. Filler, ein hochgescheiter Mann, weiß, wovon er spricht und schreibt. Wir meinen es auch zu wissen, und nehmen die Exklamation nicht wörtlich. Klar, dass er und alle anderen nur durch lange Beobachtung und Bewertung zum Urteil der Einzigartigkeit gelangte, die er dann, als Ausdruck des Höchsten, als unvergleichlich oder unvergleichbar hinstellte.

Es scheint, als ob das realistische Vergleichen, das allem Bewerten innewohnt, oft als Minderung gesehen wird, als profaner Versuch einer Gleichstellung, was aber nicht der Fall ist. Zu Vergleichen heißt nicht gleichzustellen oder gar gleichzuschalten. Da scheint ein Missverständnis vorzuliegen, das man aus vielen Urteilskommentaren heraushören kann: das kann man, das darf man nicht vergleichen oder die hohe Forderung, man solle nicht Äpfeln mit Birnen vergleichen, sondern nur Gleiches mit Gleichem, also Apfel mit Äpfeln. Das ist natürlich Humbug. Die falsche Forderung beruht auf der Annahme von Eindeutigkeit und sofortiger Erkennbarkeit von Sachverhalten, die kein Vergleichen erlaube, weil eh alles klar ist: dies ist das und dieses jenes. Aber so simpel ist die Welt nun mal nicht. Denn wenn dieses und jenes gleich wäre, muss es verglichen worden sein, damit die Gleichheit erkannt und bewertet werden konnte. Das gleiche gilt für Unterschiedenes. Dass etwas anders ist als dieses ist nur durch den Vergleich erkennbar. Es ist ihm nicht eingezeichnet. Der Wunsch nach Inkomparabilität ist einer nach dem Absoluten. Quasi ein religiöser Rest frommen Denkens. Das Absolute ist unabhängig von allem anderen. Es ist, was es ist, unvergleichbar und offensichtlich. Das wäre das vielbesprochene Ding an sich. Aber dieses Konstrukt wurde schon lange als solches erkannt, kritisiert und zurückgewiesen.

Vergleiche werden meist als negative Relativierung hingestellt. Es gibt Völker, die finden sich so einzigartig und auserwählt, dass sie nicht verglichen werden wollen. Damit verlangen sie über jeder Kritik zu stehen, weil Kritik nur durch Vergleichen möglich ist, und eben dieses Vergleichen eine Herabsetzung der Einmaligkeit, der Unvergleichbarkeit bedeutete. In Zeiten der Faschistisierung und der identitären Bewegungen wird der oft unschuldig anmutende Anspruch auf Inkomparabilität, auf extreme Eigenheit, auf Superiorität (und darauf fußender Suprematie) zum Ausweis eines neuen Ariertums, das frech sich hochhebt und alle anderen runter drückt, unterdrückt. Das alte Lied.

Kultürlich ist der übliche Alltagsgebrauch solcher Vereinfachungen von den ideologischen Anmaßungen (z.B. von Islamisten und Israelis) zu unterscheiden. Wenn wer Freddie Mercury als unvergleichbar hinstellt, andere Jimmy Hendrix oder Mireille Mathieu, so wird der Meinungsunterschied zu keinen wirklichen Konflikten führen. Und wenn in der Philosophie jemand heute argumentiert wie zu Kants und Schopenhauers Zeiten, wird das akademisch bleiben. Wenn aber Identitäre, Nationalisten, Chauvinisten, Rassisten, Religionseiferer ihre Lehren als unvergleichbar hinstellen, weisen sie jede kritische Bewertung zurück und verlangen bedingungslose Unterwerfung. Das ist zurückzuweisen.

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