Hitlers Cousin in Yad Vashem

10.09.2018 Kurt Bracharz

In Deutschland gibt es eine Debatte, ob man für einen Diktator wie Erdogan wirklich den roten Teppich ausrollen und eine Ehrenkompanie antreten lassen muss. Die Antwort ist einfach: Für den Besuch von Staatsoberhäuptern gilt ein Protokoll, und das ist unumstößlich. Die Ehrung gilt dem Amt, nicht der Person, die es ausübt.


Ein gutes Beispiel dafür ist Dutertes Besuch in Israel. Rodrigo Roa Duterte ist seit 2016 Präsident der Philippinen. Vorher war er drei Mal Bürgermeister der Millionenstadt Davao auf Mindanao. Zur internationalen Berühmtheit wurde er schon damals, weil er als Bürgermeister seinen eigenen Krieg gegen die Drogen begann, indem er von Todesschwadronen und von Lynchmobs Drogendealer und solche, die dafür gehalten wurden, ermorden ließ, eine Strategie, die er als Präsident ungeniert weiter verfolgte. Seit er Präsident ist, wurden mindestens 4200 Menschen bei Einsätzen gegen die Drogenkriminalität kurzerhand getötet, Menschenrechtsorganisationen vermuten eher 20.000 Opfer. Duterte steht zu diesen Mordaktionen und zog die philippinische Ratifizierung des Römischen Statuts zurück, das die rechtliche Grundlage für den Internationalen Strafgerichtshof darstellt, der Völkermord und Kriegsverbrechen verfolgt. Der Präsident Duterte erklärte öffentlich, Verdächtige an die Fische in der Bucht von Manila verfüttern zu wollen und Drogendealer so aufzuhängen zu lassen, dass ihn dadurch der Kopf abgetrennt würde. Vor Soldaten sagte er laut einem von der Regierung veröffentlichten Transkript, sie sollten kommunistische Rebellinnen in die Geschlechtsteile schießen: «Wir werden einfach in eure Genitalien schießen, damit da keine Genitalien mehr sind, denn dann wärt ihr nutzlos.» Er verwendete selbstverständlich ein vulgäres Wort. In der internationalen Presse war auch zu lesen, dass er 2016 Obama einen «Hurensohn» nannte, als der sich kritisch über Dutertes Mordaktionen an Drogendealern äußerte. Noch bekannter wurden Dutertes Vergleiche seiner Politik mit der von Hitler, etwa 2016 im Wahlkampf: «Kritiker nennen mich Hitlers Cousin. Hitler hat drei Millionen Juden massakriert und wir haben drei Millionen Drogenabhängige. Die werde ich auslöschen.» Er hat sich auch schon direkt selbst als Hitler bezeichnet und das durchaus positiv gemeint.

Und jetzt war er zu einem viertägigen Staatsbesuch in Israel und besuchte dabei wie alle Regierungschefs die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Der Hitler-Fan hielt eine kurze Rede, legte einen Kranz nieder, pflanzte einen Baum und schrieb ins Gästebuch: «Niemals wieder. Möge die Welt die Lektionen dieser schrecklichen und gottverlassenen Zeit der Menschheitsgeschichte lernen.»

Israelische Oppositionspolitiker und Menschenrechtsorganisationen hatten sich natürlich gegen Dutertes Besuch ausgesprochen, aber Realpolitik sieht wie immer anders aus: Es wurden ihm Waffensysteme präsentiert (Duterte kämpft ja auch gegen philippinische Islamisten), angeblich sollen auch Ölgeschäfte ausgemacht worden sein, auf jeden Fall gab es drei Abkommen zu Handel, Wissenschaft und philippinischem Pflegepersonal. Während Regierungschef Benjamin Netanjahu wahrscheinlich peinliche Punkte umgangen hat, gab Staatspräsident Reuven Rivlin dem 73-jährigen Duterte noch einen guten Tipp: Hitler, der nicht drei, sondern sechs Millionen Juden ermorden ließ, sei «der Teufel persönlich» gewesen.
Übrigens: Als Duterte im Wahlkampf vorgeworfen worden war, er habe als Bürgermeister von Davao eigenhändig Drogenabhängige liquidiert, bestritt er das vehement, obwohl er fast gleichzeitig dazu aufrief, genau das zu tun. Aber wenn er das eingestanden hätte, wäre er vielleicht doch nicht Präsident geworden. Er hat übrigens mittlerweile auch Obama «verziehen». Ja, wirklich. Manchmal erinnert er an Trump, den er übrigens für einen guten Freund hält.


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