Nach dem Urteil – Jusqu‘à la garde

11.09.2018 Walter Gasperi

In einem Sorgerechtsstreit wird dem Vater das Recht zugesprochen, jedes zweite Wochenende mit dem elfjährigen Sohn zu verbringen. Eine richtige Entscheidung? Xavier Legrand erzählt in seinem gerade durch seine Nüchternheit fesselnden Langfilmdebüt, unterstützt von drei großartigen Hauptdarstellern, schonungslos und konsequent von langsam eskalierender häuslicher Gewalt.


Weiße Credits auf schwarzem Grund, dazu aus dem Off Geräusche von Schritten auf einem Gang und sich schließenden Türen. – Schon dieser Auftakt evoziert eine Härte, einen Ernst und eine Dringlichkeit, die darauf einstimmen, dass es in den nächsten 90 Minuten nichts zu lachen geben wird.

Auf Filmmusik verzichtet Xavier Legrand in seinem beim Filmfestival von Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichneten Langfilmdebüt konsequent. Die Kamera bewegt er nur wenn nötig, hart lässt der Schnitt die Einstellungen aufeinanderprallen.

Rund 15 Minuten folgt man so in Echtzeit einer Anhörung in einem Sorgerechtsstreit. Die Familienrichterin verliest die Aussage des elfjährigen Julien (Thomas Gioria), der darin erklärt, dass er sich vor «dem Alten» fürchte und er ihn nie mehr sehen wolle. Die Anwältin von Miriam (Léa Drucker) unterstützt diese Aussage, spricht von Telefonterror und Stalking durch den Ex-Mann, während Antoines (Denis Ménochet) Anwältin, das Anrecht des Vaters auf Kontakt zu seinem Sohn herausstreicht, ihren Mandanten als leidenden Mann beschreibt, über den Arbeitskollegen und Mitglieder des Jagdvereins nur das Beste sagen.

Von der Liebe, die einst wohl Miriam und Antoine verband, ist hier nichts mehr zu spüren. Jede Kommunikationsbasis scheint zu fehlen und sie können oder wollen sich nicht einmal mehr in die Augen schauen. Eindrücklich spielt Léa Drucker Miriam als verängstigte Frau, gut möglich aber auch, dass sie bei der Anhörung nur möglichst viel für sich herausschinden will.

Zurückhaltend legt Denis Ménochet den bulligen Antoine an. Wortkarg tritt er auf, wirkt geschlagen und leidend, scheint seinen Sohn wirklich zu vermissen. Die von der anderen Partei beschriebene Gewalttätigkeit gegenüber Frau und Kindern will man ihm nicht zutrauen. Schwierig ist es für die Richterin ein Urteil zu fällen. «Wer lügt hier mehr?», fragt sie und gesteht Antoine aufgrund unklarer Sachlage das Besuchsrecht zu.

Nach dieser dokumentarisch gefilmten Gerichtsszene skizziert Legrand, der schon 2013 in seinem für einen Oscar nominierten Kurzfilm «Avant que de tout perdre» mit den gleichen Hauptdarstellern von häuslicher Gewalt erzählte, mit wenigen Strichen die neue Lebenssituation Miriams.

Mit Julien und der fast 18-jährigen Tochter Joséphine, die ihr eigenes Leben lebt, ist sie in eine andere Stadt gezogen. Vorübergehend wohnen sie dort bei ihren Eltern, werden aber bald eine neue Wohnung beziehen. Um seinen Kindern, speziell Julien, nahe zu sein, hat sich aber auch Antoine versetzen lassen und wohnt nun bei seinen Eltern.

Im Zentrum steht Julien, der über das Besuchsrecht Antoines zum Bindeglied und Hauptleidenden wird. Mit «Mein Schatz» begrüßt ihn Antoine zwar immer, wenn er ihn abholt, doch viel zu sagen hat er danach nicht. Nichts scheinen sie an diesen Wochenenden gemeinsam zu unternehmen oder zu reden, hauptsächlich versucht Antoine Julien über seine Ex-Frau, die jeden Kontakt zu ihm verweigert, auszuhören.

Immer wieder sieht man Antoine und Julien im Kastenwagen. Ménochet macht die sich steigernde Unruhe und Wut Antoines und seinen autoritären Charakter ebenso erfahrbar wie Thomas Gioria die Anspannung, Angst und Hilflosigkeit Juliens. Spüren kann man förmlich einerseits seine Beklemmung in Gegenwart des Vaters, andererseits wie es im Vater brodelt.

Unglaubliche Dichte entwickelt dieses Drama in der Konzentration auf diese familiären Beziehungen. Aufs Wesentliche reduziert, ja fast schon skelettiert, ist die Handlung. Hier gibt es keine überflüssige Szene, kein Beiwerk. Der Fokus gilt ganz auf den vier Mitgliedern der zerbrochenen Familie, Großaufnahmen ihrer Gesichter dominieren, das soziale Umfeld wird ausgespart.

Meisterhaft steigert Legrand die Spannung, wenn Antoine, mit dem man zunächst durchaus noch Mitgefühl haben kann, zunehmend aggressiver wird und offensiver ins Leben seiner Ex-Frau und ihrer Kinder eindringt.

Kein leicht zu konsumierender, sondern ein gerade durch die nüchtern distanzierte Inszenierung und die differenzierte Figurenzeichnung heftiger Film ist das. Auf Spektakel verzichtet Legrand, bleibt ganz im Alltäglichen und blickt kompromisslos auf eine Realität, die sich meist hinter verschlossenen Wohnungstüren abspielt.

Sukzessive wandelt sich das konzentrierte und beklemmende Drama dabei zum nervenzerrenden Thriller. Spiegelbildlich zur Gerichtsszene am Beginn muss hier am Ende wieder die staatliche Autorität einschreiten. Implizit wirft Legrand dabei freilich die Frage auf, ob man diese Eskalation der Gewalt nicht verhindert hätte können, wenn die Richterin am Beginn aufgrund der Aussage Juliens entschieden hätte und nicht die konträren Meinungen der Eltern gegeneinander abgewogen hätte.

Läuft derzeit im Kinok St. Gallen
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Trailer zu «Nach dem Urteil – Jusqu‘à la garde»

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