Hiroshima, mon amour

25.10.2018 Walter Gasperi

Eine französische Schauspielerin verliebt sich während Dreharbeiten in Hiroshima in einen Japaner und erinnert sich an ihre Liebe zu einem deutschen Soldaten, die tragisch endete. – Alain Resnais Langfilmdebüt beeindruckt auch 58 Jahre nach seiner Uraufführung noch durch seine Komplexität und formale Radikalität. Bei Concorde ist der Klassiker in der Reihe Classic Selection auf DVD erschienen.


Rund 15 Minuten sieht man nur in Nahaufnahme eng umschlungene nackte Körper, auf die zeitweise Asche zu regnen scheint. Im Voice-over erzählt die Frau (Emmanuelle Riva), die namenlos bleiben wird, dazu dem ebenfalls namenlosen Mann (Eji Okada), was sie in Hiroshima gesehen hat.

Begleitet wird ihr Monolog von Bildern eines Krankenhauses und des Museums von Hiroshima, aber auch von Ausschnitten aus Filmen über die Folgen des Atombombenabwurfs. Auf ihre Erzählungen erwidert der Mann, der seine ganze Familie bei dieser Katastrophe verloren hat, aber immer wieder, dass sie nichts gesehen, nichts verstanden habe. - Bewusst macht dieser Widerspruch, dass man sehr wohl die Dinge äußerlich sehen kann, aber damit noch längst keine Ahnung davon hat, was wirklich geschehen ist.

Eben erst haben sich der Mann und die Frau, die beide verheiratet sind, kennen und lieben gelernt, aber es bleibt ihnen nur noch ein Tag, denn die Dreharbeiten an einem Film über den Frieden, in dem die Frau mitspielt, gehen zu Ende und in rund 24 Stunden wird sie zurück nach Frankreich fliegen.

Doch der Mann aktiviert in ihr die Erinnerung an eine 14 Jahre zurückliegende Liebe zu einem deutschen Soldaten und der Ächtung, die sie deshalb nach der Ermordung des Soldaten und der Befreiung ihres Heimatstadt Nevers von den deutschen Besatzern erfuhr. Erinnerungen der Frau fließen in die Gegenwart ein, bis schließlich bei einem nächtlichen Gang durch die japanische Stadt Hiroshima und Nevers zu verschwimmen scheinen.

Nach der Erinnerung an den Holocaust in dem Dokumentarfilm «Nacht und Nebel» (1955) setzte sich Alain Resnais auch in seinem ersten Spielfilm mit Erinnerung und Vergessen, aber auch mit privater Tragödie und nationalem Trauma auseinander. Man muss sich erinnern, um zu verhindern, dass die Ereignisse sich wiederholen, steht hier auf der einen Seite, während andererseits die Frau an der Erinnerung fast zu zerbrechen droht, nur weiterleben konnte, weil sie die traumatische Erfahrung 14 Jahre verdrängt hat.

Der Mann bleibt anonym, stellt nur Fragen, die Perspektive der Frau bestimmt den Film. Resnais lässt den Zuschauer in ihren Strom der Gedanken und Erinnerungen eintauchen. Klassische Rückblenden gibt es hier folglich keine, denn keinen Dialog gibt es in diesen Szenen, die teilweise nur aus kurzen Bildfetzen bestehen, sondern nur ihr innerer Monolog. Ihr erschossener Geliebter ist nur in wenigen Totalen zu sehen, ihre Peiniger und ihre Eltern, die sich für sie schämen und sie im Keller verstecken, bekommen kaum ein Gesicht.

Immer noch meisterhaft ist, wie Resnais über die Montage Vergangenheit und Gegenwart – und damit Japan und Frankreich, Hiroshima und Nevers – zusammenzurrt und damit das Weiterleben des Vergangenen in der Gegenwart erfahrbar macht. Immer noch beeindruckend ist aber auch, wie er zwischen Dialog und innerem Monolog in diesem von Marguerite Duras geschriebenen ebenso literarischen wie erzähltechnisch innovativen Film, der den Stream of Consciousness der Literatur auf den Film überträgt, fließend wechselt.

Ein bahnbrechendes Meisterwerk war «Hiroshima, mon amour» zu seiner Entstehungszeit. Mag dessen Erzähltechnik inzwischen auch vielfach verwendet werden, so besticht dieser Film doch immer noch durch die Klarheit und Konsequenz der verwendeten filmischen Mittel sowie seine Komplexität und nicht zuletzt durch die brillante Qualität der Schwarzweißbilder, die der digitalen Restaurierung zu verdanken ist.

An Sprachversionen verfügt die bei Concorde erschienene DVD über die französische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie über die deutsche Synchronfassung. Die Extras beschränken sich auf Trailer zu weiteren Filmen dieses Labels.

Trailer zu «Hiroshima, mon amour»

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