Der Experte

03.09.2018 Kurt Bracharz

Vor vielen Jahren, als ich ein junger Lehrer war, hielt ein sogenannter Suchtgiftexperte in unserer Schule in Dornbirn einen Vortrag, in dem er sich unter anderem über jene Spinner lustig machte, die in Vorarlberg Hanf anbauten im Glauben, diese Pflanzen würden in unserem Klima genug THC produzieren, um als «Gras» konsumiert werden zu können. Ich kiffte nicht, weil ich Nichtraucher war, aber ich kannte damals eine Menge Gleichaltriger und Jüngerer vom Handwerker über Studenten bis zu Selbstständigen, die es taten. Einige bauten in geschützten Südlagen oder auf Balkonen selbst an, und ihre Pflanzen waren durchaus potent. Deshalb dachte ich mir, na ja, dieser Psychiater ist ein typischer «Experte», eine Bezeichnung, die nicht erst heute von den Medien vergeben wird, um ihre Interviewpartner aufzuwerten. Wenn etwa ein Auslandskorrespondent aus Kairo oder Tunis berichtet, muss er ein «Nahostexperte» sein, egal wie lange er dort war und wie viel Ahnung er wirklich hat. Noch schlimmer ist es vermutlich mit Terrorismusexperten, Ernährungsexperten und Islamexperten.


Dem «Hanfanbau-in-Vorarlberg»-Experten begegnete ich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder in den Medien, weil er als Gerichtspsychiater einige der bekanntesten österreichischen Kriminellen begutachtete. Außerdem publizierte er Bücher, in denen er die Kränkung zur Wurzel fast allen Übels erklärte (wobei die Frage ist, warum manche ihre Kränkungen nicht wegstecken können, wie es die Mehrheit tut, denn gekränkt wird irgendwann doch jeder) oder den früher wenig beachteten Narzissmus als ein umfassendes Phänomen begriff.

Jetzt ist in der Wirtschaftskammer-Zeitschrift «thema vorarlberg. Standpunkte für Wirtschaft und Gesellschaft» ein Interview von Gerald Matt mit Professor Reinhard Haller abgedruckt, in dem etwas besonders deutlich ausgesprochen wird, was einem schon früher aufgefallen ist, als man den Eindruck hatte, Haller hätte sich in den Widerling Jack Unterweger und den mörderischen Narren Franz Fuchs geradezu verliebt, so schwärmte er von ihnen. Der Lobgesang auf Unterweger ist zwar diesmal in der Frage von Matt untergebracht («vom charmanten schillernden Frauenmörder und Autor Unterweger»), aber Haller selbst nennt Fuchs einmal mehr «ein gekränktes Genie, welcher [sic!] das Zeug zum Harvard-Professor und Nobelpreisträger gehabt hätte». Ja, vielleicht für den Friedensnobelpreis, den auch schon Mörder bekommen haben. Über alle vier großen Kriminalfälle, in denen er Gutachter war, also Unterweger, Fuchs, Gross und Fritzl (die nicht vergleichbar sind, was hatte der NS-Arzt Gross mit Unterweger oder Fritzl gemeinsam?), sagt Haller in diesem Gespräch: «Das Gemeinsame an den großen Verbrechen ist das Überschreiten von Grenzen. Sie begeben sich in Welten, von denen wir uns nicht einmal vorstellen können, dass es sie gibt. Bei großen Verbrechen werden nicht nur Gesetze gebrochen, sondern es werden moralische Hemmschwellen übersprungen, welche bei normalen Menschen nie berührt werden.»

Das ist eine bemerkenswert romantische Vorstellung vom «großen» Verbrechen, wie man sie historisch zum Beispiel bei den Surrealisten finden kann (Stichwort: Violette Nozière) und wie sie in Filmen wie «Das Schweigen der Lämmer» propagiert wird, aber in der Realität überschreiten Kriminelle keineswegs aktiv eine Grenze in eine andere Welt, sondern zeigen mentale Defizite nicht nur im Empathie-Bereich. Man kann das gut am Fall Ed Kemper sehen, dem wohl bestuntersuchten Serienmörder überhaupt. Der über zwei Meter große und 155 Kilogramm schwere Mann mit dem Intelligenzquotienten 145, der wegen achtfachen Mordes verurteilt wurde, hat Profilern gerne, ausführlich und wohl auch wahrheitsgemäß (im Gegensatz zu vielen anderen redseligen Mördern) Auskunft über seine Taten und seine Gedanken dazu gegeben. Sein vorletzter Mord war jener, mit dem er die Grenzen am weitesten überschritt: Er tötete seine Mutter, trennte ihr den Kopf ab und penetrierte den Leichnam. Den herausgeschnittenen Kehlkopf versuchte er im Klo hinunterzuspülen, was misslang. Diesen Versuch kommentierte er mit den Worten: «Dies erschien mir angemessen, nachdem sie mich so viele Jahre angemeckert, angeschrien und angebrüllt hatte.» Vorher hatte er den Kopf eines seiner Opfer unter dem Schlafzimmerfenster seiner Mutter so vergraben, dass er zum Fenster hinaufsah, denn seine Mutter habe doch immer gewollt, dass Menschen zu ihr aufsähen. Mir scheint, an Kemper (aber auch an Gein, Tschikatilow, Bundy und anderen) kann man sehen, dass diesen Tätern etwas fehlt, dass ihr Erleben nicht vollständig ist und sie deshalb bizarre Dinge tun können, die dem Durchschnittsmenschen unvorstellbar sind. Das gilt mutatis mutandis auch für den weitaus «normaler» wirkenden Serienmörder Unterweger, aber Gross, Fuchs und Fritzl waren jeweils anders motiviert.

Ja, zugegeben, ich bin kein Experte. Das ist der Vorteil dieser Kolumne.


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