Poem & Poet

02.09.2018 Haimo L. Handl
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Ich schätze Gedenktage. Sie geben mir eine Gelegenheit mehr mich entweder zu erinnern oder entferntes Bekanntes wieder heranzuholen oder Neues zu entdecken. Historische Anlässe, aber vor allem Geburts- oder Todestage von Persönlichkeiten. So auch jetzt, als ich aufgrund des fünften Todestages des irischen Poeten Seamus Heaney aus meiner Bibliothek einige Bücher von ihm holte: Poems und Essays. Die Lektüre als Auffrischung. Aber nicht nur. Denn jedes neues Lesen eröffnet neue Sichten, Aspekte, Höhen und Tiefen. Nicht immer, jedoch meist. Vor allem im Alter, da das Gedächtnis prall gefüllt ist mit Wissen und Erfahrungsgehalten, Eindrücken und Bildern, sind Weckungen Bereicherungen, glitzern wie Edelsteine auf, obwohl sie oft nur Kiesel am inneren Erinnerungswege sind.


Ich las nicht nur, sondern hörte und sah auch. Ich habe einige Interviews gespeichert aus dem Radio, ebenso von Fernsehstationen. Ich folge begeistert der ruhigen Stimme des Poeten, bin von seiner heiteren Gelassenheit angetan, freu mich über die gescheiten Fragen des Interviewers oder der Interviewerin, versuche Unterschiede zwischen einem frühen Gespräch, gleich nach der Nobelpreisverleihung (1995) und fünf bzw. 10 Jahre später auszumachen, schlag hie und da ein Wort nach, dessen Bedeutung ich mir nicht ganz sicher bin, weil ich mich auf die Kombinatorik aus dem Kontext doch nicht verlasse, bin schier elektrisiert über Heaneys Antworten, deren Kerninhalt ich aus Texten kenne, hier aber souverän, fast beiläufig, persönlich, vorgetragen höre, aber in Weise, die kein Vortrag ist, obwohl der Poet als Professor und Lehrer zu dozieren verstand.

Ich kenne keinen zeitgenössischen Dichter in deutscher Sprache, der ihm gleichkommt. Wer mich als erstes einfällt, ist Joseph Brodsky, mit dem Heaney befreundet war, und von dem er sehr positiv sprach, oder der Schwede Tomas Tranströmer, beide ebenfalls Nobelpreisträger. Das Werk von Heaney ist umfangreich, das von Brodsky etwas geringer und das von Tranströmer mit einem Umfang von insgesamt ca. 500 Seiten am geringsten. Aber offensichtlich wiegt nicht die Quantität, sondern die Qualität. Die ist bei allen drei gegeben. (Heaney schätze auch das Werk von Ted Hughes, Patrick Kavanagh und Robert Frost, um nur einige zu nennen.)

Natürlich verstand Heaney sein Handwerk. Er äußerte sich auch explizit dazu bzw. die Virtuosität und Technik ist jenes, was er lehrte. Aber das war, wie bei jedem gehaltvollen Dichter dieser Art, eben auch bei Brodsky oder Tranströmer, nur ein Teil. Das Wesentliche war eine psychisch-mentale Disposition, die ihm ermöglichte, Realität in vielerlei Realitätspartikeln aufzuspüren, zu erfassen, ins Blickfeld zu bekommen, sozusagen «abzutasten» und wörtlich, in Worten, also in seiner Sprache, wiederzugeben. Die Meisterschaft bestand im Vermögen, innere Ansammlungen, Verdichtungen, so zur Sprache zu bringen, dass Leser, wenn sie denn lesekundig sind, etwas von diesen Erfahrungen und diesem Wissen mitbekommen. Nie ging es ums Kalkül, um bloße Konstruktion, nie um Gefälligkeit.

Diese Haltung ist heute selten. Sie entspricht nicht dem Zeitgeist (oder dem Ungeist, der sich als Zeitgeist kaschiert). Sie gemahnt eher an frühere Dichter, von denen die Jungen heute behaupten, dass sie obsolet seien, für uns moderne, geplagte, unbeheimatete Nervöse nicht zeitgemäß. Zu wenig direkter Gebrauchswert. Den lieferte Erich Fried, der engagierte Gutmensch als Dichter. Technische Virtuosität lieferten die Konkreten Poeten, bei uns war vor allem Ernst Jandl, in Deutschland Oskar Pastior, früher Franz Mohn, oder der ins Gerede gekommene Eugen Gomringer (nicht wegen vermeintlicher Qualität seiner Texte, sondern wegen eines gesellschaftlichen Vorfalls). Von den Plebejern der Poetry Slam-Fraktion will ich gar nicht reden; diese Bewegung ist ein dümmlicher Zirkus von sich überschätzenden Schwätzern, Agenten der peinlichen Selbstdarstellung bzw. Experten im Aufmerksamkeitsmanagement. (Ich formuliere politisch nicht korrekt: es muss kultürlich heißen: Schwätzerinnen, Agentinnen und Expertinnen, denn die Mehrheit der Schwachen und Peinlichen dieser Szene sind weiblichen Geschlechts.) Das ist meilenweit weg von dem, was Heaney & Co. waren, darstellten und vermittelten.

Ich wünschte, wir hätten Poeten wie Seamus Heaney. Die in die Tiefe gelangen, aber dort nicht absacken. Die nicht in modischen Engagements sich verausgaben, sondern die Werte der Poesie in der Sprache sehen – und hören. Die politisch wach sind, aber keine ideologischen Propagandisten. Klar, er fand nicht nur Belobiger, sondern auch Kritiker. Den einen war er zu wenig politisch eindeutig, für andere war seine Zwitterposition kein Problem; die amerikanische professorale Literaturkritikerin Helen Vendler nannte ihn «a poet of the in-between». Der in Boston lebende und lehrende Shaun O’Connell meinte, man könne ja Heaney schätzen, aber, warnte er, «though they may be missing much of the undercutting complexities of his poetry, the backwash of ironies which make him as bleak as he is bright.»

Mich interessieren die Fragen nach Rangreihe (Ranking) überhaupt nicht und Kritikerstimmen nur am Rande. Ich höre den Poeten, ich lese seine Poems und Essays – und ich bin begeistert. Obwohl er sich mit der Alltagswelt abgibt, auf Kindheitserinnerungen zurückgreift, Kleinigkeiten fokussiert, liefert er eine substanzreiche, lebendige Sprache, die mich verführt, die verschiedenen Lagen, wie Tapeten an einer Wand, abzuziehen, um für mich neue, eigentlich alte, darunter liegende Bedeutungskerne oder –muster zu entdecken, die Sprachfärbungen nachwirken zu lassen, den Wortklang anstimmen und verebben lassen.

Oft erscheint seine Sprache «normal», «regulär», aber in der Art der Reihung, des von ihm hergestellten Textkörpers verwandelt sich die Alltäglichkeit in eine Besonderheit. Zu Heaneys «The Redress of Poetry: Oxford Lectures» schrieb James Longenbach in THE NATION vom 4.12.1995 unter dem Titel «No Choice But Two Minds»:

«Heaney wants to think of poetry not only as something that intervenes in the world, redressing or correcting imbalances, but also as something that must be redressed—re-established, celebrated as itself. The criticism poets wrlte is most often interesting because of their own poetry, but Heaney’s criticism would be read even if it were unbolstered by a contiguous poetic achievement.»

Man könnte diesen Standpunkt fast religiös nennen. Ähnlich dem Vers von Friedrich Hölderlin (aus «Andenken»): «Was bleibt aber, stiften die Dichter». Seamus Heaney stiftete, schuf, gab weiter. Sein Werk beweist, dass in der Lyrik ein anderer Zeitbegriff herrscht, ein anderes Denken, eine eigene Sprache. Hier ein paar Strophen aus «Digging»:

Digging

Between my finger and my thumb
The squat pen rests; snug as a gun.

Under my window, a clean rasping sound
When the spade sinks into gravelly ground:
My father, digging. I look down

Till his straining rump among the flowerbeds
Bends low, comes up twenty years away
Stooping in rhythm through potato drills
Where he was digging.

The coarse boot nestled on the lug, the shaft
Against the inside knee was levered firmly.
He rooted out tall tops, buried the bright edge deep
To scatter new potatoes that we picked,
Loving their cool hardness in our hands.
...

Zum Vergleich das letzte Gedicht Heaneys, das in der Irish gallery’s anthology erschien und welches THE GUARDIAN am 3.10.2014 publizierte:

A poem Seamus Heaney finished 10 days before he died sees the Nobel laureate exploring the quiet beauty of a canal painted by the French artist Gustave Caillebotte, where time is slowed «to a walking pace», and «world stands still».

Banks of a Canal

by Seamus Heaney
Gustave Caillebotte, c.1872

Say ‘canal’ and there’s that final vowel
Towing silence with it, slowing time
To a walking pace, a path, a whitewashed gleam
Of dwellings at the skyline. World stands still.
The stunted concrete mocks the classical.
Water says, ‘My place here is in dream,
In quiet good standing. Like a sleeping stream,
Come rain or sullen shine I’m peaceable.’
Stretched to the horizon, placid ploughland,
The sky not truly bright or overcast:
I know that clay, the damp and dirt of it,
The coolth along the bank, the grassy zest
Of verges, the path not narrow but still straight
Where soul could mind itself or stray beyond.

In ihrem Nachruf auf Heaney schrieb Margaret Spillane in THE NATION (Sept.4, 2013) «Remembering Seamus Heaney – The contrarian poet refused to toe any party line:

Heaney was mindful of the idea that even a great artist’s work takes place on ground where others have camped before, and labored before, most likely in silence and under stricture. He acknowledged »that embarrassment…which the poet may find as he exercises his free gift in the presence of the unfree and the hurt.« Any compromise of this gift would have betrayed not just himself, but all who had tasted freedom only in their dreams. So he made a career of committing that most sacred act of insubordination: he spoke in his own voice. »The achievement of a poem, after all, is an experience of release,« Heaney said. »The tongue, governed for so long in the social sphere by considerations of tact and fidelity, by nice obeisances to one’s origin within the minority or the majority, this tongue is suddenly ungoverned."

Ich stelle die Bücher zurück ins Regal, lehne mich zurück und sinniere. Seamus Heaney war hier oder ich dort. Gleichwie. Seine Worte wirken nach. Sein Geist lebt. Schön so.

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