Boxcar Bertha - Die Faust der Rebellen

11.10.2018 Walter Gasperi

Eine Liebesgeschichte und extreme Gewalt prallen in Martin Scorseses 1972 gedrehtem zweiten Spielfilm aufeinander. Das uneinheitliche aber schillernde Railroad-Movie, das während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre spielt, ist bei Koch Media auf DVD und Blu-ray erschienen.


Fünf Jahre musste Martin Scorsese nach seinem Debüt «Who’s that knocking at my door?» (1967) warten, bis er wieder Regie führen konnte. In Hollywood engagierte ihn Roger Corman, um nach dem erfolgreichen «Bloody Mama» mit der Verfilmung des 1937 von dem anarchistischen Arzt und Schriftsteller Ben Lewis Reitman veröffentlichte Buchs «Sister of the Road. The Autobiography of Boxcar Bertha» einen weiteren Film über einen weiblichen Gangster zu drehen.

Nicht wie die meisten Filme Scorseses in New York, sondern im ländlichen Arkansas spielt dieses in der Zeit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre angesiedelte Railroad-Movie. Die Farbe der Pre-Title-Sequenz geht beim Vorspann in Schwarzweiß über und in einer dynamischen Montagesequenz wird ein Bild dieser von Arbeitslosigkeit und Not geprägten Zeit beschworen.

Ist der Vorspann vorüber setzt wieder Farbe ein und die 16-jährige Bertha Thompson (Barbara Hershey), die nach dem Tod ihres Vaters in einem Güterzug ihr Elternhaus verlassen hat, trifft auf den Eisenbahngewerkschafter Big Bill Shelly (David Carradine). Dieser verführt sie in einem Güterwaggon – einem «boxcar» -, haut dann aber heimlich ab.

Bald kreuzen sich aber ihre Wege wieder und gemeinsam mit einem Afroamerikaner und einem Spieler ziehen sie mit Güterzügen durchs Land, doch der Polizei und dem Bahnchef ist speziell der Gewerkschafter ein Dorn im Auge. Während die drei Männer verhaftet werden, kann Bertha entkommen und sie bald wieder aus der Zwangsarbeit befreien. Zunehmend gleiten sie nun in die Kriminalität ab und beginnen Züge zu überfallen, werden aber auch vom Bahnchef und der Polizei gejagt.

An Arthur Penns «Bonnie & Clyde» erinnert die Geschichte vom Gaunerpärchen während der Depressionszeit, schärfer ausgeprägt ist aber die Sozialkritik. Denn da erzählt Scorsese mit breitem Strich von der sozialen Kluft zwischen Reich und Arm, prangert den Rassismus ebenso an wie die Jagd auf Kommunisten und die Polizeigewalt.

Ruhige Momente, in dem das Liebesglück Berthas und Big Bills möglich scheint, werden so immer wieder abrupt von brutaler Gewalt unterbrochen. Wie Sam Peckinpah zeigt Scorsese dabei drastisch die Folgen von Gewehrschüssen und steigert diese Gewalt noch im Finale mit einer Kreuzigungsszene und einer sich daran anschließenden Abrechnung mit den Tätern.

Kein runder Film ist das, sondern ein roher, uneinheitlicher, deftiger und immer wieder greller. Sprunghaft folgen Szenen aufeinander und abrupt wechselt die Tonlage. Aber gerade durch diese Rauheit fasziniert dieser kraftvolle Zweitling auch, der mit der Gewalt der Gesellschaft, die das Individuum infiziert und gewalttätig werden lässt, schon auf die späteren Meisterwerke Scorseses wie «Taxi Driver», «Raging Bull» oder «Casino» vorausweist.

An Sprachversionen verfügen die bei Koch Media erschienene DVD und Blu-ray über die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie über englische Untertitel. Die Extras beschränken sich auf den englischen Trailer, eine Bildergalerie sowie ein sehr kurzes Interview mit Martin Scorsese.

Trailer zu «Boxcar Bertha - Die Faust der Rebellen»

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