Der Blutwurstl wird 80

27.08.2018 Kurt Bracharz

Es muss in den 90er Jahren gewesen sein, da war ich mit einem Freund in Niederösterreich unterwegs, auf der Rückfahrt von einem Besuch in einem Weinort oder sonst einem Ausflugsziel, als er sagte, da drüben sei übrigens Prinzendorf. Was, das Nitsch-Prinzendorf? fragte ich, und als er bejahte, schlug ich vor, doch bei Hermann Nitschs stets als Schloss bezeichnetem Gutshof vorbeizusehen.


Wir fanden ihn problemlos, gingen hinein, alles war offen und kein Mensch zu sehen, aber in einem Saal im 1. Stock des Gebäudes (kann auch Parterre gewesen sein, so gut ist mein Gedächtnis nicht mehr) machte die Szenerie einen märchenhaften Eindruck: Da war ein riesiges Buffet angerichtet, zwar nur mit deftigen Speisen wie Blunzen und Schweinsbraten, aber in der Überfülle echt beeindruckend. Das Märchenhafte war dabei, dass wir immer noch allein waren – im Märchenschloss stößt der ungebetene Gast auf die Spuren des unheimlichen Schlossherrn, bevor er ihm selbst begegnet.

Nun, ich probierte ein Stückchen von der aufgeschnittenen Schwarzwurst, fand sie sehr gut, und dann gingen wir wieder, weil sich immer noch niemand hatte sehen lassen. Ich nehme an, dieses Buffet war für eine Abendveranstaltung ein paar Stunden später angerichtet, es vermittelte aber – in diesem Falle eher ungewollt – einen Eindruck von jener Sinneslust, die Nitsch immer hervorrufen wollte.

Ich war nie ein Freund von Nitschs Aktionen gewesen. Eine Zeitlang witzelte ich, wenn man auf das Thema kam, Nitsch erscheine mir als ein Fall für den Konsumentenschutz, er verspreche Orgien und Mysterien und liefere beides nicht. Es mag sein, dass mich Nitschs Ausweidung toter Tiere (er hat nie selbst geschlachtet) schon allein deshalb nicht beeindruckte, weil ich als Kind auf dem Weg zum Bregenzer Strandbad oft am Schlachthaus vorbeigekommen war, wo gelegentlich Stiere direkt am Tor, also beinahe im Freien geöffnet und zerlegt wurden (vermutlich wegen der Lichtverhältnisse, die drinnen vielleicht nicht die besten waren). Das Herausflutschen der farbigen Gedärme aus einem aufgeschlitzten großen toten Tier ist durchaus beeindruckend, ganz ohne Nietzsche und Bataille. Wer das ganz profane Schlachten von Nutzvieh im hellen Tageslicht aus der Nähe gesehen hat (Kinder wurden nur halbherzig weggejagt, wenn sie stehen blieben und staunten), ist immun gegen das Brimborium des Orgien-und-Mysterien-Theaters eines nicht sonderlich intellektuell wirkenden dicken Wieners, der die Naturreinheit seines Schüttweins betonte, um die sich Dionysos nicht gekümmert hätte.

Das Interessanteste am Phänomen Nitsch war für mich, dass man kein kritisches Wort über ihn äußern konnte (und vielleicht immer noch kann), ohne sofort in die Nähe des Porno-Humer oder gleich der Völkischen gerückt zu werden. Man konnte anscheinend nur für oder gegen ihn sein, aber da blieb ich dann doch lieber dagegen, auch wenn man mich daraufhin im falschen Lager wähnte.
Das © für «Blutwurstl» liegt, glaube ich, bei Christian Zillner.


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