Mittelstelle Deutsche Tracht

20.08.2018 Kurt Bracharz

Die Nazis glaubten, in den Volkstrachten «rassische gebundene Elemente» finden zu können, «Wurzelechtes», das sich allen Überfremdungen zum Trotz über Jahrzehnte gehalten habe. Die Tirolerin Gertrud Pesendorfer schrieb 1938 in ihrem Buch «Neue Deutsche Bauerntracht Tirol»: «Trotz lebendiger Mannigfaltigkeit und trotz der Besonderheiten einzelner Gegenden, ja jedes Ortes, ist den Trachten in allen Stammesgebieten etwas Gemeinsames eigen, eine unnennbare Grundhaltung, die sie als eines der kostbarsten deutschen Volksgüter erscheinen lässt.»


Die 1895 in Hall geborene Pesendorfer hatte sich schon 1927 als Sekretärin im Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck sehr für Trachten interessiert, wurde 1933 entlassen (vielleicht, weil ihr Mann SA-Mitglied und Gauredner war), trat 1938 der NSDAP bei und wurde kommissarische Leiterin des Volkskunstmuseums, nachdem die zwei vorangegangenen Direktoren knapp hintereinander wegen ihrer Weigerung, die große Krippensammlung aus dem Museum zu entfernen, entlassen worden waren. Pesendorfer gab die Krippen weg und konzentrierte sich auf ihr Lieblingsthema Tracht, was zu ihrem nächsten Karriereschritt führte. Zwecks Erneuerung der Tracht im nationalsozialistischen Sinne wurde in Innsbruck als Teilorganisation der NS-Frauenschaft die «Mittelstelle Deutsche Tracht» eingerichtet, als deren Leiterin Pesendorfer die «Reichsbeauftragte für Trachtenarbeit» war. Innsbruck wurde als Standort gewählt, weil die Nazis glaubten, in der Ostmark hätten sich die Trachten rein erhalten oder seien zumindest besonders gut erneuert worden.

Pesendorfer machte sich nun mit Feuereifer an das Projekt der sogenannten Trachtenerneuerung, wobei es den Nazis vor allem um die Schaffung einer Arbeitstracht ging. Die echten alten Trachten waren hochgeschlossen, weil sie am Sonntag getragen wurden, wo man keine Haut zeigen durfte. So waren die Arme immer bedeckt. Pesendorfer erklärte, die Tracht vom kirchlichen Einfluss befreien zu wollen und führte Taille und Dekolleté ein. Sie erfand Trachten, die es zuvor nicht gegeben hatte, zum Beispiel in ihrer Funktion als Trachtenforscherin für das «SS-Ahnenerbe» in Südtirol die Vinschger Tracht. Wer wissen will, wie Pesendorfers Trachten aussahen, muss sich nur heute in Tirol bei einer beliebigen Volksmusikveranstaltung die Weiberleut ansehen.

Pesendorfers beste Zeit kam übrigens erst nach 1945. Im Auftrag der Tiroler Landwirtschaftskammer hielt sie ab 1952 Trachtennähkurse ab, begann mit der Ausbildung von Lehrkräften, gab gut besuchte Kurse nördlich und südlich des Brenners, wurde die bekannteste Beraterin in Trachtenangelegenheiten weit über Tirol hinaus und veröffentlichte 1965 das Buch «Lebende Tracht in Tirol», das die «Pesendorfer Schule» des Trachtendesigns begründete.

Wie ich auf dieses Thema komme? Nun, ich habe vor kurzem zwei bemerkenswerte TV-Sendungen gesehen. Die eine war der Film «Swiss Miss» (1938) mit Stan Laurel und Oliver Hardy, der auch unter den Titeln «Dick und Doof als Salontiroler», «Die lustigen Tiroler», «Dick und Doof im Berner Oberland» und «Schweizermädel» gezeigt worden ist. Wie die Titelvariationen schon zeigen, spielt er in einer von «Tirolern» bevölkerten «Schweiz» aus Versatzstücken vom Jugendstil-Grandhotel über Käsemacher und Bernhardiner bis zur österreichischen Operettentradition inklusive Zigeunergeigern – und alle Statisten tragen Tracht. Die andere Sendung war ein Bericht über eine Promi-Hochzeit in der Steiermark, bei welcher der dunkle Anzug eines russischen Gastes angenehm abstach von den Pesendorfer-Dirndln und Pseudo-Krachledernen einzelner völkischer Teilnehmer der österreichischen Hochzeitsgesellschaft. It’s a fake, stupid!


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