Die Sprachpolizei

19.08.2018 Haimo L. Handl
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Die Wochenzeitschrift THE NATION, das älteste ohne Unterbrechung erscheinende Weekly der USA (gegründet 1865), hat sich einen vielbeachteten Namen als linksliberales, emanzipatorisches Organ erworben, das immer unerschrocken für die Presse- und Meinungsfreiheit eintrat und worin berühmte Autoren publizierten. Jetzt gibt dieses Blatt klein bei dem shit storm und den rüpelhaften Aufstößen in den social media einer ideologisch fragwürdigen Horde von Ultrakonservativen einerseits, von PCs, politisch Korrekten, PoCs, Persons of Color, wie man die Schwarzen jetzt nennt, und Vertreterinnen der gender force oder gender police, und übt sich in einem Kotau, der äußerst peinlich ist und ein horribles Bild vom Wertverlust und Niedergang offener Kultur in diesem Land belegt. THE NATION knickte ein, streckte die Waffen und winselte in einer Selbstkritik, die unwürdig ist. Der Mob hatte wieder einmal gesiegt.


Am 5. Juli veröffentlichte die beiden verantwortlichen poetry editors des Blattes, Stepanie Burt, Professorin in Harvard, und Carmen Giménez Smith, Virginia Tech, ein Poem von Anders Carlson-Wee, dessen Geburtsdatum auch auf seiner Homepage nicht zu finden ist, weil er es, kokett wie ein unreifes Mädchen vom Lande, versteckt, einem in Minnesota geborenen Weißen, der in verschiedenen namhaften Journalen und Magazinen schon veröffentlicht hat und von dem nächstens sein erstes Buch erscheinen soll. Die Fotos, die ihn als den typischen Jungen aus dem Mittelwesten zeigen, deuten auf einen eher jüngeren Jahrgang.

Das Poem «How-To» ist in einer Anlehnung, wenn nicht Übernahme der typischen schwarzen Sprache, des Black English, des AAVE, African-American Vernacular English, geschrieben. Ohne hier über seine poetische Qualität urteilen zu wollen oder zu müssen, löste weniger die poetische Qualität, sondern primär die offensichtlich unlautere Übernahme oder Inbesitznahme einen Sturm der Entrüstung aus. Es handelte sich um den Tatbestand der cultural appropriation, der Übernahme von Elementen einer Minderheitskultur durch einen Angehörigen der Mehrheitskultur. Für politisch Korrekte stellt dies eine postkolonialistische Ausbeutung dar, die verboten gehört bzw. sozial geächtet werden soll. Die Ächtung erstarkt über die social media und greift munter um sich.

How-To

If you got hiv, say aids. If you a girl,
say you’re pregnant––nobody gonna lower
themselves to listen for the kick. People
passing fast. Splay your legs, cock a knee
funny. It’s the littlest shames they’re likely
to comprehend. Don’t say homeless, they know
you is. What they don’t know is what opens
a wallet, what stops em from counting
what they drop. If you’re young say younger.
Old say older. If you’re crippled don’t
flaunt it. Let em think they’re good enough
Christians to notice. Don’t say you pray,
say you sin. It’s about who they believe
they is. You hardly even there.

Nach dem Proteststurm gaben die beiden Redakteurinnen klein bei und entschuldigten sich. Die fadenscheinigen Argumente, der Stil des Kotaus, sind es wert zitiert zu werden. Das Poem wurde zwar nicht entfernt, aber «The editor‘s note» wurde nachträglich vorangestellt:

As poetry editors, we hold ourselves responsible for the ways in which the work we select is received. We made a serious mistake by choosing to publish the poem «How-To.» We are sorry for the pain we have caused to the many communities affected by this poem. We recognize that we must now earn your trust back. Some of our readers have asked what we were thinking. When we read the poem we took it as a profane, over-the-top attack on the ways in which members of many groups are asked, or required, to perform the work of marginalization. We can no longer read the poem in that way.
We are currently revising our process for solicited and unsolicited submissions. But more importantly,  we are listening, and we are working. We are grateful for the insightful critiques we have heard, but we know that the onus of change is on us, and we take that responsibility seriously. In the end, this decision means that we need to step back and look at not only our editing process, but at ourselves as editors.

Zuerst gehen sie auf die Sprache des Gedichts ein, die plötzlich unannehmbar scheint, weil «herablassend» (disparaging) und «discriminierend» (ableist) sei. [Im Urban Dictionary heißt es zu diesem Terminus: 1/ A person or People who discriminate or social prejudice against people with disabilities. It can also be someone who judges or makes fun of someone with a disability or handicap. 2/ A term used by people who are bitterly angry that other people are able to do shit. 3/ Someone, who like the Misogynist, hates people with physical appearances but yet denies it. A misogynist is against both the feminists and the feminazis. However, the ableist has the illogical mindset that involves all people with disabilities as mental retards, contends that they be fixed, and believes they get infected with being a retard if they come in contact with them.]

Dieses Gedicht verletzt also schon durch seine Sprache, die ein Vergehen oder einen Straftatbestand erfüllt. Dann bereuen die Redakteurinnen ihren schweren Fehler und beteuern ihr Bedauern über die Schmerzen, die sie so vielen damit bereitet haben. Sie werden die Prozeduren der Auswahl und Bewertung ändern. Und, ganz wichtig, sie hören (hören als Vorstufe des Gehorchen) und sind am Arbeiten. Sie sind dankbar für die inhaltsvollen Kritiken, und sie nehmen ihre Verantwortung sehr ernst. Sie triefen direkt vor Sozialverantwortung – und man ist dankbar, dass es nicht aus dem Monitor tropft...

Als ich das las, war ich perplex. Bis anhin kannte ich solchen Ton aus den unseligen Tagen der Sowjetzeit oder der paranoiden DDR, wo Angeklagte sich einer rückhaltlosen Selbstkritik unterzogen und öffentlich abschworen, sich duckten und beugten und Besserung versprachen, alles in einem unwürdigen winselnden Ton, geängstigt nachgebend, bettelnd. Doch in den USA forderte kein Gericht, keine Parteiführung, kein Führer, kein Zentralkomitee den Kotau. Die braven Professorinnen übten sich in, was in Österreich «vorauseilender Gehorsam» genannt wird, einer Ducker-Eigenschaft von Untertanen, in völligem Widerspruch zur amerikanischen Kultur. So meinte ich zumindest. Aber das Regime der politisch Korrekten, der unduldsamen Minderheitenvertreterinnen scheint so stark geworden zu sein, dass alte, positive Traditionen ausgehebelt wurden und werden und Vertreterinnen eines bis anhin linksliberalen Blattes kuschen. Es zeigt zudem, dass Bildung und Sozialstand (beide sind Professorinnen) keine Garantie für Rückgrat, aufrechten Gang oder Courage sind. Die Duckmäuserinnen, die elenden Angepassten, haben sich überall festgefressen und winseln und heulen. Scum.

Eine Kolumnistin der NATION, Katha Pollitt, veröffentlichte über Twitter ihre Verwunderung über diese Vorgangsweise: «»I can’t believe @thenation’s poetry editors published that craven apology for a poem they thought was good enough to publish,« ... it »looks like a letter from re-education camp.«

Frau Pollitt hat immerhin die Courage das Kind beim Namen zu nennen und verwundert den Vergleich mit dem Umerziehungslager zu stellen. Der Poet mit den schönen Fotos im Netz entschuldigte sich ebenfalls pflichtbewusst »Treading anywhere close to blackface is horrifying to me, and I am profoundly regretful«. O je. Er will ja Karriere machen. Er will positiv auffallen, verkaufen und gepriesen werden. Er will kein »Fall« werden. Der Arme.

Am 6. August, einen Monat nach dem Anlassfall, äußerte sich in der New York Times Grace Schulman (geboren 1935). Sie war von 1971 bis 2006 poetry editor bei THE NATION, und ist selbst eine anerkannte, vielfach gepriesene Lyrikerin, die enorm viele Preise und Auszeichnungen erhalten hat. Sie vertritt den alten Geist, wie man ihn kannte und heute vermissen muss. Sie kritisierte vehement diese feige Reaktion der beiden Redakteurinnen und bedauert das Ende der offenen, emanzipatorischen Tradition; sie leitet ihren Artikel ein mit einer Reminiszenz:

During the 35 years that I edited poetry for The Nation magazine, we published the likes of W.S. Merwin, Pablo Neruda, May Swenson, Denise Levertov, James Merrill and Derek Walcott. They wrote on subjects as varied as lesbian passion and nuclear threats. Some poems, and some critical views, enraged our readers and drove them to drop their subscriptions.
But never did we apologize for a poem we published. We saw it as part of our job to provoke our readers — a mission we took especially seriously in serving the magazine’s absolute devotion to a free press.
Apparently the magazine has abandoned this storied tradition.
I was deeply disturbed by this episode, which touches on a value that is precious to me and to a free society: the freedom to write and to publish views that may be offensive to some readers.
In my years at The Nation, I was inspired by the practical workings of a free press. We lived by Thomas Jefferson’s assertion that »error of opinion may be tolerated where reason is left free to combat it.«

How far we have come from those idealistic, courageous days.

Ja, wie weit ist es gekommen, wie tief ist die Kultur gesunken? Das frage ich mich auch und, wahrscheinlich, viele andere. Es geht nicht nur um sogenannte korrekte Sprache, um Minderheiten und ihren Schutz bzw. ihre Abgrenzungsbedürfnisse und besonderen Zuwendungen. Es geht auch nicht primär um den verabscheuungswürdigen Opferkult, der die westliche, feige, wertentleerte Kultur heute auszeichnet. Es geht auch um das Phänomen von Sprache und Deutungshoheit, von Literatur und Sprachbesitz, von Absonderung, Rache und Feindschaft.

Sprache ist ein Symbolsystem, das nur durch die Sprachgemeinschaft und deren Gebrauch funktioniert und lebt. Sie ist nie Besitz einer Person oder eines Kollektivs, auch wenn solche Ansprüche immer wieder erhoben worden waren. Manche, besonders Vertreter von Minderheiten sozialer oder ethnischer Provenienz, argumentieren, dass Sprache eine bestimmte Kultur mit ihren Werten, eine besondere Sicht vorgebe. Sie sehen die Sprache als Wertdeterminator, die Sprechende als Opfer und Vollzugsorgan. Als ob Sprache kein eigenes Denken und Sprechen erlaube.

In der Auseinandersetzung mit Carlson-Wee’s Poem war in Twitter zu lesen: »Don’t use AAVE. Don’t even try it« »Know your lane.« [Roxane Gay]. Deutliche Warnung. Versuchs nicht einmal. Klingt wie die Spießerweisheit »Schuster, bleib bei deinem Leisten.« In der Debatte kamen auch Minderheitenpoeten zu Wort, die alle im gleichen Tenor die Anmaßung der Appropriation verurteilten. Man fragt sich, wie diese intoleranten Engstirnigen, diese Anwälte der eigentlichen Wahrheit und besonderen Sprache sich verhielten, wenn den Persons of Color oder anderen Minderheiten der Zugang zur verrufenen »weißen« Bildung verwehrt würde, wie es lange geschah, wenn ihre Sprachsozialisation außerhalb ihres Dialekts behindert würde. Auch wenn diese Protest- und Trotzhaltung historisch gesehen verständlich ist, bleibt sie doch untauglich und, vor allem, unhaltbar, und zwar besonders sprachlich, bildnerisch, literarisch.

Auch wenn Nationen aus chauvinistischen Gründen gewisse Autoren und Autorinnen »reklamieren«, Deutungshoheit über ihre Werke beanspruchen, können sie die Freiheit, dass alte und zeitgenössische Werke jedem gehören, der sie liest, nicht aufheben. Sie können beeinflussen, beanspruchen, mehr nicht. Sie können Debatten beleben, auch wenn sie dümmlich sich mit sogenannten Nationalcharakteristika abgeben. Aber sie können dankenswerterweise keine volle Kontrolle ausüben. Cervantes und Don Quijote gehören nicht nur den Spaniern. Auch wenn ich die Spanier nicht mögen würde, sogar wenn ich sie verabscheute, würden sie mir »meinen" Don Quijote nicht nehmen können. Ich lese auch als Atheist theologische Traktate, wühle in Angelius Silesius, ich ergötze mich an Thoreau oder Twain, an Borges oder Steiner, entzünde mich an Dostojewski oder Heidegger, an Racine oder Paz. Was soll’s? Es braucht kein Führungszeugnis, keinen Leumundsausweis, um dies oder das zu lesen. Und wenn eine Sprache etwas entfernter ist, der Beowulf z.B. oder die Sonetten von Shakespeare, so helfen mir Wörterbücher. Ich weise jede offizielle Deutung, die vorgibt verbindlich zu sein, zurück. Ich wähle. Ungerecht, aber selbstsicher; es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt kein Spracheigentum.

Man muss sich die Anmaßung dieser Gutmenschen vorstellen: Eine Frau schreibt aus der Frauensicht. Sie hat alleine deshalb schon recht. Ein Mann darf nur aus seiner Sicht schreiben. Das gilt auch für Nationalitäten: Wechsle nie die Sicht, bleib immer drinnen im nationalen Schrebergarten, schau nie in hinaus über die Gartenzwergewelt. Das alles ist Humbug. Die ganze Welt steht offen, jede Sprache erlaubt jedes Denken. Nur die Schwachen, die sich im Leid suhlenden Opfer, versuchen aus ihrer Begrenztheit eine Tugend zu machen.

Würde dieser Dummheit konsequent gefolgt, hätten wir überhaupt keine Bildung, keine Entwicklung, keine Innovation. Diese falschen Selbstbeschränkungen der Behinderten und Niederen, der Opfer, ist rigide zu widersprechen.

Sprachen verändern sich. Sie wachsen und verarmen. Das Urteil hängt von Wertmaßstäben ab. Sind sie fundiert, kann man argumentieren. Sobald aber Ideologie (falsches Bewusstsein) diktiert, gibt es keine annehmbaren oder zu widersprechenden Argumente mehr, sondern nur noch Politik, Machtkampf.

Dahinter liegt auch das Verstehen, dass über Sprache Politik gemacht werden kann. Früher nannte man das Vorrang des Überbaus, der Ideen, vor der Materie. Das kann nicht gut gehen. Der verbrämte Idealismus mündet in einen Ungeistterror. Würden seine Vertreter ein bisschen nur die Geschichte kennen oder versuchen aus ihr zu lernen, ahnten sie vielleicht, wie untauglich Überbaumaßnahmen zur Veränderung der Basen, der konkreten Realitäten, sind.

Die Naturwissenschaften fügen sich nicht ideologischen Vorgaben. Das mussten die Nazis erfahren, die Bolschewiki und die Maoisten. Und viele andere. Im Kulturellen, besonders im Sprachlichen, scheint das eher möglich, zumindest nach Meinung der Kurzdenker und Schwärmer. Aber sie täuschen sich. Die unseligen Sprachpolitiken folgten den totalitären, diktatorischen Politiken. Sie waren Beiwerk und nie Voraussetzung für die Kollektivierung oder die totale Verwaltung. Ohne konkrete, echte Sanktionsgewalt wirkt das Wort nicht. Was wirkt, sind die Mächte hinter der Sprache, die Politik, die Tyrannei, der Terror, die ausweglose Lage, die Not, der Hunger.

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