Die Weisheit der Trottellumme

18.08.2018 Bernhard Sandbichler

... können wir zwar nicht löffelweise fressen, aber neuerdings auf drei Seiten erlesen. Zu verdanken ist dies der elegant plaudernden Prosa Florian Werners.


Achse 1: Diagnose
«Tiere geben uns - manchmal durch lautliche Äußerungen, meist durch ihr vorbildhaftes Handeln - Antworten auf die größten Fragen der Philosophie.»

Achse 2: Prognose
Beispiel gefällig? Die emsige Ameise. Sie macht, so fanden Forscher unlängst heraus, entgegen dem volkstümlichen Glauben von ihrer Umtriebigkeit die meiste Zeit - gar nichts, außer von ihrem Recht auf Faulheit (Paul Lafargue) Gebrauch. «Bestimmte Berufe dürfte es aufgrund der fortschreitenden Automatisierung in wenigen Jahren nicht mehr geben: Roboter werden stupide oder körperlich ruinöse Tätigkeiten erledigen. Und wir? Schauen ihnen dabei zu - und üben uns, dank eines existenzsichernden Grundeinkommens, im Nichtstun. Genau diese Arbeitsabstinenz ist es, welche die Ameisen uns vormachen.»

Achse 3: Entwicklung
Und weiter: «Ihre Passivität ist zukunftsweisend und entlarvt zugleich ein zentrales Ideologem der Moderne: dass der Sinn unsere Daseins, ja der Kern unserer Identität in unserem Beruf bestehe. Sich von dieser Vorstellung zu verabschieden, darin besteht eine der zentralen Aufgaben der kommenden Zeit.»

Achse 4: Intelligenz
Die Weisheit der Ameise rafft auf drei Seiten zusammen, was Richard David Precht mit seinem letzten Bestseller Jäger, Hirten, Kritiker auf ca. zehnmal soviel ausgewalzt hat. Tiere denken hieß Prechts Vorgänger, was Florian Werner, ein ausgewiesener Kenner, längst wusste. Seine einunddreißig tierphilosophischen Betrachtungen bringen Lebensweisheit mit stupender Belesenheit und gleichwohl charmanter Leichtigkeit an die/den Leser/in!

Achse 5+6+7: Körper+Psyche+Alltag
Wollte man all diese Weisheiten auflisten, hieße das weder Eulen nach Athen tragen noch Perlen vor die Säue werfen. Es ist vielmehr anzuempfehlen, sich dieses Buch selbst zu erlesen. Nur schnell zur Trottellumme: Ihre drei Wochen alten Nestlinge stürzen sich alljährlich im Juni von bis zu 40 Meter hohen Klippen ins Meer. Obwohl sie noch nicht fliegen können, begeben sie sich in die Luft; obwohl sie noch nicht schwimmen können, streben sie zum Wasser. Ein Sprung ins Ungewisse. Aber: "Gilt dieses Prinzip nicht für alle bedeutsamen Entscheidungsmomente unserer Existenz?

Florian Werner: Die Weisheit der Trottellumme. Was wir von Tieren lernen können. München: Blessing Verlag 2018, 200 Seiten, EUR 18,50

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