Don´t Worry, weglaufen geht nicht

21.08.2018 Walter Gasperi

Von Alkoholsucht und Querschnittlähmung zum erfolgreichen Karikaturisten. – Das könnte eine kitschige amerikanische Erlösungsgeschichte sein, doch Gus Van Sant gelingt dank des Verzichts auf eine lineare Erzählweise und eines großartigen Joaquin Phoenix in der Hauptrolle ein vielschichtiges, von reichlich schwarzem Humor durchzogenes und weitgehend unsentimentales, aber bewegendes Porträt des 2010 verstorbenen John Callahan.


Zwischen Experiment und Mainstream bewegt sich Gus Van Sant immer wieder, ließ auf «Finding Forrester» (2000) die innovativen «Gerry» (2002) «Elephant» (2003) und «Paranoid Park» (2007) folgen, um dann mit «Milk» (2008) und «Promised Land» (2012) wieder aufs Publikum zuzugehen. Sehr mainstreamig wirkt auch die Geschichte, die er in «Don´t Worry» erzählt, doch die Erzählweise und der Erzählton verleihen diesem Film doch Ecken und Kanten.

Wie bei «Milk» mit dem schwulen Politiker Harvey Milk, stellt Van Sant auch hier mit dem Karikaturisten John Callahan eine reale Figur ins Zentrum. Schon vor 20 Jahren trug Robin Williams, mit dem Van Sant «Good Will Hunting» gedreht hatte, die Idee der Verfilmung der 1989 erschienenen Autobiographie Callahans an den Regisseur heran. Viele Drehbuchversionen entstanden, doch kein Studio zeigte Interesse an der Realisierung, bis Amazon einstieg.

Mit einem gesellschaftlichen Außenseiter als Protagonisten ist dies ein ebenso typischer Van Sant-Film wie mit seinem empathischen Blick. Die Geschichte wird dabei aber weder linear erzählt noch wird das ganze Leben nachgezeichnet. Eine klare erzählerische Linie ist nicht wichtig, vielmehr geht es darum mit einer Fülle von kurzen Szenen ein vielschichtiges Porträt zu zeichnen.

Wie eine Klammer wirkt so ein Auftritt in einem Theater, in dem Callahan vor Publikum über seine Alkoholsucht spricht. Wie der Film damit beginnt, endet er auch damit und kehrt auch in der Mitte mehrfach dazu zurück. Doch auch eine Szene von einem Unfall Callahans mit seinem motorisierten Rollstuhl bricht abrupt ab, um dann am Ende des Films wiederaufgenommen und fortgesetzt zu werden. Dort kann dann Van Sant auch eine schräge Skater-Szene einbauen, ein Element, das sich in vielen seiner Filme findet.

Von Rückblenden kann hier aber kaum die Rede sein, denn bewusst wird nicht aufgelöst, wo die Haupthandlungslinie liegt. Mal erzählt Callahan vor einer kleinen Gruppe von Anonymen Alkoholikern, mit denen Van Sant herrlich skurrile, mit Udo Kier und den Sängerinnen Beth Ditto und Kim Gordon großartig besetzte Typen versammelt, die alle ihre Probleme mit sich tragen, von seinem wilden Leben, seiner Alkoholsucht und seiner Querschnittslähmung als 21-Jähriger, als sein volltrunkener Kumpel Dexter am Steuer des VW-Käfers einschlief, dann erinnert er sich beim Zeichnen an seine Mutter.

Durch dieses Geflecht aus Szenen, in denen zwar immer Van Sants Mitgefühl spürbar ist, aber auch der bissige schwarze Humor, der auch Callahans Karikaturen auszeichnet, nicht fehlt, entsteht nicht nur ein vielschichtiges Porträt, sondern zunehmend kristallisiert sich auch eine Entwicklung heraus.

Das ist dann zwar im Kern die klassische amerikanische Geschichte von traumatischer Kindheit, tiefem Fall in den Alkoholismus und Kampf zurück ins Leben und Selbstfindung, die Callahan trotz seiner Behinderung über das Zeichnen gelingt, doch der sonst übliche Kitsch fehlt hier dank Van Sants ungewöhnlicher Herangehensweise und seinem unsentimentalen Blick auf den Behinderten.

Dieser Blick entspricht dem Blick Callahans in seinen Karikaturen, in denen er schonungslos und teilweise auch makaber körperliche Einschränkungen verarbeitete. Geschickt baut Van Sant diese vielfach auch umstrittenen Karikaturen in seinen Film ein, animiert sie teilweise auch. Auch der Filmtitel bezieht sich auf eine Karikatur, in der zwei Sherrifs einen leeren Rollstuhl mit dem Satz kommentieren «Don´t worry, He won´t get far on foot».

Ungewöhnlich ist aber auch die Verkürzung von Entwicklungen wie der Reha nach dem Unfall oder des Wegs in die Alkoholsucht nicht durch Montagesequenzen, sondern quasi durch Filmstreifen, die mal horizontal, mal vertikal über die Leinwand laufen. Und eine ganz eigene, für Van Sant typische Atmosphäre, zu der wohl auch der Dreh auf 16-mm-Film beigetragen hat, entsteht auch in der ersten Begegnung im Krankenhaus zwischen Callahan und der schwedischen Pflegerin Annu (Rooney Mara) durch die Kombination von extremen Großaufnahmen und der Musik.

Getragen wird «Don´t Worry» aber ganz entscheidend natürlich von einem großartigen Hauptdarsteller. Wunderbar schnoddrig und roh spielt Joaquin Phoenix Callahan, vermittelt seine Sucht ebenso intensiv wie seine Wut und seinen Schmerz darüber, dass ihn seine Mutter zur Adoption freigegeben hat, aber auch seine langsame Aussöhnung mit sich und der Welt.

Entscheidende Unterstützung erhält Callahan auf diesem Weg vom reichen Hippie Donnie (Jonah Hill), der die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker leitet. Über ihn bringt Van Sant auch das Thema Homosexualität und Aids ins Spiel, die immer schon eine zentrale Rolle im Werk dieses schwulen Regisseurs spielten. Und ein Seitenhieb gegen die Reagan-Regierung fehlt auch nicht, wenn beiläufig einmal Kürzungen im Gesundheitswesen erwähnt werden.

Allzu versöhnlich und weichgespült mag «Don´t Worry» im Finale sein, aber die Menschlichkeit und die Ehrlichkeit nehmen doch für dieses bewegende Drama ein, das trotz des ernsten Themas auch mit den flippigen und bunten 1970er Jahre Hemden, Brillen, Frisuren und Farben Optimismus und Lebensfreude verbreitet.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (deutsche Fassung) und im TaSKino Feldkirch im Kino Rio (engl. O.m.U.)
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 26.9., 20 Uhr + Fr 28.9., 22 Uhr (engl. O.m.U.)
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Trailer zu «Don´t Worry - Weglaufen geht nicht»

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Mi/Fr/Sa/So/Fe 15 – 18 Uhr

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