Deine Juliet

14.08.2018 Walter Gasperi

Eine junge Schriftstellerin stößt kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf der Kanalinsel Guernsey auf ein dunkles Geheimnis, verfällt aber auch dem Charme der malerischen Insel und ihrer Bewohner. – Geschichtsaufarbeitung, Liebesfilm und Emanzipationsgeschichte fließen in Mike Newills Inszenierung zu äußerst geschmack- und stimmungsvollem, wenn auch allzu rundem und kantenlosen klassischem Gefühlskino zusammen.


Als Zungenbrecher bezeichnet der Verleger der Protagonistin ihr Manuskript «The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society» am Ende des Films. Der gleich lautende originale Titel von Mary Ann Shaffers und Annie Barrows 2008 erschienenem Roman hinterließ wohl sowohl beim deutschen Verleger als auch nun beim Kinoverleih ebenfalls diesen Eindruck. «Deine Juliet» titelte man deshalb Buch und Film, das Buch immerhin noch mit dem Zusatz «Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf».

Mit einer dramatischen nächtlichen Szene der Gründung des Clubs aus einer Notlüge heraus während der deutschen Besatzung der Kanalinsel Guernsey im Jahr 1941 lässt Mike Newell («Vier Hochzeiten und ein Todesfall», «Die Liebe in den Zeiten der Cholera») seinen Film auch einsetzen, springt dann ins London des Jahrs 1946 zur Schriftstellerin Juliet Ashton (Lily James).

Neubeginn ist angesagt, überall werden die Kriegsschäden beseitigt, doch Juliet wird noch von traumatischen Erinnerungen an den Krieg und den Verlust ihrer Eltern verfolgt. Um sie auf andere Gedanken zu bringen, will sie ihr Verleger auf eine Leserreise schicken, gleichzeitig wirbt auch der geschniegelte Amerikaner Mark (Glen Powell) mit zahllosen Blumensträußen und wertvollem Ring um sie.

Dessen Heiratsantrag nimmt sie zwar an, möchte aber zunächst noch auf die Insel Guernsey und einen Essay über den Lesezirkel mit dem seltsamen Namen schreiben, auf den sie über einen Briefwechsel mit einem Mitglied gestoßen ist. Ein kurzer Trip nur soll das werden, doch auf der kleinen Insel weckt die Verschwiegenheit hinsichtlich des Schicksals der Gründerin des Clubs ihr Interesse und lässt sie recherchieren.

Geschickt baut Newell ein Geheimnis auf, entwickelt eine Detektivgeschichte um diese Elizabeth (Jessica Brown Findlay), die zwar abwesend, gleichzeitig aber Zentrum und Motor des Films ist. Sukzessive bekommt man in kurzen Rückblenden Einblick in die Hintergründe, wobei Newell einerseits den Terror der deutschen Besatzung in Erinnerung ruft, andererseits aber auch ein differenzierteres Bild zeichnet als man zunächst meinen könnte und das scheinbar klare Freund-Feind-Schema durchbricht.

Gleichzeitig verfällt Juliet freilich auch zunehmend der beschaulichen Insel, dessen malerischen Charme immer wieder in Aufnahmen der grünen Wiesen und der Steilküste gefeiert wird. Nicht nur am Land findet die junge Frau aber Gefallen, sondern natürlich auch an den fünf teilweise leicht schrulligen, prägnant gezeichneten Mitgliedern des Literaturclubs, vor allem am Schweinebauern Dawsey (Michiel Huisman). Kitschig wird es so im Finale, abzusehen ist, dass eine an «Casablanca» erinnernde Szene am Flugfeld nicht das Ende sein wird.

Man spürt in jeder Szene, welch gut geölte Kinomaschine dies ist. Perfekt durchgeplant ist die Handlung, souverän spielt Newell in dem bis in die Nebenrollen trefflich besetzten Film auf der Klaviatur der Emotionen und verknüpft leichthändig verschiedene Themenfelder.

Er erinnert nicht nur an die Schrecken der deutschen Besatzung – am wohl weitgehend unbekannten Schicksal der Insel Guernsey – und die Bedeutung von Zivilcourage und Menschlichkeit auch in Zeiten des Terrors, sondern feiert auch die Kraft der Literatur und der gemeinschaftlichen Aktivität.

Konservativ ist «Deine Juliet» dabei in der bruchlosen Feier des einfachen Landlebens und der impliziten Kritik an städtischen Partys und der High Society, Ambivalenzen und Brüche sucht man hier vergeblich und speziell bei der Charakterisierung der beiden zentralen Männerfiguren wird dieses simple Spiel mit Gegensätzen zu weit getrieben.

Modernes Kino sieht sicher anders aus, aber die geschmackvolle und immer den Ton treffende Inszenierung, die Geschichtslektion, die geboten wird, und nicht zuletzt die Emanzipationsgeschichte, die auch erzählt wird, lernt Juliet doch zunehmend selbst zu entscheiden, sorgen insgesamt dennoch für zwei Stunden gefühlvolle und sehr gediegene, wenn auch kantenfreie Unterhaltung.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn und im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Deine Juliet»

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