Keine Oper und keine Heirat!

01.08.2018 Rosemarie Schmitt

Brahms' letzte Worte waren möglicherweise «ach, das schmeckt schön!», als Dr. Breuer ihm in der Nacht seines Todes ein Glas Rheinwein einschenkte. Reinen Wein indes, schenkten dem Totkranken die Ärzte nicht ein, und auch andere nicht. So ließ Frau Truxa, seine Wirtin, gar heimlich des Komponisten Kleider enger nähen. Tatsächlich ließ sich der inzwischen magere Brahms davon täuschen und verkündete stolz von seiner vermeintlichen Gewichtszunahme. «Er merke es deutlich!» Wer hier wohl wen täuschte?


Doch vor dem Ende stand so Vieles, was zu erzählen interessant ist! Ach, man könnte Bücher schreiben ...

Er war ein Befürworter der Trennung von Leben und Werk eines Menschen. Ich vermag dies nicht zu trennen. Er hatte eben so seine Prinzipien! "Keine Oper und keine Heirat!", lautete einer seiner Devisen. Obschon er am Totenbett seiner Mutter (er war damals Anfang 30) schluchzte: "Ich habe jetzt keine Mutter, ich muß heiraten!"

Von der Komposition einer Oper war er stets weit entfernt. An einer Heirat jedoch war er indes hin und wieder etwas näher dran. Ob etwas dran ist an dieser Geschichte die er selbst erzählt haben soll? Mit einer Dame nämlich, sei er derart liiert gewesen, daß man schon die Verlobungsfeier angesetzt habe. Das junge Paar schickte man alsdann alleine in den Park des Hauses, um sich dort den Verlobungskuss zu geben. Als die Gesellschaft jedoch in den Park folgte, um die Feierlichkeiten zu beginnen, saß da die "Verlobte" weinend und vermutlich ungeküsst, auf einer Bank. Brahms war in der oder die Dunkelheit entflohen und hatte das Weite gesucht. Ob er es wohl fand?

Seine Musik ist so stürmisch, ungebunden, flatterhaft, geheimnissvoll, vertrackt, leidenschaftlich, melancholisch, zwiegespalten, störrisch und wild wie er selbst. Ich weiss … Brahms hielt von diesen Rückschlüssen nichts. ER, nicht jedoch ICH! Möglicherweise wollte er vermeiden, dass die Hörer durch seine Musik in seine Seele blickten. Der Cellist Claudio Bohórquez und der Pianist Péter Nagy gewähren Ihnen einen Einblick in Brahms‘ Seele. Hören, sehen und fühlen sie selbst:

Trailer zur CD

Die Sonate für Cello & Klavier Nr. 1 op. 38 in e-Moll war Brahms‘ erstes veröffentlichte Sonaten-opus für zwei Instrumente. Die ersten beiden Sätze komponierte er 1862 (er war 29 Jahre jung). Drei Jahre später folgte der dritte, der finale Satz! Es war das Jahr des Satzes: "Ich habe jetzt keine Mutter, ich muß heiraten!" Erst viele Jahre später, Brahms war inzwischen reife 53 Jahre alt, komponierte er die Sonate Nr. 2 op. 99 für Cello & Klavier in F-Dur.

Er war ein Rast- und ruheloser. Reiste und wanderte leidenschaftlich gerne. Wandern Sie mit Brahms, Claudio Bohórquez und Péter Nagy durch diese Sonaten. Entdecken Sie verschlungene Wege durch plötzliche Schatten, gleissend helles Licht, dichtes Gestrüpp, hin zum Ziel mit Blick auf eine unbeschreiblich weite Ebene. Dorthin, wo so viel Platz für Hoffnung ist, soweit man zu fühlen und zu blicken vermag. Die Schwierigkeiten dieser beiden Sonaten meistern Bohórquez und Nagy mit Bravour, mit Kennen und Können. Leidenschaftlich und brillant ihr Spiel! Kein Jagen durch die Lagen des Cellos, indes technische Perfektion und Sicherheit.

Das Piano, nein, der Pianist, spricht für sich. Nicht in Worten, denn das auzudrücken, vermag nur die Musik auf eben diese Weise! Entrückte Akkordfolgen zaubern ein Gefühl von Zerrissenheit, Zweilfel, Kummer, Einsamkeit und Sehnsucht. Eine Zerbrechlichkeit die beim Zuhören körperlich zu spüren ist, doch unfassbar bleibt.

Diese Aufnahme mit Brahms‘ Sonaten für Cello & Klavier (veröffentlicht am 27. Juli 2018 / Berlin Classics) ist eine Offenbarung!

Eine der Zugaben ist der wohl Ungarischste aller Tänze ...

"Ach, das schmeckt schön!"

 

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

  • Der Cellist Claudio Bohórquez und der Pianist Péter Nagy (Foto: Gregor Hohenberg)

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