Korczak

13.09.2018 Walter Gasperi

Andrzej Wajda zeichnet in seinem 1990 entstandenen Spielfilm das Porträt des jüdisch-polnischen Arztes, Kinderbuchautors und Pädagogen Janusz Korczak, der das Wohl seiner Waisenkinder über alles stellte und sie, statt sein Leben zu retten, 1942 aus dem Warschauer Ghetto ins Vernichtungslager Treblinka begleitete. Bei absolut Medien ist der bewusst einfach inszenierte, aber zutiefst bewegende Schwarzweißfilm in restaurierter Fassung auf Blu-ray und DVD erschienen.


Den Eindruck von Aufopferung und Opferbereitschaft will Andrzej Wajda schon in der ersten Szene von seinem Protagonisten nehmen, wenn er den 1879 geborenen Janusz Korzak, der eigentlich Henryk Goldszmit hieß, in einer Radiosendung erklären lässt, dass sich hinter diesen Begriffen nur Lüge und Heuchelei verberge, denn man tue die Dinge immer für sich selbst. Auch er opfere sich für die Kinder nicht auf, sondern tue es nur aus Liebe zu den Kindern.

So klar und entschlossen der von Wojciech Pszoniak eindringlich gespielte Arzt und Pädagoge hier auftritt, so geradlinig und aufrecht wird er sich während des ganzen Films zeigen, wird das Wohl der Kinder stets über alles stellen.

Dunkle Wolken ziehen freilich schon an diesem Beginn auf, wenn der Leiter des Senders dem «alten Doktor» erklärt, dass die Sendung, die schon bislang nur unter dem Pseudonym Korczak und nicht unter seinem echten Namen Goldszmit ausgestrahlt werden konnte, nun auf politischen Druck eingestellt werden müsse. – Eine der wenigen Stellen bleibt dies, in der auch der polnische Antisemitismus spürbar wird. Alltagsantisemitismus wird zwar auch noch später sichtbar, wenn eine Polin ihrer Angestellten verbietet, sich weiterhin mit ihrem jungen jüdischen Geliebten zu treffen, echte Aggression wird den Juden aber nur von den Deutschen, die wenig später in Polen einmarschieren und zunehmend brutaler vorgehen, entgegenschlagen.

Von seinen inzwischen erwachsenen Schützlingen muss Korczak für seine Erziehung deshalb in einer sommerlichen Landszene am Beginn auch Kritik akzeptieren, denn mit seiner Hinführung zu Toleranz und Menschlichkeit habe er sie nicht befähigt gegen die radikalen politischen Strömungen der Gegenwart aufzustehen und zu kämpfen.

Korczak freilich hegt durchaus Zweifel, dass er die Welt verändern kann, beharrt gleichwohl darauf, dass er es versuchen muss. Er schreitet ein, wenn die Nazis Kinder und Frauen niederschlagen, begleitet seine Schützlinge ins Warschauer Ghetto, in dem die Juden 1940 zusammengepfercht werden, geht auch zu aufgrund dubioser Machenschaften reichen Ghetto-Juden, um für die Kinder Geld aufzutreiben.

Dafür kritisiert erklärt er, dass es nicht um seine Würde gehe, sondern dass er einzig Geld und Nahrung für seine rund 200 Waisenkinder auftreiben müsse, beharrlich wird er sich aber andererseits weigern trotz mehrmaliger Aufforderung durch die Nazis den Judenstern zu tragen.

Festhalten wird er auch im Ghetto an der Erziehung der Kinder zu demokratischem Handeln, wird sie weiter selbst Gericht nicht nur über die anderen Kinder, sondern auch über ihre Erzieher, die für Korczak vielfach die schlimmsten Despoten sind, abhalten lassen.

Er wird schließlich nicht die Möglichkeit zur Flucht nützen, die ihm angeboten wird, sondern wird mit seinen Kindern in den Güterzug steigen, der sie ins Vernichtungslager Treblinka bringen wird.

Bewusst einfach und geradlinig hat Andrzej Wajda diesen Film inszeniert und verweigert sich jeden Spektakels. Die meisterhaften Schwarzweißbilder von Robby Müller, unter die Wajda auch Archivmaterial mischt, das einen Eindruck von den menschenunwürdigen Bedingungen im Ghetto vermittelt, erzeugen einen quasidokumentarischen Eindruck, Musik wird nur an wenigen Stellen eingesetzt, die dadurch intensiviert werden.

Nichts lenkt hier vom durchaus auch hagiographischen Porträt des großen Humanisten und Erziehers ab, der in beinahe jeder Szene präsent ist. Ganz auf seinen Einsatz fokussiert Wajda, spart Hintergründe und einen größeren Kontext bewusst aus.

Nur im Finale bricht er mit dem Realismus, wenn plötzlich der Waggon mit den Kindern in freier Landschaft sich selbst abkoppelt, die Kinder und Korczak mit israelischer Fahne in Zeitlupe über die Wiese rennen und sich in einem gleißendes Weiß verlieren. Als Utopie erweist sich freilich dieses Ende, denn ein Insert informiert, dass die Kinder mit ihrem Erzieher 1942 in Treblinka ermordet wurden.

An Sprachversionen enthält der bei absolut Medien in restaurierter Fassung auf Blu-ray und DVD erschienene bewegende Spielfilm nur die deutsche Fassung, die Extras beschränken sich auf eine rund einstündige Dokumentation über die Gedankenwelt und das Schaffen Andrzej Wajdas.

Trailer zu «Korczak»

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