Summer 1993 - Fridas Sommer

07.08.2018 Walter Gasperi

Nach dem Tod ihrer Mutter zieht die sechsjährige Frida von Barcelona aufs Land, doch sie tut sich schwer, sich in der Familie ihres Onkels emotional einzufinden. – Der Katalanin Carla Simón gelang mit ihrem von persönlichen Erfahrungen geprägten, mehrfach ausgezeichneten Spielfilmdebüt ein außergewöhnlich feinfühliger Film über Familie und Kindheit, der von der herausragenden neunjährigen Laia Artigas getragen wird.


Die Kamera ist zunächst im Rücken der kleinen Frida, schaut dann in ihr Gesicht. Konsequent durch den Film werden sich diese Blickwechsel ziehen, sodass der Zuschauer einerseits mit den Augen Fridas die Welt und die Menschen wahrnimmt, ihm andererseits aber auch immer wieder in ihrem ernsten Blick ihre Unsicherheit, ihr Unverständnis und ihre stille Trauer bewusst werden.

Dass diese Strategie funktioniert bedarf freilich auch einer starken Hauptdarstellerin und die neunjährige Laia Artigas spielt diese Frida mit einer umwerfenden Natürlichkeit, die tief in die Psyche dieses Mädchens eintauchen lässt.

So wenig wie Frida wird durch diese Perspektive dem Zuschauer zunächst klar, was genau los ist. Nachts streift sie durch die Wohnung in Barcelona, in der Umzugskisten stehen. Koffer werden gepackt, die Großmutter betet mit ihr noch ein «Vater unser» und dann muss sie ins Auto des Onkels steigen und mit ihm zu dessen Haus auf dem Land reisen, während ihre Freunde dem abfahrenden Wagen nachblicken.

Erst langsam wird klar, wenn an Frida Bluttests durchgeführt werden oder andere Mütter ihre Kinder von Frida fernhalten, nachdem sich diese ein Knie aufgeschürft hat, dass ihre Mutter wohl an Aids gestorben ist, über den Verbleib des Vaters erfährt man nichts.

Ganz auf dem von leuchtenden grünen Wäldern bestimmten Land, in dem die Kameraarbeit von Santiago Racaj dieses Debüt mit großartigen lichtdurchfluteten warmen Bildern atmosphärisch dicht verankert, und während dieses einen Sommers spielen die folgenden rund 90 Minuten.

Liebevoll wird Frida von Onkel und Tante zwar aufgenommen und findet in ihrer kleineren Cousine Anna auch eine Spielgefährtin, aber so wirklich Teil dieser Familie zu werden ist doch schwer.

Ruhig und unaufgeregt und mit größtem Einfühlungsvermögen schildert Carla Simón, die selbst 1989 ihren Vater und drei Jahre später ihre Mutter durch Aids verloren hat und auf dem Land bei Verwandten aufgewachsen ist, die Unsicherheit und Zerrissenheit Fridas. Bald fühlt sie sich als Teil der Familie, dann wieder als Außenseiterin und immer wieder reagiert sie launisch und sprunghaft, hält sich nicht an Regeln und entzieht damit auch ihre kleine Cousine zumindest teilweise der Erziehung ihrer Mutter.

Nichts Dramatisches passiert, keine große Kinogeschichte entwickelt die 32-jährige Regisseurin, sondern konzentriert sich aufs Alltägliche und die kleinen Momente dieses Sommers. Ganz aus der Kinderperspektive erzählt sie dabei, auch Gespräche der Erwachsenen nimmt man vielfach nur aus der Distanz aus der Perspektive Fridas wahr.

Zeit lässt sich Simón für das Eintauchen der Städterin in diese für sie fremde Welt mit Hühnern und kleiner Werkstatt beim Landhaus. Geduldig und unaufgeregt blickt sie mit genauer Beobachtung auf Fridas Spiele mit ihrer Cousine im Garten, am Bach oder im Wald, mit anderen Kinder auf einem Spielplatz, ein Dorffest mit Tanz, den Besuch der Großeltern oder die schwierige Beziehung Fridas zu ihrer Tante, deren Anordnungen sich der kleine Lockenkopf immer wieder widersetzt.

Bewegend und mit großer Empathie schildert Simón nicht nur die Schwierigkeit Fridas sich in der neuen Welt einzufinden und Teil dieser Familie zu werden, sondern macht auch die schwer und dumpf lastende Trauer über den Verlust der Mutter bewusst. Trost sucht Frida dabei zunächst in der Religion, muss schließlich aber erkennen, dass auch Maria ihr die Mutter nicht zurückbringen wird und sie selbst einen Weg im Leben finden muss.

Wie feinfühlig Simón, die «Fridas Sommer» ihrer Mutter gewidmet hat, dieses Spannungsfeld ausleuchtet, den Film schließlich nicht nur mit dem Ende der Sommerferien, sondern auch mit der Aufklärung Fridas über den Tod ihrer Mutter durch ihre Tante enden lässt, ist zweifellos meisterhaft.

Da werden dann zwar endlich Tränen fließen und Fridas Trauer offen durchbrechen, aber mit diesem Abschluss wird auch die Möglichkeit zu einem Neubeginn geboten werden und Frida sich endlich in die Familie integrieren können, im Onkel einen neuen Vater und in der Tante eine neue Mutter sehen können. Längst zur kleinen Schwester geworden ist ihr zu diesem Zeitpunkt freilich schon die Cousine Anna, die von der kleinen Paula Robles ebenfalls mit entwaffnender Natürlichkeit gespielt wird.

Läuft derzeit in den Schweizer und Deutschen Kinos

Trailer zu «Summer 1993 - Fridas Sommer»

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